Vom Graf zum Mönch Der Heilige (von) Grafrath

18.06.2021

Verschiedene Namen und so manche angedichtete Geschichte rankten sich um den heiligen Rasso von Andechs. Feststeht, dass er schon lange verehrt wird.

Darstellung des heiligen Rasso in der Pfarrkirche St. Jakob in Dachau
Darstellung des heiligen Rasso in der Pfarrkirche St. Jakob in Dachau © Burghardt

Rasso hodie, olim Ratho, Boijs Graf Rath“ (Rasso heute, einst Ratho, für die Baiern Graf Rath) – mit diesen drei Namen leitet der Jesuit und Historiker Matthäus Rader im ersten Band seiner 1615 erschienenen „Bavaria Sancta“ die Lebensbeschreibung des in Grafrath an der Amper westlich von München verehrten Heiligen ein. Mit der Angabe von drei Namen verfährt er korrekter als heutige Historiker. Die sprechen nur von einem Rasso, so als ob sicher sei, dass dieser so hieß. In Wirklichkeit geht „Rasso“ auf einen Dießener Chronisten zurück, der den Namen erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts einführte.

Über 6.000 Wunder

Zur gleichen Zeit war die Kirche mit dem Grab bei den „Baiern“ schon unter dem Namen „Sand Graf Rath“ bekannt. Einem „sand graf rath“ wurden die mehr als 6.000 Wunder zugeschrieben, die Wallfahrer aus rund 1.500 verschiedenen Orten von 1444 bis 1593 in Grafrath zu Protokoll gaben. Allein Pilger aus München gaben 248 Wunder an, viele auch aus entfernteren Orten wie Eichstätt, Ingolstadt, Landshut, Straubing, Regensburg, Wasserburg, Rosenheim, Tegernsee, Salzburg, Innsbruck und Brixen. Auch in der Folgezeit wurde er bis Ende des 19. Jahrhunderts von den Menschen als „heiliger Graf Rath“ angerufen.

Umstrittene Geschichte

Wie es zum Namen Rasso kam, hängt mit dem Ende des von Graf Rath gegründeten Benediktinerklosters zusammen. Dieses wurde nicht, wie zuerst verbreitet, von Herzog Arnulf dem Bösen zerstört, auch nicht, wie später Aventin behauptet, von den Ungarn, es wurde vielmehr Anfang des 12. Jahrhunderts von den Grafen von Andechs und Wolfratshausen nach Dießen verlegt, zunächst an die von Graf Razo erbaute Marienkapelle, dann auf Betreiben des Bischofs von Augsburg, weil sich das Kloster der von St. Georgen im Schwarzwald ausgehenden Klosterreform verweigerte, unter Umwandlung in ein Chorherrenstift an die von Gräfin Kuniza gestiftete Kirche St. Stephan.

Der Widerstand der Vertreter des alten Klosters in Grafrath war so groß, dass der Papst um Entscheidung gebeten wurde. In einer Bulle von 1132 entzog Innozenz II. dem Kloster in Grafrath alle Rechte und Würden und übergab sie dem neuen Chorherrenstift. Dieses vernichtete darauf sämtliche Urkunden und Schriften des Vorgängerklosters. Erhalten blieben Graf Raths Grabkirche und seine Verehrung im Volk. Als im 14. Jahrhundert ein Dießener Chronist die Erinnerung an das Vorgängerkloster wieder herstellen wollte, führte er für den Gründer rund fünfhundert Jahre nach dessen Tod als Erster ohne jeden Beleg den bis dahin unbekannten Namen Razzo ein.

Einzigartige Quelle für historische Bedeutung

Der Chronist nennt seinen Razzo zwar „strenuus“ (tüchtig), nicht aber heilig. Dagegen war mit dem Namen „Graf Rath“ von Anfang an ein „sand“ (von „sanctus“ = heilig) verbunden. Diese nicht beliebig verwendbare Kennzeichnung war dem in der Kirche bestatteten Stifter wohl schon vor der Auflösung seines Klosters 1132 beigelegt worden, als für eine Verehrung noch die Kanonisation durch Rom zwingend war. Das „heilig“ wurde ihm später auch nie aberkannt, im Gegenteil, da in der Zeit des Reliquienfundes in Andechs 1388 das „sand“ bei Graf Rath schon allgemein als Namensbestandteil angesehen wurde, stellte der Verfasser der „Historia reliquiarum“ unter dem Eindruck, dass „sein heiliges Gebein große Zeichen vollbringt Tag und Nacht ohne Unterlass an kranken Menschen“, dem Namen „Graf sand Ratzko“ eigens noch ein „heilig“ voran.

Das Grab in der Mitte der Kirche von Grafrath – ein frühmittelalterliches Steinplattengrab – und die daraus entnommenen und auf den Hochaltar erhobenen Gebeine sind die einzig sichere und in ihrer Art einzigartige Quelle für die historische Bedeutung des Mannes und seine Verehrungswürdigkeit. Verzichten sollte man bei der Erwähnung seiner Person auf die historisch als falsch erwiesenen Dinge. Dazu gehört die unsinnige Angabe der Grabeslänge als Körpergröße, die Abstammung aus dem Dießen-Andechser Grafengeschlecht, das es zu seiner Zeit noch nicht gab, die Bezeichnung als Ritter, die erst später als Standesbezeichnung aufkam, und vor allem die angeblichen Siege über die Ungarn, für die es nicht den geringsten Anhaltspunkt gibt, die aber später zu seinem Markenzeichen gemacht wurden.

"Hat für Gott alles aufgegeben"

Glaubhaft sind die mit dem Grab verbundenen Überlieferungen, wie sie auch in den ältesten Andechser Schriften ihren Niederschlag gefunden haben. Rasso entstammte fränkischem Hochadel, wurde in der Karolingerzeit vom Frankenkönig in Bayern als Graf eingesetzt, gründete als solcher in dem später nach ihm benannten Grafrath ein Benediktinerkloster, stattete die Kirche mit wertvollen Reliquien aus und wurde nach seinem Tod bei den Reliquien bestattet. Der 19. Juni als Sterbetag und das Todesjahr 854 waren wohl auf einer Grabtafel festgehalten, die aber kaum noch lesbar war und 1468 durch die heutige ersetzt wurde.

Bei den Menschen dürfte sich schon früh der Amtstitel mit dem Personennamen Ratho oder Rathard zu „Graf Rath“ verbunden haben, zu dem dann später das „sand“ hinzukam. Was der Verfasser der ältesten Andechser Chronik ganz nüchtern als Grund angibt, warum die Menschen ihn nach seinem Tod als heilig verehrten, das kann auch heute noch überzeugen: „Er war vor Gott ein heiliger, gerechter Fürst hier auf Erden, … hat für Gott alles aufgegeben und wurde Mönch in dem Kloster, in dem er begraben liegt.“ (Ernst Meßmer, freier MK-Mitarbeiter)


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