Nach den Ausschreitungen in Chemnitz Der Kampf gegen rechts geht zu Hause los

04.09.2018

Sondersitzung im Sächsischen Landtag: Nach den fremdenfeindlichen Protesten in Chemnitz ist am Montag der Innenausschuss zusammengekommen. Die Politik sucht nach Lösungen. Zu wenig, findet Tanja Bergold.

65.000 Menschen haben sich in Chemnitz beim #wirsindmehr-Konzert gegen Rassismus gestellt.
65.000 Menschen haben sich in Chemnitz beim #wirsindmehr-Konzert gegen Rassismus gestellt. © imago

Betroffenheit auf allen Seiten. Die Ereignisse in Chemnitz füllen Talkshows, Pressekonferenzen und bei vielen auch die Gespräche beim Abendessen. Wir müssen was tun. Unter anderem treten Künstler auf zu einem Konzert gegen rechts, Straftaten sollen konsequenter geahndet werden, mehr Geld in die Prävention fließen.

Schön, aber ich finde: Der Kampf gegen rechts, der muss bei jedem einzelnen losgehen. Der von manchem Promi schon zitierte „innere Reichsparteitag“ gehört sofort geahndet. Rechte Kommentare auf Facebook konsequent gelöscht, gesperrt, niemals geteilt. Und der lustige Türkenwitz auf der Party? Nicht nur nicht mitlachen, sondern Kante zeigen: Das ist nicht lustig!

Vor kurzem war ich auf einer Fortbildung. Aus irgendeinem Grund nannte die Dozentin als Antibeispiel für Recht und Ordnung immer die Kroaten: „Wissen Sie, bei uns gibt es keine Mietnomaden wie in Kroatien. Wir haben Ordnung, sind ja nicht in Kroatien.“ Und so weiter. Ich gebe zu: Wir haben alle gelacht und zwar, weil ein sehr netter Teilnehmer, der übrigens perfektes Deutsch spricht, kroatische Wurzeln hat. Im Laufe des Tages musste er sich wohl hunderte – gutgemeinte und scheinbar witzige – Kommentare anhören. Und er hat gute Miene zum bösen Spiel gemacht.

Rassismus im Alltag

Als ich ihn einige Zeit später gefragt habe, ob er das wirklich lustig gefunden hat, meinte er: „Weißt Du, hätte ich mich dagegen gewehrt, wäre es noch schlimmer gewesen und: Nein, ich fand es nicht lustig.“ Dann erzählte er mir ein Erlebnis in einer Polizeikontrolle. Im Gespräch war der Polizist noch freundlich. Als er aber im Führerschein den Namen las, hat sich die Stimmung auf einmal komplett verändert. Ich war betroffen. Rassismus im Alltag. Was machen diese Menschen mit? Und ich habe mich für mein Lachen bei der Fortbildung auf einmal richtig geschämt.

Ich werde auch künftig nicht mit Heiligenschein rumrennen. Aber eins ist mir klar: Rechtsextremismus ist keine Randerscheinung mehr und kein Kapitel im Geschichtsbuch nach dem Motto: „So was passiert nie wieder“. Er ist angekommen in unserem Alltag. Wir alle müssen uns dagegen wehren.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat dazu aufgerufen, sich nicht mit einer aus den Fugen geratenen Welt abzufinden. Nicht abfinden, entschlossen für eine gute, schöne Welt kämpfen, in der ALLE einen Platz haben. Diesen Kampf nicht „den Politikern“ überlassen. Nein: Denn er geht bei uns zu Hause los. (Tanja Bergold)

Zur Autorin: Tanja Bergold ist verantwortlich für das Programm im Münchner Kirchenradio.

 

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