Folgen der Corona-Pandemie Der Kit der Gemeinschaft

08.06.2020

Mit seiner Kritik an der Solidaritätswelle während der Corona-Pandemie stand der Philosoph Michael Reder in den Schlageilen. Gegenüber mk online erklärt er, was davon bleiben wird und vor allem was noch kommen sollte.

Junge Frau kauft für ältere Frau ein
Es gibt einen Unterschied zwischen sozialer und politischer Solidarität. © Kzenon – adobe.stock

München – „Bei uns an der Hochschule haben Studierende anderen die Miete gezahlt, überall sehen wir die Zettel, die Einkaufshilfe anbieten, Masken tragen und so weiter“, sagt der Mann, der mit Kritik an der Solidaritätswelle während der Corona-Pandemie in den Schlagzeilen stand. Was soll denn daran falsch sein? Gar nichts natürlich, aber die Solidarität, die wir er- und gelebt haben, kennt harte Grenzen und an denen setzt Michael Reders Kritik an.

Der eigene Tellerrand

Um das Kernproblem zu erläutern, unterscheidet der Philosoph Professor von der Münchner Hochschule für Philosophie erstmal zwischen sozialer und politischer Solidarität. „Soziale Solidarität ist der Kit der Gemeinschaft“, sagt Reder. Genau hiermit sind all die vielen positiven Dinge, die wir als Gesellschaft im Kleinen in den letzten Monaten erlebt haben. Aber eben diese Hilfe geht nicht über die unmittelbare Umgebung hinaus. Und da hapert es.

„Wir reden fast nicht mehr über die Flüchtlinge. In Griechenland, auf der Balkanroute sind Menschen katastrophalen Zuständen ausgeliefert“, hält Reder fest. Und zählt noch weitere Beispiele auf der Welt auf wie die Kriegsgebiete im Jemen und Lybien. „Die starke Betonung der sozialen Solidarität schaut zu wenig über den Tellerrand“. Dabei hält Reder fest: „Die meisten hier leben ja in einer Position der Stärke. Für viele Leute der gehobenen Mittelschicht ist es zwar anstrengend, aber letztendlich kein Problem das Leben im Homeoffice zu organisieren. Da würde ich mehr erwarten.“ Stattdessen kommt dann zunächst ein „Jetzt müssen wir erstmal unsere Masken hier aufziehen“.

Corona als Schlüsselerlebnis

Grenzen der Solidarität sind dabei auch wörtlich zu verstehen: Seit 1990 wurden nationale Grenzen immer offener und nun sorgt ein internationales Virus, das keinen Unterschied zwischen Ländern macht, dafür, dass Länder sich abschotten. Ein Trend, den es schon vorher gab: „Die letzten Jahre waren davon geprägt, dass die Bezugnahme auf nationale Politiken und Grenzen wieder leichter gefallen ist.“ Die Frage ist jetzt aber, ob dieses Denken so bleibt, wenn die Grenzen in Europa zumindest wieder offen sind.

Dieses Denken hält Reder für gefährlich, denn: „Wir leben in einer globalen Welt, wir können das Rad auch nicht mehr zurückdrehen.“ Aber genau hier sieht auch Reder eine Chance, Perspektiven zu ändern. „Ich glaube, dass die Erfahrung bleibt, dass wenn wir alle zusammenhalten, wir etwas bewirken können.“ Denn wir haben ja die Großmutter geschützt und nicht angesteckt, haben telefoniert und vermehrt Briefe geschrieben, haben eingekauft und andere finanziell unterstützt. Im Prinzip gibt es hier für eine ganze Gesellschaft ein politisches, soziales Schlüsselerlebnis.

Frauen als Leidtragende

Dabei hat die soziale Solidarität bei allen guten auch negative Effekte. Mit ihr geht fast immer Exklusion einher: In den meisten Familien müssen die Frauen zur Kinderbetreuung zu Hause bleiben und somit werden klassische Genderasymmetrien reproduziert. Aber in der großen Politik, vermutet der Philosoph, dass alte Grabenkämpfe wieder auferstehen: „Nur zur Erinnerung: Wir hatten das Klimathema als wichtigstes Thema. Wird jetzt alles wieder hochgefahren oder werden andere Entwicklungspfade eingeschlagen?“. Die Diskussionen um die Autokaufprämie zeigten, dass Themen wie der Klimawandel nicht verschwunden sind.

„Afrika zeigt sich allein in der medialen Berichterstattung erneut als vergessener Kontinent“. In der Politik ist das erst recht so und Reder zitiert mehr als einmal Misereor Hauptgeschäftsführer Primin Spiegel, der ganz bewusst auf die Armut und die Corona-Krise in Afrika und Lateinamerika verweist.

Aber der Philosoph ist dennoch zuversichtlich: „Wir haben in den letzten Jahren ja Fortschritte gemacht und hier für Deutschland, glaube ich, dass das Bewusstsein relativ groß ist – klimapolitisch, entwicklungspolitisch und friedenspolitisch.“

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

Das könnte Sie auch interessieren

Pater Wolfgang
© privat

Zwischen Kloster und Klinikum Mönch in der Intensivpflege

Früher hat er in einem Krankenhaus gearbeitet. Das ist lange her. Doch in den vergangenen Monaten ist Pater Wolfgang wieder auf Station gegangen.

17.07.2020

Isolation als Schutz: Über Monate war ein Besuch im Monsignore-Bleyer-Haus nicht möglich.
© Bauer/SMB

Coronaschutz im Monsignore-Bleyer-Haus

Social Distancing gilt als Gebot der Stunde. Wie lässt es sich in einer Einrichtung für behinderte Menschen umsetzen?

12.06.2020

Schwangere Frau vor Computer
© goodluz - stock.adobe.com

Digitale Kurse rund ums Baby

Das „Haus der Familie“ begleitet Schwangere auch in der Corona-Krise. Statt vor Ort finden die Kurse online statt.

12.06.2020

Mann sitzt an Tisch, stützt Kopf auf Hände.
© SHOTPRIME STUDIO - stock.adobe.com

„Trauer ist eine Reaktion auf Verlust“

Pastoralreferent Ulrich Keller ist Fachreferent für Trauer und Trauma im Erzbischöflichen Ordinariat. Im Interview erzählt er wie Veränderungen Menschen in eine Krise stürzen können.

10.06.2020

Das Misereor Hungertuch
© Misereor

Idee einer besseren Welt

Die aus Chile stammende Künstlerin Lilian Moreno Sanchez hat das neue Hungertuch des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor fertig gestellt.

08.06.2020

Ein obdachloser Mann liegt auf der Straße
© paul prescott - stock.adobe.com

Leitplanken des sozialen Lebens

Die katholische Soziallehre bildet das Fundament der Bundesrepublik und wird gerade in Zeiten von Corona wieder relevant. Aber sie verlangt dem Einzelnen auch viel ab.

13.05.2020

© honigjp31 - stock.adobe.com

Philosoph warnt vor negativen Seiten der Corona-Solidarität

Die Welle der Solidarität droht soziale Probleme zu überdecken, erklärte der Münchner Philosophie Professor Michael Reder. An die Politik hat er deswegen konkrete Forderungen.

05.05.2020

Eine Gruppe von Erwachsenen und Kindern läuft durch Trümmer.
© Imago

Misereor: Spendenausfälle in Millionenhöhe

Durch die Corona-Krise fehlen dem Hilfswerk wichtige Gelder. Aber Misereor Deutschland Chef Pirmin-Spiegel hat Hoffnung.

27.03.2020

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren