Johannes XXIII. Der Konzils-Papst

26.04.2014

Wohl bei kaum einem Papst der Kirchengeschichte ist die historische Gestalt und die kirchengeschichtliche Bedeutung so von Legenden überstrahlt wie bei Johannes XXIII.

Papst Johannes XXIII. lenkte von 1958 bis 1963 die Geschicke der Weltkirche. (Bild: imago)

Seine Menschlichkeit, seine bäuerliche Herkunft, sein Mutterwitz und seine manchmal unkonventionellen Reden haben dazu beigetragen, dass es Dutzende von humorvollen Anekdoten und Geschichten gibt, die sich um sein Bild ranken. Aber um seine Bedeutung in der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts halbwegs objektiv zu sehen, muss man die volkstümliche Überlieferung beiseiteräumen und auf die Fakten schauen.

Zu den Standardsätzen über Johannes XXIII. zählt die Einschätzung, dass er als „Übergangspapst“ gewählt wurde. Da er bei seiner Wahl schon fast 77 Jahre alt war, konnten die Kardinäle im Konklave von 1958 ziemlich sicher sein, dass sie nach dem ungewöhnlich langen Pontifikat Pius XII. (1939-1958) diesmal nur einen Papst für wenige Jahre gewählt hatten. Tatsächlich regierte Johannes XXIII. weniger als fünf Jahre. Aber weil es die Jahre einer Zeitenwende waren und weil sich innerhalb der Kirche während des Krieges und der dramatischen Ost-West-Konfrontation vieles angestaut hatte, passierte in diesen fünf Jahren ungeheuer viel im Vatikan.

Erstlings-Rekorde

Der alte, und eigentlich recht traditionell denkende Papst aus dem Alpenvorland sammelte in kurzer Zeit mehr „Erstlings-Rekorde“ als seine Vorgänger in Jahrzehnten. Als erster Papst des 20. Jahrhunderts reiste er (mit der Eisenbahn) außerhalb von Rom nach Assisi und nach Loreto. Als erster Papst nach über 400 Jahren empfing er das geistliche Oberhaupt der Anglikaner. Er schrieb die erste Enzyklika, die auf die atomare Bedrohung einging und die sich außer an die Gläubigen auch an „alle Menschen guten Willens“ richtete. Er empfing als erster Papst einen Funktionär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Vatikan. Die Reihe ließe sich noch ein wenig fortsetzen, aber seine alles überragende Erstlingstat war die Einberufung eines allgemeinen Konzils – zum ersten Mal seit 1869.

Was er mit diesem „Zweiten Vatikanischen Konzil“ (1962-1965), das ihn um drei Jahre überlebte, erreichen wollte, ist teils Gegenstand der Legende, teils das Objekt des theologischen Deutungsstreits bis heute. Dass es ihm darum gegangen sei, die Der Konzils-Papst Johannes XXIII. zwischen Mythos und Wirklichkeit Fenster zu öffnen, jahrhundertealten Mief heraus- und frische Luft hereinzulassen, ist eine der vielen unbestätigten Anekdoten über den Roncalli-Papst. Aufschlussreicher ist das Bild, das sein langlebiger Privatsekretär Loris Capovilla einmal gebrauchte: Der Papst habe die Furche vertiefen wollen, in die der Same des Wortes Gottes eingesenkt wird, aber er habe keine neuen Furchen ziehen wollen. Dieses Ziel der Vertiefung des Glaubens ist in der Wahrnehmung des Konzils fast vollständig überlagert worden vom Schlagwort des „Aggiornamento“ („Verheutigung“).

Eigendynamik des "Aggiornamento"

Diesen schwer in andere Sprachen zu übersetzenden italienischen Begriff gebrauchte der Papst selbst eher selten. Er stammt aus dem Sprachgebrauch der Kirchenjuristen, die damit eine Anpassung bestehender Normen an die Umstände der gegenwärtigen Zeit umschreiben. Der Ausdruck hat den Vorteil, dass er den missverständlichen Begriff „riforma“ (Reform) vermeidet, der im Italienischen die Reformation und die dadurch begründete Kirchenspaltung meint. Ähnlich wie das offene Fenster wurde auch das „Aggiornamento“ bald zu einem geflügelten Wort und entwickelte eine Eigendynamik, die vermutlich weit über das hinausging, was der Papst ursprünglich damit sagen wollte.

Das gilt wohl auch für jene Reform, durch die das Konzil bis heute prägenden Einfluss auf die sichtbare Gestalt und Glaubenspraxis der katholischen Kirche entfaltet: die „Liturgiereform“. Die wenige Jahre nach dem Konzil realisierte Modernisierung der katholischen Gottesdienste hätte sich Johannes XXIII. vermutlich nur schwer vorstellen können. Noch im Jahr 1962 ordnete er an, dass das Latein als Unterrichtssprache an den Theologischen Fakultäten gepflegt werden solle – auch deshalb, weil es nun einmal die allen anderen Sprachen überlegene Liturgiesprache sei.

Neues Klima

Mit der Liturgiereform ist es wie mit vielen anderen Veränderungen, die im kurzen Pontifikat Johannes XXIII. ihren ersten Anstoß erhielten: Sie werden in der Rückschau mit dem Papst identifiziert, der nichts anderes tat, als ein Klima zu fördern, in dem neue Pflanzen gedeihen und ältere vertrocknen konnten. So war es keineswegs Johannes XXIIII., der die prächtige Papstkrone „Tiara“ abschaffte. Das taten erst seine Nachfolger – den letzten Schritt machte Benedikt XVI., der sie im Jahr 2005 konsequenterweise auch aus seinem Papstwappen verbannte. Auch die Sänfte, in der Päpste seit Jahrhunderten getragen wurden, schaffte Roncalli nicht ab. Und er benutzte wie selbstverständlich in seinen offiziellen Ansprachen und Schriften noch den majestätischen Plural des „Wir“.

Aber er konnte auch ganz persönlich und bescheiden sein, wie in der berühmten „Mondscheinrede“, mit der er am Abend der Konzilseröffnung 1962 die Menschenmenge auf dem Petersplatz grüßte. Darin sagte er unter anderem: „Meine Person zählt nichts; es ist ein Bruder, der zu euch spricht, ein Bruder, der durch den Willen unseres Herrn Vater geworden ist. Vatersein und Brudersein aber ist alles miteinander Gnade Gottes.“ Und dann sagte er auch den schönen Satz: „Wenn ihr nach Hause zurückkehrt, dann werdet ihr dort eure Kinder vorfinden: Liebkost sie und sagt ihnen: Das ist die Liebkosung des Papstes.“ Anders als manche Legende sind diese Worte bis heute auf Tonband gespeichert und damit gesichert überliefert. Und sie erklären besser als umfangreiche theologische Forschungsarbeiten, warum die Erinnerung an diesen Papst die Zeiten überdauert. (Ludwig Ring-Eifel)


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