Kreuze im Erzbistum: Ordinariat München Der lädierte Christus

30.03.2018

Ein Kruzifix in einem Sitzungssaal erinnert Generalvikar Peter Beer an den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche.

Erinnerung und Mahnung: Das Kreuz im Ordinariatskonferenzsaal, das Generalvikar Peter Beer während des Missbrauchsskandal jeden Tag begleitet hat.
Erinnerung und Mahnung: Das Kreuz im Ordinariatskonferenzsaal, das Generalvikar Peter Beer während des Missbrauchsskandal jeden Tag begleitet hat. © SMB/Fleischmann

München – Im Erzbischöflichen Ordinariats an der Münchner Kapellenstraße hängt ein unscheinbares und lädiertes Kruzifix aus der Barockzeit. Ein bedeutendes Kunstwerk ist es nicht. Prälat Peter Beer schaut aber immer mit besonderen Gefühlen auf dieses Kreuz. Denn als der Generalvikar 2010 die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals anpacken musste, hing dieses Kruzifix in seinem Büro. Das war zwei Wochen nach seinem Dienstbeginn. In dieser schweren Zeit begann und endete für den Prälaten jeder Tag mit einem Blick auf dieses Barock-Kreuz. Gehörte es vorher einfach zur Ausstattung seines Büros, wurde es immer mehr zum „Du-und Du-Gegenstand“, wie es der Generalvikar nennt, zu dem er eine starke persönliche Bindung spürt, „weil es für mich immer wieder ganz deutlich herausschreit, was ist wichtig in deiner Arbeit, wo schaust du drauf.“ Das etwa 300 Jahre alte Kruzifix war früher im Kunstdepot der Erzdiözese eingelagert. Woher es genau stammt, ist unbekannt, erzählt der Prälat. Der Künstler zeigt einen Christus, in der Gestalt des Leidenden.

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Kreuze im Erzbistum München und Freising: München, Ordinariat

Das etwa 300 Jahre alte Kruzifix war früher im Kunstdepot der Erzdiözese eingelagert
Das etwa 300 Jahre alte Kruzifix war früher im Kunstdepot der Erzdiözese eingelagert © SMB/Fleischmann

Christusfigur zeigt Spuren der Zeit

Im Lauf Zeit ist er auch noch schwer lädiert worden. Der Kopf sieht aus, als hätte jemand daran gesägt. Auf die Arme könnte jemand mit einem Beil eingeschlagen haben. Wahrscheinlich ist die Figur gerade noch von irgendjemandem davor bewahrt worden, als Brennholz zu enden. Jede Faser daran, hat sich der Prälat genau angeschaut: „Dieses Kreuz hat Spuren aus den Zeiten der Geschichte, die nicht auszulöschen sind.“ Genauso wenig wie der Missbrauchsskandal in der Geschichte des Erzbistums München und Freising auszulöschen ist und Verwundungen hinterlassen hat.

Auch die Finger der Christusfigur sind abgebrochen. Den Generalvikar erinnern sie immer an einen bekannten Spruch: Jesus hat keine anderen Hände als Deine, um in der Welt zu wirken. Darum verknüpft er mit dem Kreuz auch eine Hoffnung, dass Christen gegen das Leid etwas tun können, ein kleines Stück Ostern: „Es gibt immer auch den Weg zum Guten, zur Umkehr, es gibt immer wieder die Möglichkeit neu anzupacken, aber man muss es eben auch tun.“

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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