Einsatz bei der Münchner Straßenambulanz Der Mensch und seine Not

18.01.2017

Seit 20 Jahren ist die Münchner Straßenambulanz unterwegs, um Obdachlosen zu helfen. Der Barmherzige Bruder Karl Wiench schreibt über seine Erfahrungen im Einsatz.

KrankenpflegerFrater Karl Wiench in der Straßenambulanz mit einem Patienten. © Westermann/Straßenambulanz

Die Münchner Straßenambulanz ist jetzt seit genau 20 Jahren jede Woche zwei bis drei Abende unterwegs, um ein niederschwelliges medizinisches Angebot an den Mann oder die Frau auf der Straße zu bringen. Ins Rollen kam das Projekt bei einer Geburtstagsfeier, dem 500. von Johannes von Gott, dem Ordensgründer der Barmherzigen Brüder. Aus diesem Anlass suchten die Brüder 1995 nach einem „Geschenk“, einem Zeichen in unserer Zeit, das dem Gründer gefallen würde. Er selbst hatte die Kranken und Hilfsbedürftigen von der Straße aufgesammelt und sie auf seine Schultern geladen, um sie in seine Herberge, später in sein Krankenhaus zu bringen. Die Straßenambulanz tut dies mit den Mitteln, die uns gegenwärtig zur Verfügung stehen: einem Krankenwagen, Ärzten und Krankenpflegern, aktueller Medizin und viel Engagement.

Als ich Ende 1996 in den Orden der Barmherzigen Brüder eintrat, war das Projekt gerade in der Konkretisierung und viele Fragen waren zu klären. Welches Fahrzeug ist geeignet? Welche Ausstattung ist sinnvoll? Wo soll die Ambulanz hinfahren? Wie erfahren die Wohnungslosen davon? Mir lag die Vorstellung, da mitzumachen, sehr fern, und es beschäftigte mich lange, warum ich nicht mitmachen wollte. Zwei Jahre später, ich war zu einem Praktikum wieder in München, bekam ich die Einladung, mit der Straßenambulanz mitzufahren. Da brachen zuerst alle Bedenken und Vorurteile, die ich hatte, über mich herein – und dann, während der Fahrt und den konkreten Begegnungen, in sich zusammen. Seit diesem Erlebnis, das mich komplett umgedreht hat, schlägt mein Herz anders. Im Erkennen, dass die Menschen auf der Straße in ihrer Notlage nichts Anderes sind oder fühlen als ich selbst, hat sich mir ein Wort Jesu ganz neu erschlossen: „Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!“ (Lk 10,37)

20 Jahre Straßenambulanz

An zwei bis drei Abenden in der Woche ist in München bis Mitternacht die Straßenambulanz, eine „rollende Arztpraxis“, unterwegs zu Treffpunkten und Schlafstellen von Wohnungslosen. Die Besatzung besteht aus Dr. Thomas Beutner, der im Städtischen Unterkunftsheim an der Pilgersheimerstraße eine Arztpraxis für obdachlose Menschen betreibt (Telefon 089/62502-40), und einem Krankenpfleger aus dem Krankenhaus Barmherzige Brüder.

Zu den Aufgaben der Straßenambulanz gehören die Untersuchung, Behandlung und pflegerische Betreuung von Menschen auf der Straße, deren Versorgung mit Medikamenten, ihre, falls nötig, Begleitung in Krankenhäuser, im Bedarfsfall die Organisation eines Nachtquartiers, die Vermittlung sozialer Dienste sowie in Notfällen die Ausgabe von Kleidung und Decken. Der Katholische Männerfürsorgeverein München, die Bayerische Ordensprovinz der Barmherzigen Brüder und die Arztpraxis für Wohnungslose arbeiten seit 20 Jahren, seit Februar 1997, in diesem Projekt zusammen. pm

Es ist die Begegnung, der Augenblick, ja genauer: der Anblick, wie ich dem jetzt gerade Nächsten gegenübertrete. Ich schaue den Menschen an, sehe seine Not und sein Anliegen. Aber da ist noch mehr: Jeder ist einzigartig, jeder hat seine eigene Geschichte, etwas das ihn ausmacht und nur ihn ausmacht. Und dahinter ist der, der ihm Leben gibt, der ihm zusagt: Du bist mein geliebtes Kind, ich habe deinen Namen in meine Hand geschrieben. Sehen kann ich nur den Menschen, tun nur das, was mir gegeben ist, aber grenzenlos schenken kann ich ihm den Blick und das Ansehen: Du bist wertvoll!

Es ist neben vielen anderen Dingen bei uns die Regel, dass wir die Menschen, die zu uns kommen, mit ihrem Namen ansprechen. Das ist für die meisten unserer Patienten das einzige Mal am Tag, in der Woche oder seit sehr langer Zeit, dass sie respektvoll mit Namen angesprochen werden. Auch dadurch bekommt die Behandlung eine persönliche Note, eine Hilfe, die anders wirkt als die Medizin, eine Tiefe, die einen Hinweis gibt auf das Mehr, das jeden Menschen ausmacht.

Schenkend und selbst noch mehr beschenkt gehe ich jetzt seit nunmehr 14 Jahren jede Woche in diesen Dienst am Nächsten. Vergangene Woche kam während unserer Behandlungstour eine Frau zu uns, der wir vor fast zehn Jahren geholfen haben und die inzwischen in geordneten Bahnen lebt. Sie brachte uns aus Dankbarkeit eine Decke als Gabe für jemanden, der sie brauchen kann. Das war so ein Moment, in dem mir ganz klar wurde: Jetzt bin ich ihr Nächster geworden. Mit dieser Freude geht unser Geschenk an den heiligen Johannes von Gott ins dritte Jahrzehnt.

Frater Karl Wiench, Krankenpfleger


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