Franziskus besucht den Irak "Der Papstbesuch ist ein ganz starkes Zeichen"

04.03.2021

Nahost-Experte Moritz Ehrmann äußert sich im Interview zu den Chancen und Risiken der Reise von Papst Franziskus in den Irak.

Ein Poster mit einem Bild von Papst Franziskus vor seinem Besuch im Irak hängt am 3. März 2021 in einer Straße in Mossul.
Ein Poster mit einem Bild von Papst Franziskus vor seinem Besuch im Irak hängt am 3. März 2021 in einer Straße in Mossul. © Jean-Matthieu Gautier/KNA

Vatikanstadt/Wien - Moritz Ehrmann (39) war als Diplomat an der österreichischen Botschaft beim Heiligen Stuhl und bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) tätig. Mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz verbrachte er über ein Jahr im Irak. Seit 2018 arbeitet er an Mediationsinitiativen im Mittleren Osten und vor allem im Irak. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) äußert er sich zu den Chancen und Risiken der bevorstehenden Reise (5. bis 8. März) von Papst Franziskus in den Irak.

Herr Ehrmann, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um als Papst in den Irak zu reisen?

Moritz Ehrmann: Der Zeitpunkt ist nie ganz einfach in einem Land wie dem Irak. Gleichzeitig ist es ein Moment, in dem die ganze Welt Hoffnung braucht, um aus Krisen herauszukommen. Und der Irak befindet sich in mehreren Krisen gleichzeitig. Insofern könnte man sagen: Es ist ein guter Moment.

Welchen Nutzen können sich die unterschiedlichen Akteure erwarten - die Ortskirche, die Regierung in Bagdad, die Schiiten?

Ehrmann: Die Zentralregierung ist daran interessiert, die internationalen Kontakte des Irak zu diversifizieren, sich offen zu zeigen und Partner zu suchen. Dabei kann der Besuch ihnen helfen. Von den Schiiten nehme ich vor allem den Wunsch wahr, mit den Wahrzeichen ihrer Konfession - den heiligen Stätten Nadschaf und Kerbela - berücksichtigt zu werden. Die wichtigste Frage ist, wie sich das für die lokale Kirche darstellt. Hier würde ich sagen, dass der Punkt Hoffnung besonders zum Tragen kommt: Die Christen im Irak leiden unter extremen Schwunderscheinungen - und das nicht erst seit dem sogenannten "Islamischen Staat". Schon vorher gab es einen Exodus der christlichen Minderheit. Für sie ist der Papstbesuch ein ganz starkes Zeichen, und es kann gut sein, dass er ihren Glauben an sich selbst nachhaltig stärkt.

Irakische Christen betonen, dass sie seit jeher zum Land gehören. Entspricht das der allgemeinen Sicht im Irak?

Ehrmann: Ja, das würde ich sagen. Von Vertretern anderer Glaubensrichtungen wird immer betont, dass Christen ein fundamentaler Teil der Gesellschaft sind. Das wurde nicht einmal in der Phase des "Islamischen Staats" infrage gestellt. Sie wurden sogar während dieser Zeit nicht zur Ausreise gezwungen und wurden auch nicht so malträtiert wie andere Minderheiten.

Aber sie bilden eine verschwindend kleine Gruppe. Wenn die sich nun zum Makler der nationalen Einheit aufschwingt, ist das nicht hoch gepokert?

Ehrmann: In der Tat, im Unterschied zu vor zehn oder zwanzig Jahren ist die christliche Gemeinschaft im Verschwinden begriffen. Gemessen an ihrer Größe wirft sie ein deutlich höheres Gewicht in die Waagschale, aber das ändert nichts daran, dass Christen im Irak kein wesentlicher Player sind.

Der Papst wird mit zwei Anliegen kommen: die lokale Kirche stärken und nach außen für die "Geschwisterlichkeit aller Menschen" werben. Wie gut wird diese doppelte Botschaft funktionieren?

Ehrmann: Ich glaube, dass das normale gesellschaftliche und politische Spektrum das schon richtig einordnen kann. Die katholische Kirche und der Papst haben kein schlechtes Image. Von dieser Seite wurde dem Irak nie etwas getan. Nach meinem Eindruck gibt es keine von vornherein negative Wahrnehmung der katholischen Kirche, auch nicht gegenüber ihrem Oberhaupt oder lokalen Vertretern. Von daher werden die Botschaften vermutlich wohlwollend aufgenommen.

Die innenpolitische Lage ist weiter fragil, das außenpolitische Umfeld mit Iran und Saudi-Arabien heikel. Bewegt sich der Papst da durch ein Minenfeld?

Ehrmann: Natürlich - der Irak stellt, wie auch der Libanon, einen Mikrokosmos für den Nahen und Mittleren Osten dar, an dem von allen Seiten gezerrt wird. Das ist ein extrem komplizierter Kontext. Umso bemerkenswerter, dass der Papst sich in diese Situation begibt. Ich gehe aber davon aus, dass er die passenden Worte finden wird - Worte, die niemanden vor den Kopf stoßen und mehr das Gemeinsame betonen als das Trennende.

Andererseits fehlt dem Irak doch seit einem Jahrhundert eine verbindende Identität.

Ehrmann: Richtig, aber das heißt nicht, dass sie diesen Zustand nicht ändern wollen. Die Zeit des "Islamischen Staats" war ein Gipfel der Brutalität. Das hat zu einem Umdenken im Land geführt. Aus Ideen wie nationaler Wiederversöhnung ist seitdem ein Bemühen um gesellschaftlichen Zusammenhalt gewachsen. Es bleibt ein weiter Weg, aber dieses Konzept stellt niemand mehr in Frage. Es ist ein Hoffnungsschimmer.

Könnten Sie die Rolle von Großajatollah al-Sistani beleuchten - wie steht er innerhalb der irakischen Gesellschaft und gegenüber dem Iran da?

Ehrmann: Die Person des schiitischen Großajatollahs wird über die konfessionell-religiösen Grenzen hinweg sehr positiv wahrgenommen. Er gilt als eine der wenigen moralischen Autoritäten im Land, und das vor dem Hintergrund einer breiten Ablehnung der sonstigen Elite. Natürlich erzeugt das ein Spannungsverhältnis gegenüber dem großen Nachbarn Iran - aber diese Spannung scheint al-Sistani in Kauf zu nehmen und verkraften zu können. Ich glaube nicht, dass seine Begegnung mit dem Papst zu Schwierigkeiten im Verhältnis zum Iran führen würde. Auch der Iran betont, Respekt für andere Religionen zu haben, auch für seine eigene christliche Minderheit - das ist zumindest die offizielle Linie.

Demnach könnte der Iran einen Kollateralnutzen aus dem Treffen zwischen al-Sistani und Franziskus ziehen und um Anerkennung der eigenen theologischen Führung werben?

Ehrmann: Indirekt, ja - auch wenn al-Sistani aus iranischer Sicht dafür nicht der beste Vektor ist, weil sie eben in einem gewissen Spannungsverhältnis stehen. Aber aus rein schiitischer Sicht stellt das eine Anerkennung dar, und die Stadt Nadschaf ist natürlich für alle Schiiten wichtig.

Sie kennen den diplomatischen Apparat des Heiligen Stuhls - wie gut ist der für diese Mission gewappnet?

Ehrmann: Ich selbst hatte immer mit sehr professionellen Personen zu tun. Nach meiner Erfahrung hat der diplomatische Dienst des Vatikan den großen Vorteil, dass er international aufgestellt ist. Im Bereich des interreligiösen Dialogs erlebte ich Mitarbeiter, die aus dem Nahen Osten kamen und die natürlich einen völlig anderen Zugang und eine andere Akzeptanz gegenüber Gesprächspartnern aus der Region hatten.

Was könnte man als Vatikan im Irak alles falsch machen?

Ehrmann: Wenn man anfangen würde, parteiisch zu agieren, geriete man in das erwähnte Minenfeld. Niemanden vor den Kopf zu stoßen - das ist das Wichtigste in so einem komplizierten Setting, aber auch in dieser Kultur.

Und was gibt Ihnen die Hoffnung, dass der Besuch ein Erfolg wird?

Ehrmann: Einmal die generelle Stimmung, die in den letzten Jahren in Richtung Wiederversöhnung und Zusammenhalt gedreht hat. Und mein persönlicher Eindruck, dass dieser Papst in der Lage ist, sich in so einem komplizierten Kontext zu bewegen und die richtigen Worte zu finden. (Interview: Burkhard Jürgens/kna)


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