Erasmus-Grasser-Ausstellung in München Der Persönlichkeiten-Schnitzer

20.04.2018

In einer einzigartigen Schau im Bayerischen Nationalmuseum ist jetzt das Werk des Bildhauers Erasmus Grasser zu sehen, der mehr als nur die weltberühmten Moriskentänzer geschnitzt hat.

Bewegte Figuren in bewegten Zeiten: Ein Ausschnitt aus dem Kreuzaltar aus Mariä-Himmelfahrtskirche in München-Ramersdorf. © Kath. Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt Ramersdorf/Th. Dashuber

So nahe wie zurzeit ist der Heilige Petrus nie wieder zu sehen und schon gar nicht mit solchen Begleitern. Die gut drei Zentner schwere Hauptfigur aus dem Hochaltar der Münchner Peterskirche ist bis Ende Juli im Bayerischen Nationalmuseum ausgestellt. Dort ist sie umrahmt von den mächtigen spätgotischen Bildtafeln, zwischen denen die Skulptur früher in Sankt Peter postiert war und die heute auf verschiedene Orte verstreut sind. Sie geben eine Vorstellung davon, wie groß dieser mittelalterliche Altar gewesen sein muss. Nur die von Erasmus Grasser geschaffene Figur ist über die Jahrhunderte hinweg in Münchens ältester Pfarrkirche geblieben. Ein Beleg dafür, dass die Gläubigen sie immer treu verehrt haben, dass sie aber auch als künstlerisches Meisterwerk geachtet wurde. Aus Anlass seines 500jährigen Todestages widmet das Bayerische Nationalmuseum in Kooperation mit dem Freisinger Diözesanmuseum Erasmus Grassers nun eine große Ausstellung. Es ist die erste ihrer Art überhaupt, die mit rund 90 Werken des Bildhauers so viele wie nie zuvor an einem Ort versammelt.


Nicht nur Morsikentänzer

Diese späte Würdigung überrascht auch deshalb, weil Grasser mit den Moriskentänzern eines der berühmtesten bayerischen Kunstwerke geschaffen hat. Auch sie sind in der Ausstellung zu sehen, allerdings nur fünf der insgesamt zehn Figuren. Mehr wollte das Münchner Stadtmuseum nicht herausgeben. Sie zählen zu den Hauptwerken des Hauses und wenigstens ein paar Original-Morisken sollten auch dort tanzen. Die ins Bayerische Nationalmuseum ausgeliehenen Figuren machen gleich eingangs den besonderen Stil Erasmus Grassers deutlich. Die ausladenden Gesten, ihr Schwung und die ausdrucksstarken Gesichter sind von einzigartiger Lebendigkeit. Der groß über die Figuren geschriebene Ausstellungstitel „Bewegte Zeiten“ passt aber nicht nur zu den Moriskentänzern. Grasser schuf seine dynamischen Skulpturen in einer aufgewühlten Epoche, die mit religiöser und gesellschaftlicher Unruhe, neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und der Entdeckung Amerikas verbunden war. München erlebte damals einen wirtschaftlichen Aufschwung, der wohl auch den aus der Oberpfalz stammenden Künstler in die oberbayerische Residenzstadt zog.

 

Unbeliebter Kollege

 

Dort erhielt er von Herzog Albrecht IV. schnell bedeutende Aufträge, auch wenn Grasser bei seinen Zunftgenossen unbeliebt war: „Unfriedlich“ und „arglistig“ soll er gewesen sein, wie eines der wenigen Archivstücke über den Künstler berichtet. Seinen Auftraggebern war das egal, so lange Grasser erste Qualität ablieferte. Im heutigen Münchner Liebfrauendom hat er das Chorgestühl mit seinen Propheten-, Apostel- und Heiligenfiguren geschaffen, von denen 32 in der Kirche erhalten geblieben sind. Es ist eine Sensation, dass sie komplett in der Ausstellung zu sehen sind. Das Diözesanmuseum hatte vorsichtigerweise zuerst nur 15 Figuren angefragt, das Domkapitel war aber bereit, sogar alle auszuleihen. Auf diese Weise kann ein breites Publikum ganz dicht an diese Werke herankommen, die sich sonst im für Besucher gesperrten Chor des Doms befinden. Wie bei den Moriskentänzern hat Grasser hier ganz individuelle Persönlichkeiten geschnitzt. In den Blicken und Gesten seiner Propheten ist spüren, dass sie von einem göttlichen Ruf durchdrungen sind. Und selbst wer nur wenig über den heiligen Gregor weiß, den Benediktinermönch auf dem Papstthron und späteren Kirchenvater, erkennt in Grassers Darstellung einen tief nachdenklichen, nach innen gewandten und demütigen Menschen.

 

Fromm und geschäftstüchtig

 

Auch in den deutlich kleineren Figuren des frisch restaurierten Kreuzaltars aus der Wallfahrtskirche in München-Ramersdorf ist das Einfühlungsvermögen dieses Künstlers zu spüren. Und seine Frömmigkeit, zu der das gerade populär gewordene Rosenkranzgebet und auch die geistliche Lektüre gehörte. So ist in der Ausstellung eine Ausgabe des „Schatzbehalters“ zu sehen, eine Betrachtungsschrift über das Leiden Christi, die nachweislich in Grassers Besitz war. Er las darin aber wohl nicht nur zur Erbauung, sondern auch um sich Anregungen für seine Arbeit zu holen. Die erst vor zwei Jahren vom Freisinger Diözesanmuseum erworbene und jetzt zum ersten Mal öffentlich ausgestellte Engel-Piéta könnte durchaus von diesem Buch inspiriert sein. Bei allem künstlerischen Genie war Grasser auch immer ein kühl berechnender Kopf. Jedenfalls starb er als einer der wohlhabendsten Bürger Münchens, der sein Vermögen wohltätigen Stiftungen vermachte. Seine künstlerische Hinterlassenschaft ist nun in dieser einzigartigen Ausstellung zu sehen, die niemand, der sich für Kunst und Geschichte interessiert, verpassen sollte.

 

Die Eröffnung der Erasmus-Grasser-Ausstellung am Mittwochabend war die größte, die das Bayerische Nationalmuseum jemals erlebt hat. 1500 Menschen waren angemeldet. Kardinal Reinhard Marx nannte die Ausstellung in seinem Grußwort ein „Geschenk, das große Resonanz finden wird“, weil Grasser auch den „Menschen von heute unmittelbar anspricht“. Die bayerische Kunstministerin Marion Kiechle erinnerte in ihrem Grußwort an das weitgespannte Wirken Grassers, das „in Bayern vielerorts Spuren hinterlassen hat“. Die Schau im Bayerischen Nationalmuseum in der Münchner Prinzregentenstraße ist bis zum 29. Juli täglich außer montags von 10 bis 17.00 Uhr zu sehen.

Audio

Zum Nachhören

Vorbericht im Münchner Kirchenradio zur Grasser-Ausstellung, mit Christoph Kürzeder vom Freisinger Diözesanmuseum.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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