Pfarrgemeinderat "Der Pfarrer machte große Augen"

24.02.2018

Christian Peter ist seit 50 Jahren im Pfarrgemeinderat und sammelte Erfahrung in DDR und BRD.

Christian Peter
Christian Peter © Krauß

Vaterstetten – Als Christian Peter 1968 in seiner Heimatstadt Dresden zum Jugendvertreter im Pfarrgemeinderat (PGR) berufen wurde, war er mit 21 Jahren der Jüngste in diesem Gremium und nach knapp zwei Jahren bereits dessen Vorsitzender. Damals konnte er nicht ahnen, wie sich sein Leben, seine Kirche und sein Heimatland verändern würden. Heute blickt er in Vaterstetten bei München zurück auf 50 aktive Jahre als Pfarrgemeinderat im Osten und im Westen Deutschlands und er bekennt: „Ich bin sehr dankbar für die Erfahrungen, die ich gemacht habe und was ich dadurch mitgestalten konnte!“ Jetzt will der 71-Jährige Platz machen für Jüngere.

Peter stammt aus einem liberalen Elternhaus, hat „eine gigantisch gute Jugendseelsorge“ in Dresden erlebt und arbeitete selbst als Pfarrjugendführer. Mit Einführung der Pfarrgemeinderäte änderte sich vor 50 Jahren viel, wie er sich erinnert: „Wir hatten einen guten Pfarrer, der ist sehr offen mit uns Pfarrgemeinderäten umgegangen. Aber er musste sich auch auf uns einlassen, denn wir hatte dann als Räte eine andere Legitimation als vorher und waren berechtigt, mitzureden in der Pfarrei. Manche Menschen sind auch gezielt zu uns und nicht zum Pfarrer gekommen, um ihre Anliegen vorzutragen – und wir konnten diese dann ins Gremium einbringen.“ Diese ehrenamtliche Arbeit hat schließlich auch seine persönliche Entwicklung geprägt: „Durch Auftritte im Kirchenkabarett bekam ich die Sicherheit, vor Leuten zu stehen und zu sprechen, und als junger Vorsitzender im Pfarrgemeinderat lernte ich, die Redebeiträge unterschiedlicher Charaktere – auch von Bedenkenträgern – zu moderieren.“ Auf der Pastoralsynode für die DDR war Peter 1973 als Helfer eingeteilt und übte auf diese Weise früh den Umgang mit Bischöfen.

Spagat zwischen Staat und Kirche

Die Benachteiligung von Kirchentreuen in der DDR bekam Peter freilich deutlich zu spüren: In der Schule war er anfangs oberster Pionier, in der Kirche Oberministrant. Weil er sich aber mit 14 Jahren gegen die Jugendweihe entschied, konnte er nur über den Umweg einer Ausbildung zum Elektromechaniker zum Studium zugelassen werden. Danach gelang ihm zunächst der Spagat zwischen Staat und Kirche: Er arbeitete als Informatiker im Forschungszentrum „Robotron“ in Dresden, engagierte sich weiterhin als Pfarrgemeinderatsvorsitzender und war Mitglied im Dekanats- und Diözesanrat. In der Dresdner Diaspora kam es ihm darauf an, neu Zugezogene mittels „Familienkreisen“ zu integrieren: „Fünf bis sechs Ehepaare haben sich zu Hause getroffen, immer zu einem geistlichen Thema – und nach dem Bibel-Teilen haben wir die Alltagsprobleme besprochen. Wir waren ein eingeschworener Kreis gegen das System. An Ostern traf man sich zum Ostermarsch, das war ein sogenannter Emmaus-Gang – ohne Fahnen, aber mit Gebet.“

Die Situation änderte sich mit einem Familientreffen in Tschechien: Die Begegnung von Familienmitgliedern aus BRD und DDR wurde von der Stasi dokumentiert. Seiner beruflichen Karriere schadete das nachhaltig, weshalb Christian Peter und seine Frau Rosemarie schließlich den Antrag auf Ausreise stellten, der nach langer Wartezeit bewilligt wurde. Kaum hatte er 1984 beruflich in Bayern Fuß gefasst, engagierte er sich am neuen Wohnort Waldperlach im PGR besonders für die Jugendarbeit. Der Umzug aus privaten Gründen nach Vaterstetten hatte bald zur Folge, dass er als PGR-Vorsitzender vermittelte zwischen Kirchenverwaltung und PGR: „Ich habe mit den Menschen geredet, die gegensätzliche Ansichten vertraten. Diese Unruhe in der Pfarrei war die schwierigste Zeit, aber die Gemeinde ist auch dadurch sehr zusammengewachsen“, resümiert Peter.

Karriere gemacht

Als er schließlich als Informatiker bei einem bayerischen Autokonzern Karriere machte, konnte er ein Seminar für Führungskräfte besuchen: „Da habe ich mich gefragt: Was lernt man denn da? Das habe ich doch alles verinnerlicht durch meine Zeit im Kirchenkabarett und meine Arbeit als PGR-Vorsitzender?…“ Im Rückblick wundert er sich, wie er damals die wachsenden beruflichen Aufgaben und das Engagement als Vorsitzender im Pfarrgemeinderat unter einen Hut gebracht hat.

Sein großes Credo ist bis heute: „Wir müssen für die Leute als lebendige Gemeinde sichtbar sein!“ Das kann heißen, dass das Patrozinium wegen eines Vereinsjubiläums auch mal in einem Festzelt stattfindet oder dass die Pfarrjugend bei einer Party unterstützt wird. „Wichtig ist es, aufgeschlossen zu sein, um die Probleme der Menschen zu sehen, und überzeugt zu sein von dem, was Glauben bedeutet.“

Akte "Grillfest"

Die Spuren, die Peter im Pfarrverband Vaterstetten hinterlässt, sind vielfältig. Für seine Amts-Nachfolger hat er vieles dokumentiert – sogar eine Akte über die Durchführung eines Grillfestes gibt er weiter, denn Dokumentation und Systematik sind ihm wichtig. Bei der aktuellen PGR-Wahl hat er großen Anteil daran, dass in seiner Pfarrei „Zum kostbaren Blut Christi“ 22 Kandidaten gefunden wurden – gewählt werden können zwölf Personen. Er selbst aber möchte sich jetzt zur Ruhe setzen. Bei seiner Verabschiedung wurde er gelobt „für seine Hartnäckigkeit, Menschen anzusprechen“, wie er gerne zugibt. Genau das hat er in der ehemaligen DDR gelernt: „Unsere Aufgabe als Pfarrgemeinderat war, neue Leute anzusprechen, wenn sie in die Kirche kamen.“ Das, so Peter, ist der große Unterschied zur Arbeit in der Kirche im Westen: „Hier haben wir uns selber gemeldet, als wir im Westen ankamen – und der Pfarrer machte große Augen, weil er das nicht kannte.“ (Annette Krauß)


Das könnte Sie auch interessieren

Kardinal Reinhard Marx mit Ehrenamtlichen im Hofbräuhaus.
© Kiderle

50 Jahre Räte Mit Schwung in die Zukunft

Seit einem halben Jahrhundert gestalten Pfarrgemeinderäte und andere demokratisch gewählte Gremien die Kirche mit. Zum Abschluss des Jubiläums gab es unter dem Motto „Wir geben Gottes Schwung weiter“...

30.03.2019

Pfarrgemeinderatswahl in der Pfarrei Christi Himmelfahrt in München-Waldtrudering
© Kiderle

Pfarrgemeinderatswahlen Wahlbeteiligung steigt im Erzbistum München und Freising

Im Erzbistum München und Freising haben sich am Sonntag deutlich mehr Katholiken an den Pfarrgemeinderatswahlen beteiligt als 2014. Den Hauptgrund dafür hat der Diözesanrat schon ausgemacht.

26.02.2018

1,5 Millionen Katholiken können an den Pfarrgemeinderatswahlen teilnehmen.
© fotolia/Ingo Bartussek

Katholiken dürfen wählen Aufruf zu Pfarrgemeinderatswahlen

1,5 Millionen Katholiken im Erzbistum München und Freising dürfen an diesem Wochenende zur Urne schreiten. Es ist Pfarrgemeinderatswahl. Kardinal Reinhard Marx und Diözesanratsvorsitzender Hans...

23.02.2018

Landshut Darum engagieren sich Jugendliche im Pfarrgemeinderat

Junge Menschen haben nichts mehr mit Kirche am Hut?! Weit gefehlt! In der Pfarrei Heilig Blut in Landshut kandidieren elf junge Leute für den Pfarrgemeinderat.

22.02.2018

Pfarrer Fischbacher will auf den Rat des Pfarrgemeinderates nicht verzichten.
© privat

Pfarrer Fischbacher über den Pfarrgemeinderat Die Kirche kann auf niemanden verzichten

Am 25. Februar findet die Wahl der Pfarrgemeinderäte statt.

21.02.2018

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren