Impuls von Pater Cornelius Bohl Der rote Faden

16.06.2019

Habe ich einen roten Faden in meinem Leben? Gibt es bei mir eine große Richtung, die sich durch alle Höhen und Tiefen durchträgt? Ein Lebensthema, bei dem ich spüre: Ja, das bin genau ich!

Pater Cornelius Bohl ist überzeugt: Der rote Faden, der sich durch das Leben eines Menschen zieht, ist dessen ganz persönliche Berufung.
Pater Cornelius Bohl ist überzeugt: Der rote Faden, der sich durch das Leben eines Menschen zieht, ist dessen ganz persönliche Berufung. © zeralein – stock.adobe.com

Zum Glück passiert es mir nicht allzu oft, dass ich mitten im Reden den roten Faden verliere. Schwieriger ist es, wenn das im Leben geschieht. Da wird jemand vom Schicksal so gebeutelt, dass er nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Das Ausprobieren unterschiedlichster Möglichkeiten mag reizvoll sein, aber es kann sein, dass ich dann auf einmal gar nicht mehr weiß, wo es überhaupt langgeht. Wenn ich allen gefallen will, verliere ich mich leicht selbst.

Habe ich überhaupt einen roten Faden in meinem Leben? Ich meine damit: Gibt es bei mir eine große Richtung, die sich durch alle Höhen und Tiefen und trotz mancher Um- und Irrwege durchträgt? Ein Lebensthema, bei dem ich spüre: Ja, das bin genau ich! Habe ich Werte und Ziele, die sich zwar je nach Lebensalter und Lebensumständen weiterentwickeln, aber doch eine verlässliche Orientierung geben?

Ich bin davon überzeugt, dass es einen solchen roten Faden gibt. Wahrscheinlich kann man ihn schlecht in Worte fassen. Aber ich merke im Alltag, ob ich trotz aller Probleme bei mir und mit mir selbst in Frieden bin. Dann kann ich vielleicht sagen: Leicht ist es nicht, aber irgendwie passt es doch. Denn es gibt auch das Gegenteil: Äußerlich scheint alles gut zu laufen, aber innerlich habe ich das Gefühl, eine fremde Rolle zu spielen. Ich spüre: Wenn ich so weitermache, dann tut mir das nicht gut.

Pater Cornelius Bohl ist Provinizialminister der Deutschen Franziskanerprovinz.
Pater Cornelius Bohl ist Provinizialminister der Deutschen Franziskanerprovinz. © privat

Roter Faden als persönliche Berufung

Als Christ bin ich überzeugt: Dieser rote Faden ist meine ganz persönliche Berufung. Natürlich verbindet mich ein und derselbe Glaube mit allen Getauften. Und doch glaubt kein zweiter Mensch genauso wie ich. Gott meint ja mich ganz persönlich. Er spricht mich persönlich an, hat eine ganz persönliche Zusage, eine persönliche Sendung genau für mich. Und darauf kann auch nur ich antworten, keiner sonst! Und ich darf es tun als der, der ich eben bin, mit genau meiner Geschichte, meinen Fähigkeiten und meinen Grenzen. Darum habe ich mein persönliches Bild von Gott, meinen individuellen Zugang zu ihm, meinen ganz eigenen Weg – auch wenn ich in der Kirche mit vielen anderen gemeinsam unterwegs bin. Ich muss nicht so sein und nicht so glauben wie die anderen – Gott sei Dank!

Die Achtsamkeit für den roten Faden in meinem Leben ist nicht nur ein Warnsignal gegen alle Formen von spirituellem Missbrauch. Das Dranbleiben an diesem roten Faden hilft mir auch selbst, geistlich lebendig und gesund zu bleiben. Zum Glauben im Alltag gehört darum ab und zu das Nachspüren, ob ich noch authentisch bin oder gegen meine eigene Wahrheit lebe. Der rote Faden ermöglicht Wachstum. Und er ermöglicht Umkehr. Schon Theseus hat anhand des roten Fadens von Ariadne aus dem Todeslabyrinth wieder nach oben ins Licht und hinaus zu seiner Geliebten gefunden.


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