Verheiratet, bewährt, geweiht Der Ruf nach den „viri probati“

08.07.2021

Zu wenig Priester, zu große Pastoralverbände: in vielen Gemeinden leiden Seelsorger und Gläubige unter der Entwicklung. Da nimmt die Diskussion um alternative Entwürfe der Seelsorge wieder Fahrt auf – etwa beim Thema „viri probati“.

Priester zelebriert Messe
Bisher können nur unverheiratete Männer Priester werden. © wideonet - stock.adobe.com

München – In Bayern werden nach einer Erhebung der Katholischen Nachrichten-Agentur im laufenden Jahr 21 Männer zu Priestern geweiht, im Erzbistum München und Freising sind es fünf. Immer dann, wenn solche Zahlen veröffentlicht werden, entspinnt sich die Diskussion, ob nicht alternative Konzepte möglich wären. Der Ruf nach den „viri probati“ wird wieder laut. Diese „bewährten Männer“, die verheiratet sind und ein vorbildliches Leben führen, gibt es längst in der Kirche: als „Ständige Diakone“ tun sie seit Jahrzehnten Dienst in den Gemeinden oder kategorialen Seelsorge, als nebenberuflicher „Diakon mit Zivilberuf“ oder als Hauptamtlicher Mitarbeiter der Kirche. Doch die Diskussion jetzt dreht sich darum, diese „bewährten Männer“ zu Priestern zu weihen.

Keine Lösung durch Strukturreformen und Gebete um Priester

Wir haben den Pastoraltheologen Paul Zulehner, emeritierter Professor an der Universität Wien gefragt, ob denn der Leidensdruck in der katholischen Kirche noch nicht groß genug ist, um dieses Thema anzugehen. Der österreichische Theologe verweist auf die Studie „Europa ohne Priester“, die er im Jahr 2000 zusammen mit dem belgischen Jesuiten Jan Kerkhofs veröffentlicht hat. Damals sei bereits klar gewesen, dass die Kirche auf die Priesterfrage reagieren müsse. Der Fehler für Zulehner liegt darin, dass die Maßnahmen sich um eine Strukturreform und das Gebet um Priester drehen. Er zitiert den verstorbenen Innsbrucker Bischof Reinhold Stecher, der beklagt hatte, dass eine Ordnung der Kirche (Ehelosigkeit der Priester im Normalfall) über die Ordnung des Heils und die Feier der Eucharistie gestellt werde. Für Zulehner liegt die Lösung darin, nicht in diesem kirchenrechtlich engen Rahmen zu reformieren, sondern den Rahmen selbst zu reformieren; hier „nütze die Kirche ihre Vollmachten dazu derzeit nicht aus“, so der Pastoraltheologe.

Entwicklungen in den Ortskirchen unterschiedlich schnell

Hoffnungen auf solche Reformen machten die Diskussionen bei der „Amazonas-Synode“ im Oktober 2019, wo es darum ging, in Südamerika genau diese bewährten Männer zu Priester zu weihen, um in den riesigen Pfarreien des Amazonas-Gebiets eine bessere Versorgung mit Pfarrern zu gewährleisten. Der Plan wäre gewesen, ältere Männer mit Familie zu weihen, die in ihrer Gemeinde respektiert und anerkannt sind, vorzugsweise Indigene. Aber Papst Franziskus entschied, das Thema wieder in die südamerikanischen Bistümer zurückzuspielen.

Auf die Frage nach dem Warum verweisen manche Stimmen auf eine Randnotiz des Papstes zu dem Thema in der Jesuiten-Zeitschrift „Civiltà Cattolica“. Darin verweist Franziskus darauf, dass die Synode kein demokratischer Prozess ist, dass es um eine möglichst große Übereinstimmung geht, vor allem darum, dass am Ende nicht die Einen über die Anderen siegen. Der Papst sieht wohl noch zu starke Differenzen, zu sehr Meinungen aufeinanderprallen, ohne ein grundlegendes Verständnis für die andere Position. Keine Entscheidung aus dem Vatikan also, aber in den Diözesen am Amazonas ist der Synodale Prozess gerade in Bewegung gekommen. Pastoraltheologe Zulehner vermutet, dass dieser Prozess auch beim Thema „viri probati“ eine Entwicklung bringt.  Dabei verweist er auf das Anliegen des Papstes, Bewegung in die „erstarrte Weltkirche“ zu bringen. Und darauf, dass das Evangelium in die verschiedenen Kulturen „eingemischt“ werde. Den Weg dafür erwarte sich Franziskus von den Ortskirchen weltweit. Für Zulehner ist es deshalb durchaus möglich, dass die Entwicklung in unterschiedlichen Geschwindigkeiten voranschreitet.

Viri probati – schon bald?

Das lässt sich wohl auch auf Deutschland übertragen. In einem Interview ist der Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, zuversichtlich: „Wenn sich ein deutscher Bischof fände, der erstmals Viri probati zu Priestern weihte, würde er weder in Rom noch in Deutschland auf großen Protest stoßen.“ Der emeritierte Wiener Professor ist da vorsichtiger. Aber auch Zulehner beobachtet in diesem Zusammenhang den Synodalen Weg der deutschen Kirche. Ein Beschluss dieses Reformweges könnte lauten, „dass in lebendigen Gemeinden „gemeindeerfahrene Personen“ (personae probatae“) ausgewählt, ausgebildet und in ein „Team von Presbytern“ in dieser Gemeinde ordiniert werden.“ Zulehner glaubt, dass der Papst einem solchen Beschluss durchaus zustimmen könnte.

Entscheidend ist für den Theologen, dass die Kirche handeln muss. Und zwar nicht basierend auf der Frage nach der ausreichenden Zahl von Priestern. Zulehner stellt dabei einen gedanklichen Dreischritt vor: Grundlegend, sagt er, ist die „kirchengründende Feier der Eucharistie“. Für die entsprechenden Gemeinschaften der berufenen Gläubigen darf und muss die Kirche ordinierte Vorsteher bereitstellen. Tun die Entscheidungsträger das nicht, legt Zulehner dar, „werden sie an der Kirche schuldig: und riskieren, dass die gläubigen Gemeinschaften künftig wie einst „“Noteucharistien“ feiern, denen eine Person aus ihrer Mitte vorsteht“.

Der Autor
Willi Witte
Radio-Redaktion
w.witte@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

Barbara und Lorenz Wachinger
© SMB/Bierl

Lorenz Wachinger begeht Priesterjubiläum als Ehemann

Vor 60 Jahren wird Lorenz Wachinger zum Priester geweiht. Einige Jahre später lernt er seine heutige Frau kennen. Da er das Zölibat bricht, kann er nicht länger als Priester tätig sein. Ein Gegner des...

21.06.2021

Beine von Menschen, die eine Soutane tragen
© Tomasz Warszewski - stock.adobe.com

Vatikan will zentrale Rolle des Priesters stärken

Die katholische Kirche in Deutschland steht vor großen Veränderungen. Ein starker Rückgang der Zahl von Christen, Priestern und Finanzmitteln zeichnet sich ab. Nun hat der Vatikan enge Grenzen für...

21.07.2020

Blick von unten hinauf auf einen Baum, Wurzeln sind im Vordergrund
© Vera Kuttelvaserova - stock.adobe.com

Nachsynodales Schreiben zur Amazonas-Synode Großartige Zumutung

Das langersehnte Papstschreiben zur Amazonas-Synode ist veröffentlicht. Wer klare Ansagen erwartet hat, wird enttäuscht sein. Alois Bierl sieht trotzdem in dem Dokument eine großartige Zumutung.

12.02.2020

Die Länder im Amazonasgebiet stehen vor der Bewältigung ökologischer Katastrophen.
© imago/ images westend 61

Reformen in der Kirche Diakoninnen und verheiratete Priester Themen bei Amazonas-Synode

Am zweiten Beratungstag der Amazonas-Synode haben die Teilnehmer umstrittene Themen angesprochen. Einer der Bischöfe sprach sich unter Beifall für eine Form weiblicher Diakone aus.

09.10.2019

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren