Krippensammler Max Schmederer Der Schauspieldirektor und seine stummen Akteure

28.12.2017

Hunderte von Königen und Hirten, Kamelen und Pferden beherbergt die weltweit einzigartige Krippensammlung im Bayerischen Nationalmuseum. Dort erinnert jetzt eine Ausstellung an den vor 100 Jahren verstorbenen Stifter.

Große Oper mit kleinen Figuren - die von Max Schmederer gestiftete und inszenierte Palastkrippe im Bayerischen Nationalmuseum. © Bayerisches Nationalmuseum

München - Azurblauer Himmel, der Golf von Neapel und im Hintergrund der Vesuv. Davor breitet sich eine Straßenszene aus mit Händlern, Hirten und Musikanten. Rechts ein Stall, der sich an einen steinernen Turm lehnt. Darin die Heilige Familie. Links gegenüber eine Ruine vor der eine einsame Pinie steht. Es ist wie eingefrorenes Theater. Genial inszeniert von Max Schmederer. „Mit Fug und Recht kann er als einer der Pioniere der neuen Krippenkultur um 1900 gelten“, sagt Thomas Schindler vom Bayerischen Nationalmuseum. Akribisch hat er sich durch Dokumente und Photos gearbeitet und die Krippeninszenierungen für die Sonderausstellung über den vor hundert Jahren verstorbenen Sammlers studiert. Schmederer sei nicht nur ein „betuchter Sammler und Kenner“ gewesen, sondern auch ein „Theaterregisseur“, ein Schauspieldirektor mit stummen Akteuren. Die sogenannte Vesuvkrippe ist ein anschauliches Beispiel dafür. Zehn Meter ist sie tief. Kaum zu fassen, weil für den Betrachter alles so nah wirkt.

Profi durch und durch

Aber der „Herr der Krippen“, so der Titel der Ausstellung war laut Schindler „eben ein Profi durch und Profi durch und durch“. Schmederer hatte sich in seinem Stadtpalais an der Brienner Straße eine gewölbte Probebühne eingerichtet, um unter anderem mit elektrischem Licht, unterschiedlichen Perspektiven und Spiegeln zu experimentieren und die Wirkung seiner Inszenierungen zu erproben zu können.

Bei der Vesuvkrippe hat Schmederer mit gerundeten Decken und Wänden gearbeitet. Und er hat sich Inspirationen bei Goethe geholt. Der berichtete wie die Krippenbauer in Neapel ihre Szenerien so aufgebaut hatten, dass der Blick auf das Meer einbezogen wurde. Noch nie habe sie so etwas gesehen, sagt eine Besucherin und eine andere spricht von einem „Ereignis“. Es ist bei weitem nicht das einzige, das Schmederer den Besuchern der Krippensammlung beschert hat. Insgesamt 6000 künstlerisch hochwertvolle Figuren und 20 000 Einzelteile hat er dem Bayerischen Nationalmuseum geschenkt. Er hat sie in Bayern, Tirol und Süditalien gesammelt. Dort war der reiche Brauereierbe und Bankier oft zur Kur. Denn Schmederer war seit seiner Kindheit von einem Lungenleiden geplagt.

Schwache Gesundheit, starke Kennerschaft

Darin sah er selbst den Ursprung seiner Krippenleidenschaft. Denn als er wieder einmal krank zu Bett lag, spielte er mit einer Krippe verteilte Moosflecken und holte sich so ein Stück Natur ins Zimmer.

Etwa zehn Prozent seines großen Vermögens hat Max Schmederer in seine Sammlung investiert, schätzt Thomas Schindler. Der Sammler beschäftigte zeitweise sechs Schreiner, zwei Maler und Schneiderinnen, um seine Krippen in Szene zu setzen. Die Antiquitätenhändler in Palermo oder Neapel freuten sich, wenn sich der Münchner Bankier ankündigte. Er bezahlte gut, verlangte aber allererste Qualität. Nicht ohne Stolz zeigt Thomas Schindler auf die sogenannte Palastkrippe. Wie in einer Oper präsentiert sie die Anbetung der Heiligen drei Könige, inklusive einer 40köpfigen orientalischen Blaskapelle. Jede Figur mit den aus Ton geformten Köpfen ist eine Persönlichkeit. Die Figuren stammen aus dem Nachlass des Königshauses von Sizilien und Neapel.

Skeptische Museumsdirektion

Aber das Bayerische Nationalmuseum wollte das von Schmederer erworbenen und inszenierte Meisterwerk seinerzeit gar nicht haben. „Er musste diese heute als absolutes Highlight geltende Krippe regelrecht andienen“, erklärt Schindler. Aus dem erhaltenen Schriftstücken werde auch klar warum. Das zuständige Ministerium und die Direktion fürchteten, dass das Nationalmuseum zum reinen Krippenmuseum würden, „wenn man dem Schmederer nicht endlich sagt: Schluß jetzt!“ Schließlich hatte er schon zu Lebzeiten internationales Aufsehen mit seiner Krippensammlung erregt. Es gibt begeisterte Zeitungsberichte aus ganz Europa und Amerika, gekrönte Häupter haben sich von ihm die Figuren und ihre Inszenierung zeigen lassen. Im Fall der Palastkrippe konnte er die Direktion dann doch überzeugen, die Schenkung anzunehmen. Heute ist auch das Bayerische Nationalmuseum froh, dass es diesen einzigartigen Schatz besitzt.
Die kleine Ausstellung innerhalb der Krippensammlung mit Texttafeln zu seinem Leben und Werk hat sich Max Schmederer jedenfalls redlich verdient.

Die Ausstellung "Der Herr der Krippen. Max Schmederer. Sammler, Stifter, Visionär" ist noch bis zum 4. März in der Krippensammlung des Bayerischen Nationalmuseums in der Münchner Prinzregentstr. 3 zu sehen. Am Sonntag, 31.12., 11.00 Uhr, lädt Kurator Thomas Schindler zu einer Führung ein.

Audio

Beitrag im Münchner Kirchenradio

Krippenkönig Schmederer

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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