Ausstellung in Oberammergau Der Schwarze Tod

10.05.2019

Wie die Pest die Menschen herausforderte und welche Mittel sie dagegen anwandten, zeigt eine Ausstellung im Oberammergaumuseum.

Totenköpfe aus Elfenbein erinnern an den Pesttod, vor dem dem das dunkle Steinbockhorn schützen soll.
Totenköpfe aus Elfenbein erinnern an den Pesttod, vor dem dem das dunkle Steinbockhorn schützen soll. © Diözesanmuseum Freising

Oberammergau – Constanze Werner hat den Schraubverschluss eines Glases aufgedreht und schnuppert an der getrockneten Pestwurz, die darin aufbewahrt ist. Frisch gepflückt entfaltet die Pflanze einen unangenehmen Geruch. „Mit dem wollten die Menschen früher wortwörtlich gegen Seuchen anstinken“, erklärt die Leiterin des Oberammergaumuseums. Das Kraut sollte die Ausdünstungen der Pestbeulen übertrumpfen und damit auch das Übel vertreiben. Auch mit Dost oder Schafgarbe haben die Oberammergauer versucht, der Krankheit Herr zu werden, die sich 1633 im Dorf epidemisch ausbreitete.

In kleinen aus Holz geschnitzten Dosen oder sogenannten Bisamäpfeln aus durchbrochenem Metall, die oft am Rosenkranz befestigt waren, wurden sie aufbewahrt und am Körper getragen. Die Pflanzen enthalten übrigens tatsächlich desinfizierende oder das Immunsystem stärkende Wirkstoffe, wie die Pharmazie heute weiß. Sie konnten also in engen Grenzen vor und bei einer Ansteckung helfen, aber grundsätzlich war gegen die Seuche kein Kraut gewachsen.

Steinbockhorn als Prophylaxe

Neben verschiedenen Pflanzen galten auch Korallen oder auch das Horn des Steinbocks als Mittel gegen die Pest. Constanze Werner zeigt auf einen prachtvollen Rosenkranz, der in der Sonderausstellung „Der Schwarze Tod“ zu sehen ist und der wie viele andere Exponate eine Leihgabe des Diözesanmuseums Freising ist. Die Perlen sind aus Steinbockhorn geschnitzt, in die kleine Totenköpfe aus Elfenbein eingearbeitet sind. „Das war zum einen eine Erinnerung, wie schnell der Tod den Menschen treffen kann, galt aber auch als medizinische Prophylaxe.“ Das Steinbockhorn war begehrt. Die Tiere wurden so stark bejagt, dass sie in den Salzburger Alpen vom Aussterben bedroht waren.

Die Oberammergauer bekämpften die Pest zusätzlich mit einem Gelübde. 80 Menschen, rund zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung, waren ihr bereits zum Opfer gefallen. Alle zehn Jahre wollten sie ein Passionsspiel aufführen, wenn die Seuche zum Stillstand käme. Das trat ein und die Oberammergauer haben sich bis heute an ihr Versprechen gehalten. 2020 ist es wieder soweit. Dem geht im Jahr zuvor das Pestspiel voraus, das die Entstehung des Gelübdes erzählt. Die Ausstellung im Oberammergaumuseum ergänzt die Aufführungen, die ab dem 28. Juni im Passionstheater zu sehen sind.

Tiefer Schrecken

Sie schildert auch, wie tief der Schrecken über die Seuche saß und wie lange er andauerte. In einer Vitrine ist eine ganze Galerie von Pestheiligen zu sehen, die ein einheimischer Schnitzer noch Mitte des 19. Jahrhunderts angefertigt hat. Weil weder Obrigkeit noch Wissenschaft helfen konnten, stellten sich die Menschen unter den Schutz des Himmels. Und ein Kruzifix macht deutlich, wie die Gläubigen Christus in ihr Leid mit hineinnahmen: Es zeigt den Gekreuzigten, der offene Pestbeulen trägt.

Wer der Epidemie zum Opfer fiel, konnte auch nicht mehr mit den üblichen Beerdigungszeremonien rechnen, sondern mit einem Massengrab. Die Toten wurden in einen wieder verwendbaren Klappsarg gelegt, wie er in der Ausstellung zu sehen ist. Eine Seitenwand ließ sich öffnen, über die der Verstorbene dann in eine ausgehobene Grube rollte. Im Werdenfelser Land sind noch heute Kapellen und Gedenksäulen Zeugen des Massensterbens.

Erinnerung an das Massensterben

Vom Partenkirchener Sebastianskircherl läutet bis heute noch jeden Sonntagnachmittag die Glocke, um an die Pesttoten zu erinnern, die hier begraben liegen. Der heilige Sebastian gehörte neben dem heiligen Rochus zu den am meisten verehrten Schutzpatronen gegen die Seuche. Diese wurde als von Gott abgesandter Pfeil dargestellt, der den Sünder strafte. Nachdem der Märtyrer Sebastian mit Pfeilen hingerichtet werden sollte, die Marter aber überlebt hatte, galt er als Schutz vor den verheerenden Pfeilen der Seuche.

Der heilige Rochus ist dagegen mit entblößtem Oberschenkel dargestellt, auf dem ein Pestgeschwür zu sehen ist. Der Pilger soll auf seiner Wallfahrt nach Rom Kranke gepflegt und sich dabei selbst infiziert haben. Oberammergauer Künstler bekamen häufig den Auftrag, Holzfiguren der beiden Heiligen zu schnitzen. Die Heiligen konnten aber nur im Haus oder in der Kirche stehen.

Um die Gefahr auf Reisen zu bannen trugen die Gläubigen häufig sogenannte Breverl mit Heiligenbildern und Wallfahrtsmedaillen als Talisman um den Hals. Sie waren „Strategien mit der Angst vor der Seuche“ umzugehen, erklärt Constanze Werner. Ein Breverl machte seinen Träger einfach sicherer in seinem Gefühl, dass er eine Ansteckung vermeiden kann. Geschah sie doch, so garantierte der oft reich und aufwändig verzierte Talisman wenigstens eine Verbindung zu den Heiligen und zu himmlischen Mächten. Dieses Vertrauen rührt den Betrachter in der eindrucksvollen und sehenswerten Ausstellung besonders an.

Die Ausstellung „Der Schwarze Tod. Seuchen, Angst und Glaube ist noch bis zum 03. November im Oberammergaumuseum zu sehen, das täglich, außer montags, von 10 bis 17 Uhr geöffnet ist.

Audio

Zum Nachhören

Beitrag im Münchner Kirchenradio über die Ausstellung "Schwarzer Tod"

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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