Wiederbelebte Tradition Der Strumpfwein von der Isar

17.09.2020

Schon im Mittelalter wurde in Altbayern Wein angebaut. Sein Ruf war allerdings nicht der beste. Zwei Iniativen in Landshut und Freising wollen das mit neuen Traubensorten ändern.

Norbert Krieger bei der Weinlese
Norbert Krieger bei der Weinlese. © Weinzierl-Bruderschaft Landshut

Landshut/Freising – Ein Mann muss ihn schlucken, einer ihn dabei halten und ein dritter ihm die Flüssigkeit einflößen. Als „Drei-Männer-Wein“ wurde der Rebensaft von der Isar oft bezeichnet. Häufig taucht auch der gehässige Name „Strumpfwein“ auf: Er sei so sauer, dass es einem beim Trinken die Löcher in den Strümpfen zusammenzieht. Der historische Ruf der Isartrauben ist miserabel. Trotzdem wurde zwischen Freising und Landshut fast tausend Jahre lang großflächig Wein angebaut – und auch fleißig getrunken. Neben der Burg Trausnitz befindet sich ein riesiger Keller, in dem ein 70.000-Liter-Fass gestanden hat, erzählt Theodor Häußler. Er hat ein Standardwerk über den sogenannten Baierwein geschrieben, den die Winzer im heutigen Nieder- und Oberbayern gewonnen haben.

Getreide war insbesondere in den Hungersnöten des 14. Jahrhunderts viel zu kostbar, um es fürs Bierbrauen zu verwenden, es wurde für die Ernährung der Bevölkerung gebraucht. Wer nicht verunreinigtes Brunnenwasser trinken und sich außerdem etwas in Stimmung bringen wollte, der musste auf den Wein ausweichen. „Dafür haben die Winzer oder Weinzierl an der Isar und an der Donau besonders die ertrag-, aber säurereiche Rebsorte Weißer Elbling angebaut“, erklärt Häußler. „Die Konsumenten haben ihn wahrscheinlich mit Honig oder Fruchtsaft gesüßt.“

Die wiederbelebte Weinzierl-Bruderschaft

Weißer Elbling wächst auf dem Hofberg in Landshut zwar nicht mehr, dafür gedeihen dort jetzt weiße Johanniter- und rote Regenttrauben. Denn im Schatten der Burg Trausnitz wirkt eine eifrige Weinzierl-Bruderschaft. Sie lässt sich bis etwa 1450 zurückführen. Darauf ist Norbert Krieger stolz. Der gebürtige Hesse ist erster Bruderschaftsmeister und hat mitgeholfen, die mittelalterliche Zunftgemeinschaft als Verein zu erhalten. Heute zählt sie 130 Mitglieder. Die begehen rund um den Urbanitag am 25. Mai den traditionellen Gottesdienst zu Ehren des Winzerpatrons. Bis vor einigen Jahren existierte die Bruderschaft eigentlich nur noch ideell und erinnerte an den einstmals bedeutenden Erwerbszweig in Landshut, Rebstöcke setzte aber niemand mehr.

2016 hat die wiederbelebte Weinzierl-Bruderschaft das geändert, einen kleinen Weingarten angelegt und sogar ökumenisch segnen lassen. „Die Trauben müssen schon kämpfen“, gibt Norbert Krieger zu, der auch Rebstöcke im eigenen Garten zieht. Kies-, Sand- und Tonflächen sind bunt gemischt – ein schwieriger Anbauboden. Trotzdem ist bei der Landshuter Weinzierl-Bruderschaft der Ehrgeiz groß, aus den rund 80 Stöcken einen ordentlichen Wein zu gewinnen. Rund 60 Liter kommen jedes Jahr aus der Kelter.

Wein am Domberg

In Freising sind es ein paar Liter mehr. Auch dort hat der Isarwein eine lange Geschichte. Denn die Fürstbischöfe und der umliegende Adel pflegten und förderten die schon von den Römern nach Altbayern gebrachte Winzerei. Auf den Altar oder die fürstbischöfliche Tafel kamen allerdings wohl andere, edlere Tropfen. Zum Freisinger Besitz zählten auch Weingüter in Südtirol. Dennoch weitete sich im Hochmittelalter der Anbau an der Isar und sogar an der Amper stark aus. So schlecht kann der Weiße Elbling also doch nicht gewesen sein. Allerdings herrschte im Mittelalter ein milderes Klima. Ab dem 16. Jahrhundert sorgten Kälteperioden sowie die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges für den allmählichen Niedergang des Baierweins.

Immerhin gewinnt eine Initiative der Stadtheimatpflege Freising seit einiger Zeit auf dem Domberg wieder rund hundert Liter im Jahr. Joachim Eder vom Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung in Weihenstephan hat dafür die Johannitertraube ausgewählt: „aus ökologischen Gründen“, denn die Stöcke sind resistent gegen Mehltau und brauchen kein Pflanzenschutzmittel. Der Geschmack des Freisinger Weins ähnelt einem trockenen Riesling. Trotz Großbaustelle auf dem Domberg will Joachim Eder in diesem Herbst die Trauben lesen, „auch wenn wir zwischen Maschinen und Material herumstolpern“. Der promovierte Agraringenieur rechnet mit einem Ertrag von hundert Litern.

Das Klima wird wie am Main

Als die Initiative startete, durften sie nur auf einer Fläche von hundert Quadratmetern anbauen und ausschließlich für den Eigenkonsum. Jetzt könnten die Hobbywinzer sogar auf tausend Quadratmetern Rebstöcke setzen. Die Vorschriften haben sich geändert und die Behörden erteilen auch wieder größere Konzessionen außerhalb traditioneller Weinregionen.

Wegen der Bauarbeiten auf dem Domberg verzichten Joachim Eder und seine Mitstreiter aber auf eine Ausweitung. Allerdings könnte dem Isarwein ein größeres Comeback bevorstehen. Joachim Eder hat Wetterdaten ausgewertet und herausgefunden, dass das Klima an den Isarhängen heute den Bedingungen am Main in den 1980er Jahren entspricht. In Ismaning hat ein Landwirt sogar schon Teile seiner Fläche auf den Weinbau umgestellt und darf den vergorenen Rebensaft auch verkaufen. Fruchtig und südländisch soll er schmecken, also bestimmt kein Strumpfwein.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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