Vertreibung und Entfremdung Der Traum vom Paradies

11.04.2021

Adam und Eva, der Apfel und die Schlange - Was sagt die Geschichte über die Vertreibung aus dem Paradies aus? Pastoralreferentin Christina Abart findet vom Garten Eden zu erzählen, hilft, den Alltag zu bewältigen.

Mosaik von Adam und Eva
Für Pastoralreferentin Christine Abart ist es Psychohygiene vom Paradies zu träumen. © wjarek - stock.adobe.com

In Persien lässt sich gut erahnen, wie sich antike Menschen das Paradies vorstellten. In Isfahan, Shiraz und anderen wichtigen Städten gibt es Gärten vom Feinsten. Mit Wasserbecken, Bäumen, blühenden Sträuchern und duftenden Rosen bilden sie wunderbare Oasen abseits der staubigen Straßen. Der Garten heißt auf Persisch „pardes“. Die Griechen leiteten von diesem Wort das Paradies ab.

Um die zweite Schöpfungsgeschichte und die Vertreibung aus dem Paradies in Gen 2 – 3 zu verstehen, ist es hilfreich, den Text von seinem Ende her in den Blick zu nehmen. Ausgangslage ist der mühsame Alltag. Den Boden zu bebauen, ist harte Arbeit. Kinder zu gebären, ist äußerst schmerzhaft. Viele Beziehungen zwischen Mensch und Tier, aber auch zwischen den Menschen sind gestört. In Gen 3,12–13 beschuldigt der Mann die Frau und die Frau die Schlange, sie zum Essen der verbotenen Frucht animiert zu haben. Solche Schuldzuweisungen entzweien und machen die ohnehin schwere Tageslast noch härter.

Vertrieben-Sein aus der ursprünglichen Einheit

Die Menschen fragen sich: Wie kann das Leben so mühsam sein, wenn Gott die Welt gut geschaffen hat? Er schuf ein Paradies, erzählen sie begeistert. In den trockenen Regionen im Nahen Osten ist dies ein Garten. Antike Tempel waren von Gärten umgeben, ebenso die Königspaläste. In Jerusalem gab es am Fuß der Davidsstadt großzügige Gartenanlagen. Im hebräischen Urtext heißt das Paradies „Garten Eden“. Eden bedeutet übersetzt Schmuck oder Wonne. Die Landschaft zu beiden Seiten des mittleren Euphrat wird Eden, das heißt Glücksland oder Wonneland, genannt. Gen 2 – 3 verwendet diesen Namen für den Paradiesgarten. Als Garten Gottes gilt Eden im Buch des Prophet Ezechiel (vgl. Ez 28,13; 31,9).

In Gen 2 wird erzählt, wie Gott alles gemacht hat. Aus der durch Feuchtigkeit getränkten Erde schuf er den Menschen, die Bäume, Ströme, die Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels (vgl. Gen 2,4–19). Menschen unterschiedlichen Geschlechts ergänzen einander. Wer vom Paradies träumt, sieht vollkommene Partnerschaften. Eine Besserstellung des Mannes ist im ursprünglichen Text nicht erkennbar. Solche Interpretationen sind Zeichen des Vertrieben-Seins aus der ursprünglichen Einheit. Im Paradies sind Mann und Frau Ausprägungen des einen Menschen. Sie sind einander Hilfe – eine Hilfe, wie Gott sie schenkt (vgl. Gen 1,27; 2,20–24).

Konsequenzen des Handelns und Unterlassens

Es gibt Augenblicke oder gar Stunden und Tage, da ist es wie im Paradies. Doch die gegenteiligen Erfahrungen wiegen schwer. Rasch ist der Mensch auf seine Unvollkommenheit zurückgeworfen. Er fühlt sich wie vertrieben aus dem Einklang mit sich selbst und seinen Beziehungen. Der Mensch wird zum Getriebenen und erzählt schließlich, Gott habe ihn verjagt.

Mit der Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies macht die Bibel auf die Konsequenzen des Handelns und Unterlassens aufmerksam. Gott ließ allerlei Bäume im Paradies wachsen, „in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ (Gen 2,9). Wenn Gott gebietet, vom Baum der Erkenntnis nicht zu essen (vgl. Gen 2,16–17), macht er den Menschen auf diese Früchte aufmerksam. Der Mensch wäre vielleicht daran vorübergegangen, so aber wirkt diese Baumfrucht (von Äpfeln ist keine Rede) besonders attraktiv. Es ist der Plan des Schöpfers, dass der Mensch Erkenntnis erwirbt und auch um seine Sterblichkeit weiß. Die Frage ist nur, wie Mann und Frau damit umgehen. Nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, hören sie zum ersten Mal die Stimme Gottes.

Grunderfahrungen der Menschheit

„Wo bist du?“ (Gen 3,9), fragt Gott den Menschen. Statt sich auf eine Begegnung mit Gott einzulassen, antwortet der Mensch aber, er habe sich vor Gott gefürchtet, weil er nackt war, und deshalb versteckt. Weder Mann noch Frau übernehmen Verantwortung dafür, dass sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Letztlich muss die Schlange als Verführerin herhalten. Wie anders wäre die Geschichte verlaufen, wenn die beiden staunend mit Gott über ihre neuen Erfahrungen gesprochen hätten. 

Die Vertreibung kann auch als Austreibung, als Geburt verstanden werden. Es ist Zeit, erwachsen zu werden. Dann kann der Mensch seinem Auftrag gerecht werden und die Erde in guter Weise bearbeiten und hüten (vgl. Gen 2,15). Die an den Anfang der Bibel gestellten Texte bringen Grunderfahrungen der Menschheit zum Ausdruck. Dazu gehören Momente der Einheit mit allem Geschaffenen, aber ebenso die Erfahrung der Entfremdung. Vom Paradies zu träumen und zu erzählen, hilft, den Alltag zu bewältigen. Es ist sozusagen Psychohygiene.
(Christine Abart, Pastoralreferentin für Bibelpastoral im Haus St. Rupert in Traunstein und Theologische Referentin im Katholischen Bildungswerk Traunstein)


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