Kirche ist Heimat Der TSV 1860 und der Kirchenaustritt

14.08.2017

Gute Erinnerungen sind ein Schatz, auch in der Kirche. Der Kommentar bringt das mit Ereignissen aus den vergangenen Wochen und persönlichen Erinnerungen zusammen.

Kommentator Alois Bierl ist schon seit der Kindheit Fan von 1860 München.
Kommentator Alois Bierl ist schon seit der Kindheit Fan von 1860 München. © wikipedia/Ampfinger

Am Wochenende habe ich es, etwas verspätet, schriftlich per E-Mail bekommen und es hat mir einen kleinen Stich gegeben. Mein Dauerkarten-Antrag für die laufende Saison des TSV 1860 kann leider nicht berücksichtigt werden. Die Zahl der Anträge übersteigt die Zahl der verfügbaren Karten um ein Mehrfaches. Ich bin eigentlich kein besonderer Fußballanhänger, aber nach dem Abstieg des Vereins, wollte ich mich solidarisch zeigen. Der Klub ist in den vergangenen Jahren, ja fast Jahrzehnten unterirdisch schlecht geführt worden, trotzdem liegt mir etwas an ihm. Wer einmal als Kind an einem kalten, verschneiten Sonntag-Nachmittag den TSV 1860 gegen den KSV Baunatal im Stadion an der Grünwalder Straße hat gewinnen sehen, der hat ein Stück Heimat geschenkt bekommen. Fan-Shops waren damals noch unbekannt und meinen weiß-blauen Schal hatte mir meine Mama gestrickt. Und ich weiß noch genau, wie ich nach dem Spiel verfroren mit anderen Fans im Bus gesessen bin und mich über das Tor meines Lieblingsspielers Schorsch Metzger, die robuste Zweikampfführung von Alfred Kohlhäufl und die eleganten Läufe von Jimmy Hartwig gefreut habe. Spielernamen, die nur noch Spezialisten etwas sagen - ich habe sie aber ebensowenig vergessen, wie das tiefe Gemeinschaftsgefühl an diesem Nachmittag.

Fußball und Erstkommunion

Und offenbar bin ich mit meiner Liebe nicht allein. Aber der treue Zuspruch, den dieser Verein von vielen erhält, ist eigentlich völlig unlogisch. TSV 1860 hat keinen Erfolg, meistens eine schwer erträgliche Vereinsführung und teilweise eine Anhängerschaft, bei deren Sprüchen und Gewaltbereitschaft gegen andere Vereine es mir den Magen umdreht. Trotzdem – irgendwie gehört der Verein zu mir, ich will auch nicht von ihm loskommen, denn es verbinden mich starke Gefühle mit ihm.

Ein bisschen geht es mir da so, wie mit meiner Kirche. Auch wenn ich da die Vereinsführung für deutlich stärker halte als beim TSV 1860. Ich glaube, es gibt nicht viele Gründe sich über die Päpste seit Beginn des 20. Jahrhunderts zu beklagen und auch die Bischöfe in meinem Heimatbistum waren und sind nicht die schlechtesten. Trotzdem ist offenbar vieles schief gelaufen in dieser Kirche. Das religiöse Leben ändert sich dramatisch, die Mitglieder laufen in Scharen davon. Es gruselt mich, wenn ich die vor den Ferien veröffentlichten Zahlen lese: Fast 18 000 Katholiken haben im Erzbistum München und Freising ihre Kirche offiziell verlassen..

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Egal ob Fußball oder Kirche, wer damit Erinnerungen verbindet, bleibt treu.
Egal ob Fußball oder Kirche, wer damit Erinnerungen verbindet, bleibt treu. © SMB/Schmidt

Fast 300 000 sind es seit Mitte der 1990er Jahre. Zum Vergleich: das sind mehr Menschen als in der Stadt und im gesamten Landkreis Rosenheim leben. Natürlich können diese Männer und Frauen viele Gründe nennen, warum sie der Kirche den Rücken kehren. Manchen ist einfach der Mitgliedsbeitrag zu hoch, andere lehnen – völlig zu Recht – arrogante, rechthaberische und zumindest früher auch prügelnde Repräsentanten des Vereins ab; andere kommen mit dessen Philosophie und den Verheißungen zurecht, anderen ist der Klub einfach zu erfolglos und stellt dazu auch noch hohe moralische Ansprüche. Wer sich dann nur aus dem „Spiegel“ und angeblich objektiv-kritischen Fernseh-Berichten über die ach so reiche Kirche informiert, der ist dann schnell fertig mit der Austrittserklärung.

Gute Erinnerungen - eine Heimat für immer

Ich bin aber auch zutiefst davon überzeugt, dass diese Menschen Kirche nicht als Heimat erlebt haben, als einen Ort, den sie mit tiefen Erinnerungen und menschlichen Begegnungen verbinden. An Akteure, die ihnen etwas bedeutet haben. So wie ich bei meiner Kommunion und vor allem Kommunionvorbereitung gespürt habe, da gehöre ich dazu. Der Pfarrer hat uns tatsächlich deutlich gemacht, was für ein besonderer Moment mit uns Kindern vorgeht, wenn wir die Hostie bekommen. Und dass danach noch ein Kommunionausflug nach Altomünster kam, wie die Schönheit dieser Kirche auf mich gewirkt und wie das anschließende Softeis geschmeckt hat – daran kann ich mich genauso deutlich erinnern wie an den Wintertag bei den Sechzgern. Ich glaube, so etwas müssen Pfarreien, Seelsorger aber auch Eltern einem Menschen geben. Erinnerungen und Gefühle, die deutlich machen – in der Kirche, in der Religion bin ich daheim und geborgen. Auch wenn etwas schiefläuft. Ich erinnere mich deutlich, dass unser Pfarrer einem Freund mitten in der Kirche eine schallende Watschn gegeben hat, weil er sich bei der Kommunionprobe ungeschickt angestellt hatte, ohne es böse zu meinen. Das hat mein Gerechtigkeitsgefühl empört und auch das habe ich nicht vergessen. Das hätte auch der Moment für einen ersten inneren Abschied von der Kirche sein können. Aber es gibt eben diese anderen Eindrücke und die waren offenbar so tief, dass sie stärker geblieben sind. Ein Gefühl für religiöse Heimat zu schaffen, ist schwer. Ich glaube aber, dass Menschen so etwas bekommen müssen. Und da geht es nicht nur darum, dass weniger Leute aus der Kirche austreten. Denn Menschen bekommen dadurch etwas geschenkt, das sie durchs Leben trägt und das sie auch an ihre Kinder weitergeben wollen. Wenn das der Kirche gelingt – und Kirche das sind nicht nur die Bischöfe und Priester, sondern das ist jeder Gläubige – wenn es der Kirche also gelingt, Heimatmomente für Leib und Seele zu schenken, dann ist mir um sie nicht bange, trotz der hohen Austrittszahlen. Genauso wenig, wie ich den TSV 1860 aufgebe. Der wird sich bestimmt wieder aufrappeln, weil er seinen Fans so viel bedeutet.

Der Autor
Alois Bierl
Radio-Redaktion
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Heimat

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