Johannes Paul II. Der Wende-Papst

26.04.2014

Nachdem die frenetischen Rufe „Santo Subito“ nach dem Tod des polnischen Papstes einer rationaleren Sichtweise der Dinge gewichen sind, wird Johannes Paul II. nun gemeinsam mit dem ebenfalls sehr populären Johannes XXIII. in Rom heiliggesprochen.

Das Pontifikat von Papst Johannes Paul II. dauerte von 1978 bis 2005. (Bild: kna)

Deutschland hat Johannes Paul viel zu verdanken, auch wenn sich die Papstbegeisterung im Land der Reformation nach anfänglichem Jubel traditionell in Grenzen hält – selbst wenn ein Deutscher den Stuhl Petri besteigt.

Unbestritten war Johannes Paul II. ein ganz außergewöhnlicher Mensch und Glaubenszeuge, der allein bis zu seiner Papstwahl ein geradezu dramatisches Schicksal meistern musste, das nicht ohne Grund mehrfach verfilmt wurde. Der 1920 in Wadowice unweit Krakaus geborene Karol Wojty?a war stark von der marianisch ausgerichteten Frömmigkeit und der polnischen Nationalkultur seines Landes geprägt. So war es nur folgerichtig, dass er nach seinem Abitur 1938 nach Krakau übersiedelte, um dort Literatur zu studieren.

Kriegserlebnisse

Der Zweite Weltkrieg unterbrach diese Idylle jäh, so dass sich Wojty?a im Herbst 1940 zur Arbeit in einem Steinbruch meldete, um einer Deportation zu entgehen. Die Arbeitswelt interessierte ihn bereits damals wie auch später im Studium. Kriegs- und persönliche Todeserlebnisse führten ihn zum Priestertum – die Primiz feierte er im November 1946 als Vollwaise. Nach weiteren Studien in Rom kehrte der junge Geistliche im Juni 1948 in das kommunistische Polen zurück, wo er in der Provinz in der Pfarrseelsorge eingesetzt wurde. Dort begriff er, dass die junge Generation und die Laienaktivität unverzichtbar für die ansonsten stark klerikalisierte Kirche Polens waren. Es schlossen sich die Habilitation über ein deutsches Thema (Max Scheler) und seine akademische Lehrtätigkeit (Sozialethik und Moralphilosophie) in Krakau und Lublin an.

Im Juli 1958 zum Weihbischof und 1964 zum Oberhirten von Krakau ernannt, pflegte er durch Ansprachen und symbolische Gesten einen „kulturellen Widerstand“ gegen das Regime. Wie auch später als Papst war ihm die christliche Durchdringung von Kultur und Medien sehr wichtig. Theologisch und persönlich prägend wurde für den polnischen Bischof das weltoffene Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965).

Sportlicher Pontifex

Als der 58-Jährige am 16. Oktober 1978 völlig überraschend zum Papst gewählt wurde, waren die Folgen dieses mutigen Schrittes der Kardinäle noch gar nicht absehbar. In den ersten Wochen überschwemmte die Presse die Öffentlichkeit mit Meldungen über einen Pontifex, der sich selber Rühreier kochte, Ski fuhr, Freunde im Krankenhaus besuchte und mit Bekannten zu Abendaß. Man war begeistert über den sportlichen Papst, der sich ganz als schlichter Seelsorger zeigte und mit etlichen verstaubten Traditionen imVatikan brach. Der Schwerkraft der Römischen Kurie entzog er sich durcheigene Vorstellungen, eine bislang unbekannte Reisetätigkeit und nicht zuletzt durch seinen eigenen personellen Gestaltungswillen innerhalb eines knapp 27-jährigen Pontifikats.

In Fragen der katholischen Doktrin gab es auch durch diesen Papst keine Veränderungen. Vor allem in Kreisen in Deutschland stieß dies mit Blick auf die katholische Morallehre seit den achtziger Jahren auf Unverständnis und verschiedentliche Ablehnung. Unverkennbar wurden mehr und mehr Kompetenzen nach Rom gezogen, um nach Ansicht des Papstes einer zunehmenden Säkularisierung, Relativierung und einem Schwund von Glaubensinhalten entgegenzuwirken. Das führte beispielsweise zum Entzug von Lehrbefugnissen wie bei Hans Küng oder Eugen Drewermann. Gerade in der zweiten Hälfte seines Pontifikats wurde deutlich, wie stark der entscheidungsstarke Papst die gesamte Kirche auf einen einheitlichen Kurs bringen wollte. Bald zeigte sich jedoch, dass kaum jemand mit seiner Aktivität in Schrift, Kommunikation, Reisen und Liturgie (besonders Selig- und Heiligsprechungen) Schritt halten konnte. Bis heute steht die Rezeption seiner theologischen und kulturellen Gedankenwelt größtenteils noch aus.

Kampf gegen Kommunismus

Relativ zügig kam dagegen der Papst aus dem kommunistischen Polen mit der Niederringung des Sozialismus und der Sowjetherrschaft zum Ziel. Dabei setzte er bevorzugt auf Polen mit der potentiell stärksten Oppositionsgruppe eines Ostblocklandes: der katholischen Kirche. Dort sprach der charismatische Papst gleich bei seinem ersten Aufenthalt 1979 der Bevölkerung Mut und Zuversicht zu und verhalf so der oppositionellen Streikbewegung und Gewerkschaft Solidarno?? zum Durchbruch. Mit der Unterstützung unterschiedlicher Oppositionsgruppen und dem zähen Einklagen von Religions- und Menschenrechten erreichte er – auch dank der Politik des russischen Präsidenten Michael Gorbatschow – sein Ziel eines gemeinschaftlichen Europas, das nach seiner Ansicht mit zwei Lungenflügeln atmen muss: Ost und West.

Von diesem Prozess profitierte Deutschland erheblich! Gleich nach seinem Amtsantritt legte er die Pläne des damaligen Kardinalstaatssekretärs Agostino Casaroli auf Eis, die eine Anerkennung des kirchlichen Status Quo in Deutschland bedeutet hätten (neue Diözesen, diplomatische Anerkennung der DDR). Die kirchlich gestützte Bürgerbewegung in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei stimuliertedie friedliche Revolution in der DDR, so dass die Mauer zwischen beiden Blöcken in Berlin fiel und der Papst 1996 durch das symbolbeladene Brandenburger Tor schreiten konnte. Auch wenn es Päpste in Deutschland stets schwer hatten, so hat Johannes Paul II. sicherlich einen wichtigen Beitrag zur deutschen Geschichte geleistet. (Professor Stefan Samerski)

Der Autor ist Verfasser des Buchs "Johannes Paul II." in der Reihe C. H. Beck Wissen, erhältlich auch über den Sankt Michaelsbund.


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