Obermenzing Der Wolf im Priesterpelz

25.09.2017

Er engagiert sich für Obdachlose, hat den Verein „Verwaiste Eltern“ gegründet und hat nie einen Hehl aus seiner eigenen Vorstellung von Kirche gemacht: Der Obermenzinger Pfarrer Klaus Günter Stahlschmidt geht in den Ruhestand.

Pfarrer Klaus Günter Stahlschmidt geht in Ruhestand.
Pfarrer Klaus Günter Stahlschmidt geht in Ruhestand. © SMB/Basso-Ricci

München – Die Krüge oben im Regal, 14. und 15. Jahrhundert, stammen aus meiner Heimat Paderborn“, erzählt Pfarrer Klaus Günter Stahlschmidt. „Die Heiligenfiguren darunter – Hedwig von Andechs, Konrad von Parzham und Nantwein – hat mir eine Künstlerin aus Gräfelfing geschenkt, wo ich Kaplan war“, ergänzt er. Das Reihenhaus im Münchner Stadtteil Obermenzing, in das der 74-Jährige gerade eingezogen ist, ist übersät mit Kunstwerken: unzählige Bilder an den Wänden, in jedem Winkel Figuren und liturgische Geräte, Kruzifixe liegen auf den Kommoden, sogar die Tische sind Einzelstücke. Viele sind Geschenke, das meiste aber hat der Priester selbst gesammelt und sich damit nun sein Ruhestandsdomizil eingerichtet. Nach 35 Jahren als Leiter der zweitgrößten Pfarrei Münchens, Leiden Christi, und seit zehn Jahren (mit der Pasinger Pfarrei St. Leonhard) des Pfarrverbands Menzing, gibt er zum 30. September sein Amt auf.

Ein Kelch zur Primiz

Stahlschmidt erläutert das Bildprogramm der prächtigen Ikonen an der Wand hinter dem Sofa. Einige stammen aus Israel, Rumänien, Bulgarien und zeugen von den mehr als 80 Reisen, die er mit der Gemeinde oder auf eigene Faust unternommen hat. „Mit jedem einzelnen Stein hier verbinde ich Erlebnisse“, und die sprudeln nur so aus ihm heraus.

Seine eigene Berufung etwa: Als junger Erwachsener, als er bereits Priester werden wollte, „es mir aber vielleicht noch nicht zutraute“, besaß einer seiner Freunde einen Zinnbecher aus dem 30-jährigen Krieg, den Stahlschmidt sofort mit einem Mess-Kelch assoziierte. Auf die Frage, ob der Freund ihm den Kelch verkaufe, habe dieser geantwortet: „Er ist nicht verkäuflich, er wartet auf dich.“ Er wartete fast 20 Jahre. Aus einer Landwirtschaft stammend und nach einer kaufmännischen Ausbildung machte Stahlschmidt an der Abendschule sein Abitur. In Münster trat er als Spätberufener ins Seminar ein und entschied sich nach einigen dort verbrachten Semestern für das Erzbistum München und Freising, wo er 1977 zum Priester geweiht wurde. Zur Primiz schenkte ihm sein alter Freund den Kelch.

Hilfe für Obdachlose, Frauen und Familien in Not

Die Hostienschalen aus Zinn, die Stahlschmidt werktags verwendet, sind Suppenschüsseln für Obdachlose aus einem Franziskanerkloster. „Denn die Eucharistie ist für mich Kraftquelle und Auftrag zugleich“, erläutert er und spielt damit auf sein „zweites Standbein“ an. „Schon während der Abendschule traf ich mich mit straffälligen Jugendlichen, Rockern, Obdachlosen.“ Wie ein „roter Faden“ ziehe sich dies durch sein Leben, „ich begleite Menschen ein Stück des Weges, und lasse sie los, wenn sie wieder alleine gehen können“. Auch an seiner ersten Pfarrstelle in Leiden Christi, die er nach der weiteren Kaplanszeit in Landshut übernahm, begann er bald, Obdachlose, Frauen und Familien in Not sowie Flüchtlinge im Pfarrheim aufzunehmen und Kirchenasyl zu gewähren – mehrere hundert Menschen insgesamt. „Die Pfarrei reagierte darauf zunächst mit donnerndem Schweigen“, erinnert er sich, „doch heute sagen mir sogar viele der alteingesessenen Menzinger Bauern: ,Es war gut so.‘“

Bis zu zehn Gottesdiensten an Wochenenden

Zudem hat Stahlschmidt die „Verwaisten Eltern“, deren Vorsitzender er heute ist, vor rund 30 Jahren mit aufgebaut. Mit etwa 70 Gruppen bayernweit unterstützt der Verein Menschen, die ihr Kind verloren haben, unter anderem jene, deren Kinder an Suizid gestorben sind – diese Formulierung ist dem Vorsitzenden wichtig.

Auch in der Pfarrei geht es Stahlschmidt um das „Gegenüber“: „Wenn ich sie ansehe, entstehen Brücken zu den Menschen.“ Die Gläubigen schätzen es, dass sie bei der Messe vom Pfarrer mit Handschlag begrüßt werden. Und er ist berüchtigt dafür, dass die Predigt schon mal länger dauern kann, wenn ihm beim Blick in die Gemeinde spontan eine Geschichte einfällt. Eine große Aufgabe: 14.000 Katholiken im Pfarrverband, mehr als 50 Gruppen, 1.000 Briefe, die er jedes Jahr zum Dank an Ehrenamtliche oder mit Glückwünschen schreibt, „an manchen Wochenenden habe ich bis zu zehn Gottesdienste gefeiert“. Neun Jahre lang war er Dekan erst in Menzing, dann im neuen Dekanat Nymphenburg.

Aufgaben waren nie Arbeit

Für all dies hat er eine klare Strategie: „Ich habe immer viel delegiert, mir von außen und innen Meinungen eingeholt, aber dann selbst entschieden“, erklärt er bestimmt. „Und wenn jemand mit Forderungen kam, musste er bereit sein, dafür selbst einen Beitrag zu leisten.“ Stahlschmidt achtet aber auch auf genügend persönliche Freiräume: „Abends in Ruhe Akten ordnen, einen Krimi lesen, meine Erinnerungsstücke betrachten – dabei kann ich relaxen“, verrät der nachtaktive Priester. „Außerdem habe ich meine Aufgaben nie als Arbeit gesehen, sondern als Leben.“

Mit diesem Elan konnte er auch viele Bauprojekte schultern: St. Wolfgang in Pipping zum Beispiel, eines der Kleinode aus dem 15. Jahrhundert im Pfarrgebiet, das heute in neuem Glanz erstrahlt. Die Pfarrkirche Leiden Christi, 1924 geweiht, wurde zu ihrem ursprünglichen Zustand zurückgebaut, Pfarrheim und Kindergarten wurden neu errichtet, später einige Gebäude der Pfarrei St. Leonhard saniert. „Damit alles aus einem Guss ist, wollte ich unbedingt, dass auch noch St. Georg fertig wird.“ Das hat er geschafft und zwei seiner Ikonen für die ursprünglich romanische Nebenkirche gestiftet.

Joseph Ratzinger hat ihn zum Priester geweiht

Aus seiner eigenen Vorstellung von Kirche hat Stahlschmidt nie einen Hehl gemacht, etwa wenn es um die von ihm geschätzten Predigten von Laientheologen ging. Aber es sei ihm nie um Provokation gegangen, sondern um „positive Auseinandersetzung“. So stand er auch in konstruktivem Kontakt zu kirchlichen Repräsentanten wie dem ehemaligen Wiener Erzbischof, Kardinal Franz König, oder mit Joseph Ratzinger, der ihn zum Priester weihte. „Ich habe Sie immer im Blick gehabt, Sie sind mit ein richtiger Seelsorger“, habe dieser ihm als Papst Benedikt XVI. einmal geschrieben.

Sein Nachfolger im Pfarrverband Menzing, Pfarrer Ulrich Bach, bisher Leiter des Pfarrverbands Puchheim, teile Stahlschmidts „theologische Basis“, wie seine Leidenschaft für die Ökumene oder die Wertschätzung für das Engagement von Frauen und Ehrenamtlichen in der Kirche. „Aber zum Glück ist er auch wieder ganz anders als ich“, freut sich der scheidende Pfarrer und hofft, dass Bach seinen eigenen Stil in die Pfarrei bringt.

Wolf ist sein Symboltier

Was er für seine persönliche Zukunft plane? „Nichts“, antwortet er beherzt. Sein Engagement für die Verwaisten Eltern möchte er natürlich intensivieren und in anderem Kontext Obdachlose und Flüchtlinge unterstützen. Auch Seelsorgeaushilfen kann er sich vorstellen. „Aber ich möchte mich nicht festlegen“, betont er. Letztlich brauche er seine Rückzugsmöglichkeiten. Wie ein Wolf. Eine Zeichnung des Tieres hängt in seinem Wohnzimmer. Stahlschmidt betrachtet sie: „Der Wolf war schon immer mein Symboltier. Er ist ein soziales Wesen, ein Rudeltier, und doch ein Einzelgänger, ein oft Gejagter, der aber nur gefährlich wird, wenn andere ihn bestimmen wollen.“

Die Autorin
Karin Basso-Ricci
Münchner Kirchenzeitung
k.basso-ricci@st-michaelsbund.de


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