Nach der Machtübernahme der Taliban Deshalb ist es schwierig für Caritas International zu helfen

26.08.2021

Die Lage in Afghanistan ist unübersichtlich. Wie die Arbeit der Hilfsorganisationen weitergehen kann, ist unklar. Für eine schnelle Hilfe der Vertriebenen fehlt der Organisation vor Ort das Geld.

Afghanische Vertrieben, die in einen Park in Kabul Schutz suchen
Caritas International möchte dringend den rund vier Millionen Binnenvertriebenen helfen, die innerhalb Afghanistans auf der Flucht vor den Taliban sind. © IMAGO/Xinhua

München - Stefan Recker möchte so schnell wie möglich nach Afghanistan zurück, sagt er. Recker leitet das Büro von Caritas International in Kabul, seit 26 Jahren arbeitet und lebt er in dem Land. Doch nach der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban haben viele internationale Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter vorerst aus Afghanistan abgezogen, weil die Sicherheitslage so unklar ist. Auch Recker wurde mit einer Maschine der Bundeswehr ausgeflogen. Seitdem hält er per Skype mit seinen afghanischen Teammitgliedern Kontakt. „Sie haben Angst“, berichtet er, „ich mache mir große Sorgen um sie.“ Wie die Bedrohungslage für humanitäre Helfer in Afghanistan aktuell ist, kann Recker nicht einschätzen. „Die Taliban haben gesagt, dass es keine Racheaktionen geben wird – aber man weiß nicht, wie verlässlich das ist“, gibt er zu bedenken.

Caritas International hat seine Projekte in dem Land bis Ende des Monats ausgesetzt, damit die Partner vor Ort die Lage bewerten können. Klar aber ist: Die Hilfe muss weitergehen. Denn die humanitäre Lage verschlechtert sich täglich. Schon vor dem Abzug der internationalen Truppen hatten Millionen Menschen wegen einer anhaltenden Dürre und einer Wirtschaftskrise zu wenig zu essen. Rund die Hälfte der Bevölkerung ist auf Unterstützung angewiesen.

Ohne Geld keine Hilfsgüter

Caritas International arbeitet in Afghanistan mit lokalen Partnern zusammen und verteilt Hilfsgüter – doch aktuell sei das wegen der chaotischen Zustände in dem Land nicht möglich, erklärt Recker: „Unser Hauptproblem ist Geld.“ Das Bankensystem sei zusammengebrochen, viele Banken blieben aus Angst vor Plünderungen geschlossen, die Zentralbank leite kein Geld an sie weiter. Recker will dringend den rund vier Millionen Binnenvertriebenen helfen, die innerhalb des Landes auf der Flucht vor den Taliban sind. Sie schlafen in Parks, die zu Flüchtlingslagern geworden sind, in improvisierten Zelten. „Aber wenn wir kein Geld kriegen, können wir auch keine Hilfsgüter kaufen“, erläutert Recker.

Wie die Arbeit der Nothilfeorganisationen in Afghanistan langfristig weitergehen kann, weiß aktuell niemand. Zwar haben die Taliban signalisiert, dass sie die Arbeit der Hilfswerke begrüßen würden. Recker unterstreicht aber auch, dass die Taliban „keine homogene Masse“ sind. Je nach Region gibt es verschiedene Gruppierungen mit unterschiedlich fundamentalistischen Ansichten. „Wir wissen zum Beispiel nicht, was die Taliban dazu sagen werden, wenn Frauen allein durch die Straßen laufen“, räumt Recker ein. „Wir wollen, dass unsere weiblichen Mitarbeiterinnen weiterarbeiten können – das wird schwierige Verhandlungen geben.“

Aussetzung der finanziellen Entwicklungshilfe gutes Zeichen

Dass Deutschland die finanzielle Entwicklungshilfe für Afghanistan nun ausgesetzt hat, hält Recker für ein gutes Zeichen. In den vergangenen 20 Jahren hatte das Bundesentwicklungsministerium der afghanischen Regierung rund 3,5 Milliarden Euro an Hilfen bereitgestellt. „Ich fand es schon vorher nicht sinnvoll, der Regierung eines der korruptesten Länder der Welt so viel Geld fast ohne Bedingungen zur Verfügung zu stellen“, kritisiert Recker.

Die Finanzierung für die humanitäre Nothilfe hingegen müsse weiterhin unbedingt gesichert und ausgebaut werden. Im Gegensatz zur Entwicklungshilfe, die an Regierungen gezahlt wird, damit diese etwa Straßen oder Schulen bauen können, geht es bei der humanitären Hilfe darum, akute Not zu lindern – zum Beispiel in Form von Essenspaketen oder Hygienemitteln. Dieses Geld ginge nicht an die Taliban, sondern komme bei der notleidenden Bevölkerung an, versichert Recker. „Wenn die Banken wieder offen haben, fahren wir unsere Projekte sofort wieder hoch.“ (Sandra Röseler, die Autorin ist Redakteurin bei der Verlagsgruppe Bistumspresse)


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