Forschungsergebnisse Deutsche Bischöfe stellen Studie zu Missbrauch vor

05.09.2018

Das Thema Missbrauch erschüttert weiterhin die Kirche. Nach den USA und Chile rückt bald wieder Deutschland in den Blick: Die Bischöfe stellen neue Forschungsergebnisse vor.

Am 25. September 2018 stellen die deutschen Bischöfe neue Forschungsergebnisse vor.
Am 25. September 2018 stellen die deutschen Bischöfe neue Forschungsergebnisse vor. © Sven Hoppe - stock.adobe.com

Berlin – Eine umfassende quantitative Erhebung, die strengen wissenschaftlichen Standards genügt, können sie nicht liefern. Das stellten die Wissenschaftler gleich zu Beginn des Projekts zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland klar. Kirchliche Personalakten und Strafrechtsakten könnten schließlich nur einen Bruchteil der begangenen Straftaten abbilden. Trotzdem wollten sie "ein möglichst umfängliches Bild" liefern.

Am 25. September kann jeder selbst beurteilen, ob das gelungen ist. Dann will das Forscherkonsortium bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda die Ergebnisse vorstellen. Angesichts der aktuellen Debatten über Missbrauch und Vertuschung in den USA und um das Schweigen des Papstes zu brisanten Vorwürfen findet das Thema besondere Aufmerksamkeit.

Klarheit und Transparenz

Die deutschen Bischöfe hatten vorab das Ziel klar formuliert: Die Studie solle für "Klarheit und Transparenz über diese dunkle Seite in unserer Kirche" sorgen, hatte der Missbrauchsbeauftragte, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, zum Start des Projekts erklärt - "um der Opfer willen, aber auch, um selbst die Verfehlungen zu sehen und alles dafür tun zu können, dass sie sich nicht wiederholen".

Bis zur Präsentation brauchten alle Beteiligten einen langen Atem: Nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Jahr 2010 starteten die Bischöfe 2011 zwei Forschungsprojekte zur wissenschaftlichen Aufarbeitung. Das längerfristige sollte zunächst der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer leiten. Er überwarf sich aber mit den Bischöfen, die ihm 2013 das Projekt entzogen. Ein Jahr später erhielten Wissenschaftler um den Mannheimer Psychiater Harald Dreßing den Zuschlag. Das Projekt wurde auf Anraten der Wissenschaftler dann nochmals verlängert, so dass die Ergebnisse nicht - wie zunächst geplant - 2017 vorgestellt werden konnten.

Erfahrungen der Opfer einbeziehen

Neben Dreßing sind das Kriminologische Institut der Universität Heidelberg, das dortige Institut für Gerontologie sowie der Lehrstuhl für Kriminologie der Universität Gießen beteiligt. Das interdisziplinäre Team will Kennzahlen zum quantitativen Umfang von Missbrauch präsentieren. Zudem soll die Untersuchung Strukturen aufzeigen, die Taten begünstigen können. Dabei soll die Aufarbeitung "sowohl für die Betroffenen als auch für die Öffentlichkeit so transparent wie möglich" gestaltet werden.

Den Wissenschaftlern war dabei wichtig, immer wieder die Erfahrungen der Opfer einzubeziehen - angefangen bei der Entwicklung des Projekts bis hin zur Interpretation der Ergebnisse durch einen Beirat aus Betroffenen, Wissenschaftlern und Kirchenvertretern. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sprach daraufhin von einem gesamtgesellschaftlich bedeutenden "Meilenstein".

Erste Ergebnisse legte das Forscherkonsortium 2016 vor: Eine Teilstudie hatte bereits vorliegende Missbrauchsuntersuchungen aus anderen westeuropäischen Ländern sowie aus den USA, Kanada und Australien in den Blick genommen und rund 15.000 Taten analysiert: Danach waren die Täter in erster Linie Gemeindepfarrer und andere Priester (über 80 Prozent). Bei rund einem Drittel wurde eine emotionale oder sexuelle Unreife festgestellt, bei jedem fünften eine Persönlichkeitsstörung und bei 17,7 Prozent Merkmale von Pädophilie. Alkoholabhängig waren 13,1 Prozent der Täter.

Kritik an Studie

Auch häufige Folgen für die Missbrauchsopfer stellten die Wissenschaftler dar: Dazu gehören psychische Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen, gefolgt von verhaltensrelevanten Folgen wie einem sozialen Rückzug und körperlichen Folgen wie Schlafstörungen oder Kopfschmerzen.

Kritik an der Studie gab es von Anfang an - insbesondere daran, dass keine staatliche und unabhängige Stelle den Auftrag vergeben hatte, sondern die Kirche selbst. Anders als etwa im US-Bundesstaat Pennsylvania, wo der Staatsanwalt und unabhängige Geschworene vor wenigen Wochen Missbrauch von Minderjährigen in tausend Fällen über sieben Jahrzehnte dokumentiert hatte.

Matthias Katsch von der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch" kritisierte, die Bischöfe hätten sich sehr schwergetan bei der Frage der Aktenzugänge. Besser wäre aus seiner Sicht eine unabhängige Aufarbeitungskommission beim Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung gewesen. (kna)


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