Versöhnung Die Beichte ist keine Folter

22.11.2017

Oft sind die Beichtstühle leer. Doch warum? Pfarrvikar Björn Wagner hat eine mögliche Antwort gefunden.

Viele Beichtstühle bleiben leer.
Viele Beichtstühle bleiben leer. © fotolia/GoneWithTheWind

Samstag, 16 Uhr, irgendwo in Deutschland. Priester gehen da in den Beichtstuhl. Einmal in der Woche – wenigstens. Und jetzt beginnt es, das Warten bei schlechter Luft. Gewohnter Moder. Zu selten wird gelüftet. Viele überlegen, ob diese freie Zeit sinnlos sei, es kommt kaum jemand. Abschaffen? Wie so oft? Wer es tut, ist schlecht beraten. Denn da ist angeboten, was oft bemängelt wird: Präsenz.

Nun wäre er da, der geschätzte Pater, der langweilige Pfarrer, der charmante Weihbischof – mindestens eine Stunde. Beichte verlangt Anwesenheit, Verfügbarkeit, Zeit. Kostbarkeiten im Alltag – bei dem, der da hockt, wie bei dem, der jetzt ohne Termin kommen darf: der Mensch, der Sehnsucht hat nach Christus. Ein Glaubensgeheimnis: Ich begegne dem Heiland, indem ich mich einem priesterlichen Bruder anvertraue – einem, der gewagt von sich sagt, er sei ein Sünder, ein Nebenspuriger, ein schwacher Kerl wie ich. Diese beiden Schwachen verbindet der Glaube an den einen, den einzig Starken: Jesus.

Schweigen, Wunden aushalten und beten

Das ist sie, die Beichte: Jesus begegnen. Was jetzt passiert, kennt dieser Jesus aus eigener Erfahrung ganz gut: warten, Geduld haben, willkommen heißen, jemanden ausreden lassen, miteinander ins Gespräch kommen, Tränen nicht aufzuhalten versuchen, Nervosität wahrnehmen, von der Sünde ohne Empörung hören, nüchtern die Lage analysieren, Hektik vermeiden, ausweglose Sichtweisen entnebeln, klug freischaufeln, Ressourcenmanagement betreiben, nichts dramatisieren, nicht Pilatus nachäffen und verurteilen, vor allem dies: zusammen die Klappe halten, schweigen, Wunden aushalten, beten.

Björn Wagner ist Pfarrvikar in den Münchner Pfarreien St. Martin, Moosach, und Frieden Christi.
Björn Wagner ist Pfarrvikar in den Münchner Pfarreien St. Martin, Moosach, und Frieden Christi. © Kiderle

Franz, der Papst, lehrt: Der Beichtstuhl ist keine Folterkammer! Und die Beichte keine Folter. Dafür Lazarett. Therapeutischer Ort für Menschen, die an die Macht der Barmherzigkeit glauben. Die seelenärztliche Praxis, die Jesus damals betrieb, gibt es heute noch. Kirche heißt sie inzwischen. Und was Jesus, der Heiler, damals in Kafarnaum oder am See von Tiberias tat, das bleibt immer zu tun: Menschen, die Vergebung suchen, in das Land des inneren Friedens führen. Sie mit ihrer Geschichte harmonisieren. Kinder einen Gott lehren, der liebt, der gütig ist, der segnet. Kalte Herzen ans Herz Jesu drücken, sie erwärmen. Banales Dahindümpeln wandelt sich in Leben, Bruchstellen werden gekittet, offene Wunden trocknen aus.

Vertrauen ist Mangelware

Der Mensch hat die Möglichkeit, seine Narben mithilfe des österlichen Glaubens ruhig anzuschauen, Loslösung als Erlösung zu erleben. Das gilt für alle – gläubige Laien wie Kleriker. Dennoch: Priester wollen Unterstützung beim Anschauen der Narben sein. Das ist von Christus abgeschaut, von ihm verfügt. Jesu warmes Herz kennt keine Ignoranz. Nicht einen Menschen gibt es, mit dem Gott fertig wäre. Niemals sagt der Heiland „Basta!“. Wenn beichten aber dermaßen heilsam ist, warum sind samstagnachmittags um vier die dunklen Stühle meist einseitig leer und still? Vielleicht deshalb: Vertrauen ist Mangelware geworden. Darauf aber ist jeder heilsame Weg angewiesen. Auch der mit Jesus, dem Erlöser. (Björn Wagner ist Pfarrvikar in den Münchner Pfarreien St. Martin, Moosach, und Frieden Christi)

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Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Monat der Spiritualität und zum Thema Monat der Spiritualität

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