Mut zu Neuem Die Bibel ist voller Veränderungen

12.06.2020

Umbrüche, Aufbrüche, Neuanfänge: Die Theologin Susanne Deininger hat besonders markante, biblische Veränderungsgeschichten zusammengetragen.

Hände blättern in Bibel
Ob unerwartet oder herbeigesehnt - die Bibel ist voller Geschichten über Veränderung. © Jantanee - stock.adobe.com

Veränderungen sind schwierig und unbeliebt bei den einen, ersehnt und herbeigewünscht bei den anderen, je nachdem, ob man gerade glücklich oder weniger glücklich mit dem Ist-Zustand ist. Aber vor allem sind sie eines: unvermeidbar. Denn das Leben ist Veränderung. Und so sind auch in der Bibel so gut wie alle Geschichten, die erzählt werden, im Grunde Veränderungsgeschichten.

Das beginnt bereits ganz am Anfang: Das Schöpfungslied besingt die erste große Veränderung vom Nichts zum Dasein der Welt durch Gottes Schöpfergeist. Und von Beginn an bleibt nur eines gleich, nämlich dass nichts gleich bleibt außer der Zuwendung Gottes zu uns Menschen. Die Bibel erzählt von Veränderungen zum Guten und zum Schlechten, von befürchteten und herbeigesehnten Veränderungen, von freiwilligen und fremdbestimmten, von solchen, die aus dem Herzen kommen, und solchen, die eine göttliche „Zumutung“ sind.

Dabei lässt sich aber ein klares Muster erkennen: Immer wenn ein Mensch sich durch Gottes Stimme, Gottes Geist zu einer Veränderung anregen lässt, führt das immer zu mehr Leben, mehr Freiheit, mehr Heil.

Gottes Ruf zur Veränderung

Das beste Beispiel ist Abraham. Ihm geht es anscheinend gut, dort wo er lebt, in Ur in Chaldäa. Kein konkreter Grund, etwas zu ändern, wird hier genannt. Dennoch: Er fühlt Gottes Anruf: „Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde!“ Er lässt sich auf diesen Ruf ein und erlebt, wie durch seine Bereitschaft zur Veränderung die Verheißung wahr wird: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.“

Wir können daraus lernen: Wenn du Gottes Ruf zur Veränderung spürst, folge ihm. Es warten Segen und Fülle auf dich!

Veränderung ist oft mühsam und schwer

Dasselbe gilt für Mose und sein Volk in Ägypten. Hier wird die Veränderung allerdings herbeigesehnt. Die Zeiten sind schlecht. Wo einst reiches Leben möglich war, herrscht jetzt Unterdrückung. Und doch ist die dringend benötigte Veränderung nur schwer herbeizuführen. Sie gelingt erst mit der Zusage Gottes „Ich bin da!“ im Dornbusch und damit, dass Mose sich von JHWH in den Dienst nehmen lässt. Er lässt sich auf das göttliche Versprechen ein, und sein Volk folgt ihm in die Ungewissheit dieser radikalen und nachhaltigsten Veränderung des Volks Israel. Nicht ohne Murren, nicht ohne Widerstand. Immer wieder denken sie sehnsüchtig an die sicheren Fleischtöpfe Ägyptens.

Und doch erweist sich: Das Neue, die Freiheit mit Gottes Begleitung zu riskieren, ist viel lohnender und führt ins Land, in dem Milch und Honig fließen. Wir können daraus lernen: Veränderung ist oft mühsam und schwer. Sie kann zu Entbehrungen und in die Wüste der Unklarheiten und Gefahren führen. Aber es gibt Werte und Aussichten, die dieses Risiko definitiv rechtfertigen.

Aus ganzem Herzen auf Veränderung einlassen

Auch im Neuen Testament gibt es solche Veränderungsrufe. Vielleicht am eindrucksvollsten bei der Verkündigung der Geburt Jesu an Maria. Gibt es für einen Menschen eine größere persönliche Veränderung als ein Baby? Ein Baby ändert das ganze Leben. Umso mehr, wenn ich der Verheißung glaube, dass dieses Kind von Gott in die Welt gesandt ist. Die Geschichte dieser ledigen Mutter hätte ganz anders ausgehen können. Doch Maria und ihr Verlobter Josef haben sich aus ganzem Herzen auf diese Veränderung eingelassen, und wir alle sind dadurch mit den unglaublichen Früchten dieses Wagnisses beschenkt worden.

Wir lernen daraus: Mit Gott ist nichts unmöglich. Auch für uns nicht. Träumen wir größer, mutiger und voller Vertrauen auf die Möglichkeit einer besseren Welt!

Gott führt durch schwere Zeiten hindurch

Aber es gibt in der Bibel auch die Veränderung zum Schlechteren. Die Autoren des Alten Testaments deuten dies stets als Folgen eines menschlichen Fehlverhaltens. Und auch hier gibt es ein Muster: Gott lässt diese negative Veränderung niemals einfach so geschehen. Er schickt immer wieder Mahner, Propheten, Engel, die vor den falschen Wegen warnen. Wenn die Menschen diesen Warnungen nicht folgen, müssen sie allerdings die Konsequenzen tragen.

So kostet ihr Erwachsenwerden durch die Früchte der Erkenntnis Adam und Eva den paradiesisch-kindlichen Zustand und wirft sie in die harte Realität der Welt. So kostet manchen israelitischen König seine Nichtachtung der Prophetenworte sein Reich und Land und schickt sogar letztlich die gesamte Oberschicht ins Exil.

Aber – und dieses Aber ist wichtig! – Gott lässt es niemals bei der Veränderung zum Schlechteren bewenden. Er führt immer zur Einsicht und Erkenntnis, durch die schweren Zeiten hindurch, und lässt sein Volk am Ende gestärkt und gereift daraus hervorgehen.

Handlungspartner Gottes in der Welt

So wird der Mensch letztendlich zum Handlungspartner Gottes in der Welt. Der versöhnende Regenbogen des Bundes mit seinem Versprechen „nie wieder“ steht am Ende der Sintflutgeschichte.

Und so wird das babylonische Exil zur theologisch fruchtbarsten Zeit des Judentums und zur Geburtsstunde des Ein-Gott-Glaubens. Wir können daraus lernen: Auch wenn nicht jede Veränderung gut ist oder wünschenswert, auch wenn nicht jede Krise gleich zu Verbesserungen führt – wir haben keinen Grund, aufzugeben. Gott kann alles in neues Leben, in neuen Anfang verwandeln. Aus Krisen kann man lernen und in Krisen können wir wachsen. Dazu braucht es allerdings Durchhaltevermögen, Besinnung, Erkenntnis des Nötigen und Gottvertrauen.

Menschen verändern sich

Wunderschön ist diese Linie auch in der Josefsgeschichte nachzuverfolgen: Aus Eifersucht werfen seine Brüder Josef zunächst in die Zisterne, verkaufen ihn dann in die Sklaverei nach Ägypten, wo er schließlich durch falsche Beschuldigung im Gefängnis landet. Eine große Veränderung: vom Lieblingssohn Jakobs zum gefangenen Sklaven! Aber Gott lässt aus all dem etwas wunderbar Gutes werden: Josef kann durch seine gottgeschenkte Traumdeutungsgabe bis zum zweiten Mann im Reich aufsteigen, den Brüdern in der Hungersnot beistehen und dadurch seine Leute in misslicher Zeit retten. Und er kann etwas, was viele nicht können: Er kann sehen und akzeptieren, dass die Brüder sich verändert haben. Er hängt nicht am alten Feindbild, sondern kann sie mit neuen Augen sehen und ihnen vergeben.

Wir können von ihm lernen: Menschen verändern sich. Im besten Fall zum Besseren. Halten wir nicht hartnäckig an alten Bildern fest, sondern schauen wir einander immer wieder neu an und trauen wir uns zu, dass wir uns alle zum Besseren verändern können. Das ist auch mit dem Ruf zur Umkehr in den Evangelien gemeint: umdenken, neu denken, sich immer wieder verändern und Menschen und Welt mit neuen Augen anschauen – aber nicht willkürlich: Es geht darum, uns immer wieder neu an dem auszurichten, worum es in der Frohbotschaft geht: die Verheißung von Leben in Fülle für alle. Veränderungsbereitschaft ist also eine christliche Grundhaltung.

Aus Sprachlosigkeit wird flammende Rede

Und da gibt es ja auch noch diese eine Seite Gottes, die uns oft so unverständlich ist, vielleicht weil sie im Grund Veränderung ist und deshalb so schwer festzuhalten: den Heiligen Geist, Gottes sturmwilde und federzarte Seite in der Welt. An Pfingsten verändert er alles für die junge Gemeinde: Aus stickiger Luft wird frischer Wind, aus Verstecken wird Aufrütteln, aus Angst wird Mut, aus dem Ende der Jesusbewegung wird der Anfang der Kirche, aus Sprachlosigkeit wird flammende Rede.

Dieser Geist ist der Geist der Veränderung, und er ist uns allen geschenkt. Er will uns bewegen, verändern, er lässt wachsen, was gut ist. Mit ihm können wir uns entwickeln und lernen und doch die Richtung behalten. Er macht alles neu, er erfrischt und verwandelt. Mit ihm ist Veränderung nichts, wovor wir Angst haben müssen. Mit ihm ist Veränderung ein Abenteuer, das lebendig macht. Nehmen wir sein Wirken in unserem Leben endlich ernst und wagen es mit ihm, im Sinne der Botschaft Jesu Christi und im Vertrauen auf Gott! Es wird schon werden! (Susanne Deininger, freie MK-Mitarbeiterin)


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