Integration Vom Geflüchteten zum Integrationshelfer

08.04.2021

Jawed Ghaznawi kommt aus Afghanistan und arbeitet heute als pädagogischer Assistent bei der Caritas. Er hilft den Geflüchteten in Deutschland so anzukommen, wie er es konnte.

Zu sehen ist der Integrationshelfer und ehemaliger Geflüchtete Jawed Ghaznawi
Jawed Ghaznawi setzt sich als Caritas-Mitarbeiter für Geflüchtete ein. © SMB/Parschan © SMB/Parschan

Es braucht zwei, drei Anläufe bis Jawed Ghaznawi richtig lachen kann für ein Foto. „Das Lachen fällt mir schwer“, sagt der 38-Jährige, nachdem er sich doch zu einem Grinsen ermutigen kann. Es ist die Flucht von Afghanistan nach Deutschland, die ihm die Leichtigkeit genommen hat. Das macht ihm sichtlich noch zu schaffen, auch wenn er sich und seine Familie heute in Sicherheit zu schätzen weiß. Sicherheit ist das zentrale Wort, um das es immer wieder geht, wenn der ehemalige Geflüchtete von seiner Vergangenheit spricht.

Im Norden Afghanistans hat er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern gelebt, immer mit der Angst, eine Bombe könnte seine Familie von jetzt auf gleich auslöschen. Der Bürgerkrieg vor Ort hat Menschen wie Jawed Ghaznawi zu einer Flucht nach Europa bewogen; der Wunsch nach Frieden und Sicherheit hat ihn nach Deutschland gebracht. Heute arbeitet er bei der Caritas als pädagogischer Assistent und hilft Geflüchteten in einer dezentralen Flüchtlingsunterkunft, auch ihnen ein sicheres Leben zu ermöglichen.

Unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Menschen

Es ist seine erste Arbeit in Deutschland. Als sogenannte Integrationshelfer steht Ghaznawi mittlerweile seit drei Jahren den Geflüchteten bei allen Fragen zur Seite. „Wir sind die Brücke zwischen Klienten und Behörden“, erklärt Jawed Ghaznawi. In vielen Fällen fungiert er als Übersetzter, er begleitet die Geflüchteten auch bei Behördengängen, Arzt- oder Bankterminen. Beraten darf er sie allerdings nicht, das ist Aufgabe der Caritas-Fachkräfte. „Ich arbeite gerne mit Menschen. Es macht mir Spaß, weil ich mit unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Menschen zu tun habe und anderen helfen kann. Mir wurde auch geholfen, als ich es gebraucht habe“, erzählt der pädagogische Assistent, der Ansprechpartner für über 180 Bewohner ist. „Viele kommen aus Afghanistan oder unterschiedlichen Ländern aus Afrika, etwa Nigeria oder Eritrea, Somalia, Pakistan, Iran und Irak“, fasst er zusammen.

Innerster christlicher Auftrag 

Dass die Caritas ein christlicher Arbeitgeber ist, habe für ihn nie eine Rolle gespielt. „Ich denke an Menschlichkeit, nicht an Religion“, antwortet er direkt. An diese Menschlichkeit appelliert auch Monsignore Rainer Boeck. Er ist im Erzbistum München und Freising Diözesanbeauftragter für Flucht, Asyl, Migration und Integration. Boeck hält die Arbeit der pädagogischen Assistenten wie die von Ghaznawi für äußert wichtig, „weil sie den Integrationsvorgang am eigenen Leib erlebt haben. Sie wissen um die kulturelle Umstellung, sie haben den genauen Blick darauf, den wir Deutsche vielleicht gar nicht haben, weil wir schon immer hier leben.“ Dass sich die Caritas für Integration einsetzt, sei ein notwendiger Schritt: „Die Kirche muss sich in dem Bereich engagieren. Zu unserem innersten christlichen Auftrag gehört es, Menschen in Not, nicht sich selbst zu überlassen.“ Niemand Alleinlassen, genau das erhofft sich auch Jawed Ghaznawi von der deutschen Gesellschaft. „Ich wünsche mir, dass die Menschen die Geflüchteten mehr annehmen, mehr verstehen, dass sie unter Druck stehen und etwas Schreckliches erlebt haben“, sagt er.

„Wir fühlen uns sicher“

Als ehemaliger Geflüchteter kann Ghaznawi die Sorgen und Ängste der Klienten nachvollziehen. „Auf der Flucht zu sein, war wie ein Alptraum. Es war schrecklich und sehr gefährlich, so gefährlich, dass ich das nach sechs Jahren nicht vergessen kann.“ Herausfordernd ist für einige außerdem die deutsche Bürokratie und Sprache. Der pädagogische Assistent sehe aber genau darin den Schlüssel für gute Integration. „Das Fundament ist die deutsche Sprache. Arbeit ist auch wichtig, aber solange man die Sprache nicht beherrscht, kann man auch keine passende Arbeit finden“, sagt er überzeugt.

Bei der Frage, ob er heute in Deutschland mittlerweile glücklich ist, zögert Jawed Ghaznawi für einen Moment. Dann ringt er sich doch zu einem „Ja“ durch. Nach kurzem Überlegen fügt er hinzu: „Das Leben hier hat große Vorteile. Das Wichtigste ist, dass ich mir nicht mehr Sorgen machen muss. Wenn meine Frau mit den Kindern unterwegs ist, weiß ich, dass keine Bombe explodiert. Wir fühlen uns sicher.“ Andererseits sei das Leben in Deutschland für ihn auch nach sechs Jahren oftmals herausfordernd. Ghaznawi spricht fließend Deutsch, trotzdem ist auch er erleichtert, wenn abends keine Post vom Amt im Briefkasten steckt, die er nur mit hohem Zeitaufwand verstehen kann. Es sind die kulturellen Unterschiede, die komplexe Bürokratie, das geringe Einkommen für eine ganze Familie und die Verarbeitung seiner Vergangenheit auf der Flucht, weshalb das Lachen Jawed Ghaznawi vermutlich immer noch nicht ganz von allein über die Lippen kommt. (Anna Parschan, Redakteurin beim Münchner Kirchenradio)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Flucht & Asyl

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