Fundraising Die eigene Orgelpfeife

26.09.2019

Wie Sankt Margaret die Orgel saniert, was Fundraising eigentlich ist und warum Orgelpfeifen jetzt Namen tragen.

Die Orgel in der Margaretenkirche in Sendling.
Die Orgel in der Margaretenkirche in Sendling. © Bischof

München – Eine Orgelsanierung ist eine kostspielige Angelegenheit. In der Kirche St. Margaret im Münchner Stadtteil Sendling stand dies im vergangenen Jahr an. Schuld war eine marode und feuchte Wand, herabfallender Putz hatte die Pfeifen beschädigt. 950.000 Euro wurden veranschlagt. Die Erzdiözese sprang mit 50.000 Euro bei. Also bleibt die Frage: Wie treibt man fast eine Million Euro auf?

Das ist jetzt über ein Jahr her und noch ist die Orgel nicht fertig. Aber es geht voran. Denn die Pfarrgemeinde hatte eine besondere Idee: Um ein Fundraising (siehe Interview unten) auf die Beine zu stellen, wurden Berater hinzugezogen. Zusammen mit Pfarrer Franz Frank, Kirchenmusiker Christian Bischof und dem Förderverein „Kirchenmusik in St. Margaret“ wurde ein Patenschaftskonzept entwickelt. Jeder kann Pate für eine oder gleich mehrere Orgelpfeifen werden. Für jeden Geldbeutel ist etwas dabei: Die größeren Pfeifen kosten 1.200 Euro, eine kleine gibt es schon für 50 Euro. 213.000 Euro zeigt aktuell das Spendenbarometer.

Begeistert vom Geschenk

In der Kirche befindet sich ein riesengroßer Übersichtsplan, auf dem jeder Spender seine eigene Orgelpfeife verorten kann. Diesen Plan entdeckte Korbinian Werner eher zufällig, nach beim Aufräumen nach einem Jugendgottesdienst. Der 37-Jährige entdeckte die Namen seiner Schwestern. „Toll, dass meine Schwestern gespendet haben, habe ich mir da gedacht, bis ich dann meinen eigenen Namen entdeckte.“ Des Rätsels Lösung: Werners Eltern hatten für ihre drei Kinder die Patenschaft für jeweils eine Pfeife übernommen. Eigentlich kein Wunder, schließlich ist die Familie Werner tief in der Pfarrei verwurzelt. Seit Werner vier ist, ist St. Margaret seine kirchliche Heimat. Er hat sich lange in der lokalen Jugendverbandsarbeit und bei den Maltesern engagiert. Seine Eltern singen im Kirchenchor und Mama Michaela ist Vorsitzende des Fördervereins.

Dabei waren Werners Eltern sogar so detailverliebt, dass die Nummer der Orgelpfeifen den jeweilig passenden Geburtsdaten der Kinder entspricht. Korbinian Werner ist immer noch begeistert von dem Geschenk: „Wir sind alle musikalisch interessiert und haben auch eine enge Verbindung zur Orgel. Da steht dann dieses Riesending und ein Ton ist quasi meiner. Das hat was ganz Besonderes.“

Besondere Orgel

Das Instrument ist durchaus außergewöhnlich. 1915 wurde sie eingebaut, damals noch mit Holz verkleidet, und 1944 durch einen Bombenangriff schwer beschädigt. Gut zehn Jahre später wurde sie von Anton Schwenk nachgebaut – ohne Holz. 57 Register und über 3.600 Pfeifen soll sie dann haben. Noch fehlen etwa 700.000 Euro. Aber mit Hilfe von großzügigen Gemeindemitgliedern wie den Werners wird hoffentlich bald noch einiges bewegt. Und dann kann man sich im Gottesdienst oder bei einem der vielen Konzerte am warmen Klang der Orgel erfreuen. Bis dahin muss Christian Bischof noch auf der kleinen Truhenorgel spielen. Aber dann gibt es auf der großen, neuen Orgel für die Werners und alle anderen Paten und Sponsoren ein exklusives Privatkonzert.

Wer das Projekt unterstützen möchte, findet alle notwendigen Informationen hier

Ursula Becker-Peloso ist Geschäftsführerin von Fundraising and More
Ursula Becker-Peloso ist Geschäftsführerin von Fundraising and More © Privat

Menschen richtig ansprechen

Fundraiserin Ursula Becker-Peloso erklärt, wie man professionell finanzielle Mittel akquiriert, die über eine Kollekte eher nicht zu stande kommen.
MK: Frau Becker-Peloso, was ist denn überhaupt Fundraising?
BECKER–PELOSO
: Fundraising heißt Mittel einzuwerben. Zum Beispiel für Kirchenrenovierungen, man braucht Bänke, oder eine neue Orgel oder möchte ein neues Projekt iniziieren. Es gibt ganz unterschiedliche Bedürfnisse, die man mit Fundraising abdecken kann und wofür man sehr gut Mittel einwerben kann, die sonst nicht zur Verfügung stehen.
MK: Wo ist denn da der Unterschied zum Klingelbeutel?
BECKER–PELOSO:
Der Klingelbeutel oder die Kollekte gehen rum, wenn man Unterstützung für eine kleine Sache benötigt. Aber, wenn Sie Mittel einwerben wollen für größere Projekte, also Renovierungen oder Neubauten, dann brauchen Sie Fundraising. Das heißt, Sie benötigen die strategische Planung in zeitlicher, personeller und finanzieller Hinsicht.
MK: Woher kommt dann das Geld?
BECKER–PELOSO:
Das kommt aus ganz unterschiedlichen Quellen. Jede Gemeinde hat Mitglieder, mit denen sie in Kontakt ist und eine Beziehung aufbaut. Es geht da um Privatpersonen. Fundraising ist Beziehungsarbeit. Es geht ja nicht um Produkte, sondern um Menschen. Einem Pfarrer, der bereits eine gute Beziehung zu seinen Gemeindemitgliedern hat, wird das besser gelingen. Es geht nicht ums Geld, Geld ist genug da. Es geht darum die Menschen in der richtigen Art und Weise anzusprechen, mit ihnen in Kommunikation zu treten, sie zu inspirieren und motivieren, Mittel zur Verfügung zu stellen. Wenn ich mich als Gemeindemitglied angenommen fühle, dann ist meine Bereitschaft zur Spende viel größer. Menschen spenden gerne und das wird auch in Zukunft so bleiben.
MK: Aber bei einer Renovierung geht es ja schon mal um Millionenbeträge...
BECKER–PELOSO:
Da müssen wir in die strategische Planung gehen. Fundraising benötigt eine gute Planung, eine gute Organisation. Es braucht ein klares Ziel und auch eine zeitliche Vorgabe. Wenn man zwei Millionen Euro braucht, dann ist das natürlich etwas anderes, als wenn man nur 30.000 Euro braucht. Bei so viel Geld muss ich die Großspender in der Gemeinde identifizieren und mich fragen, welche Unternehmen ich anspreche. Da kommen zum Beispiel meist keine richtig großen Unternehmen in Frage, aber die Mittelständler in der Gemeinde. Zu denen muss ich Beziehungen aufbauen und dafür müssen wir die entsprechenden Instrumente nutzen.
MK: Welche Instrumente sind das?
BECKER–PELOSO:
Man könnte zum Beispiel eine Unternehmens-Kooperation aufbauen, die Mitarbeiter involvieren und Patenschaften anbieten. Man könnte neue Bänke finanzieren, in dem Menschen dafür Patenschaften übernehmen, man kann zu Spendenaktionen aufrufen, eine Fundraising Kampagne starten oder die Älteren der Gemeinde bei einem Fundraising-Event motivieren, Mittel zur Verfügung zu stellen. Im Fundraising haben wir etwa 30 verschiedene Instrumente, man muss sehen, welches das Richtige ist. Die jüngeren Mitglieder der Gemeinde kann man mit Online-Fundraising oder einem Crowdfunding begeistern.
MK: Der Kirche geht es doch eigentlich finanziell nicht schlecht, wie kann man da Menschen zum Spenden motivieren?
BECKER–PELOSO:
Im Moment sortiert sich der Markt von Staat und Zivilgesellschaft ganz neu. Der Staat übernimmt oft nicht mehr die Verantwortung für soziale Projekte oder kirchliche Dienstleistungen wie in der Vergangenheit. Der kirchliche Haushalt wird sicherlich in den nächsten Jahren kleiner werden. Das heißt, Gemeinden werden nicht mehr so viel Mittel zur Verfügung stehen wie in den vergangenen Jahrzehnten. Da werden auch die kirchlichen Mittel weniger. Deswegen ist es wichtig, dass sich Gemeinden jetzt schon für die Zukunft aufstellen. Sie werden in der Zukunft mehr Mittel aus anderen Quellen brauchen.
MK: Und wie stellen sich die einzelnen Gemeinden gut für die Zukunft auf?
BECKER–PELOSO:
Sie müssen zuerst intern darüber sprechen, ob man strategisch Fundraising betreiben will. Der Pfarrgemeinderat sollte sich einig sein. Dann muss man sehr genau planen, eventuell externe Experten zu Rate ziehen und dann die eigene Gemeinde involvieren. Dafür muss man nicht gleich einen Fundraiser einstellen. Weiß man wie Fundraising funktioniert und wie es aufgebaut sein soll, dann können anschließend auch Ehrenamtliche mit etwas Erfahrung und viel Zeit diese Tätigkeit übernehmen. Fundraising is Friendraising. Aus Menschen, die Mittel zur Verfügung stellen, sollen Freunde werden. Das bringt vielleicht auch wieder mehr Gläubige in die Kirchen

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de


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