Eine Bibel für alle Die Einheitsübersetzung ist "renoviert"

21.09.2016

Er hat an der neuen Übersetzung der Einheitsbibel mitgearbeitet: Thomas Söding, Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum. Für die Münchner Kirchenzeitung schreibt der anerkannte Theologe exklusiv über diese jahrelange Arbeit und erklärt, warum die Übersetzung überarbeitet wurde.

Thomas Söding ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum. © privat

Die Bibel ist das Grundbuch des Christentums. Was ihm heilig ist, lässt sich in diesem Buch finden: die Geschichte Gottes mit den Menschen, angefangen in Israel, aufgeschlossen für alle Welt durch Jesus Christus. Deshalb ist das Lesen in der Bibel wie ein Trank aus einer frischen Quelle auf einer langen Wanderung, wie die Aussicht von einem hohen Berg, wie das Eintauchen ins Getümmel der Großstadt. Desto wichtiger ist, dass die Bibel auch tatsächlich gelesen wird. Die Zahlen sind allerdings ernüchternd. Nach wie vor ist die Bibel der Longseller unter den Bestsellern. Wer überhaupt ein Buch besitzt, wird oft auch eine Bibel haben. Aber wenn sie nicht aufgeschlagen wird, bleibt sie ein Stapel Papier.

Übersetzungen sind wichtig

In der katholischen Kirche kommen weitere Hindernisse hinzu. Lange Zeit wurden die Gläubigen davor gewarnt, allein in der Bibel zu lesen. Man müsse nur auf die Protestanten mit ihren vielen Sekten schauen, um zu erkennen, dass selbständiges Lesen im Buch der Bücher nur auf krause Gedanken führt. Erst in den letzten Jahrzehnten hat die Situation sich geändert. Die katholische Bibelbewegung hat die Lebensader der Bibel neu entdeckt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat gefordert, dass die Türen zur Heiligen Schrift für alle Gläubigen weit offenstehen müssen.

Gute Übersetzungen sind das A und O. Die Pfingstgeschichte im Neuen Testament zeigt, dass man Gottes große Taten in allen Muttersprachen dieser Welt gleich gut verkünden kann. Deshalb sind Übersetzungen in möglichst viele Sprachen und Dialekte nicht – wie im Koran – eine Krücke, die man gebrauchen muss, weil man den heiligen Urtext nicht versteht, sondern ein Weg, die Gegenwart des Wortes Gottes in allen Sprachen und Kulturen spüren zu lassen.

"Einheitsübersetzung" wurde veröffentlicht

In Deutschland beherrscht die Lutherbibel die Szene. Die Frommen schätzen sie wegen ihres unverwechselbaren Sounds, die Gelehrten wegen der Kraft ihrer Sprache, die Neugierigen wegen der vielen farbigen Bilder. Im Jahr des 500jährigen Reformationsgedenkens wird auch die Lutherbibel überarbeitet. Sie ist ein ökumenisches Angebot – aber durch und durch evangelisch. Wo bleiben die Katholiken?

In den 60er Jahren entschieden die Bischöfe, eine „Einheitsübersetzung“ für den gesamten deutschen Sprachraum zu organisieren. Sie sollte in „gehobenem Gegenwartsdeutsch“ abgefasst werden. Um ein ökumenisches Zeichen zu setzen, wurden das Neue Testament und die Psalmen in Zusammenarbeit evangelischer und katholischer Exegeten erarbeitet.

Fehler wurden korrigiert

Die Einheitsübersetzung war und ist ein Wurf. Sie wurde von den Gemeinden gut aufgenommen; sie wurde im Unterricht gebraucht; sie wurde vielfach gedruckt und verschenkt. Aber drei Jahrzehnte nach der Erstausgabe ist eine Revision nötig. Diese Revision ist jetzt abgeschlossen. Die Aufgabe war, (ein paar wenige sachliche) Fehler zu korrigieren, den Jargon der 70er zu beenden (Lk 2,4): „Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen“ und durchgängig die Wiedergabe am Urtext zu kontrollieren, so dass auch das Deutsche farbiger, bilderreicher, ein wenig stacheliger wirkt als der bisweilen allzu glatte Text der bisherigen Einheitsübersetzung.

Die Überarbeitung ist gelungen; die Bibel wirkt etwas frischer – aber es wird auch deutlich, dass es sich um die Heilige Schrift handelt und nicht um eine religiöse Gebrauchsanweisung. Der entscheidende Praxistest steht freilich noch aus. Die Evangelischen haben sich aus dem Projekt zurückgezogen. Umso mehr kommt es darauf an, dass die Bibel in der katholischen Kirche eine möglichst große Lesegemeinde bildet. Einen Versuch ist es wert. (Professor Thomas Söding)


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