Welttag der Suizidprävention Die Frage, die alles bestimmt: Warum?

09.09.2019

Timo war 17 Jahre alt als er sich das Leben nahm. Über die Krankheit Depression wusste seine Mutter, Pam Metzeler, damals nicht viel. Heute ist das anders und sie will anderen helfen, Warnsignale zu erkennen.

10.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben.
10.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben. © Kittiya - stock.adobe.com

In Deutschland sterben jedes Jahr etwa 10.000 Menschen durch Suizid. Das zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Die Mehrheit von ihnen hat an einer psychiatrischen Erkrankung gelitten, am häufigsten an einer Depression. So war es auch bei dem Sohn von Pam Metzeler. Mehr als zwei Jahre ist es her, seit der damals 17-Jährige sich das Leben genommen hat. Und die Frage, die dann alles bestimmt hat, war: Warum? Gleich gefolgt von: Was habe ich falsch gemacht?

Zuerst hat sie dabei an den Schulwechsel gedacht, den Timo gerade hinter sich hatte. Er hatte einen dualen Ausbildungsgang zum Physikalisch Technischen Assistenten begonnen, wegen der er von zu Hause ausziehen musste. Aber schon nach dem ersten Tag war er absolut unzufrieden. Die Mutter hat die Probleme, die er geschildert hatte, als Heimweh interpretiert: er konnte nicht essen, ihm war übel, er hat sich oft übergeben, er konnte nicht schlafen, konnte sich nicht konzentrieren. Er schrieb immer wieder: „mir geht’s schlecht, ich bin total down.“ Heute weiß sie: das waren Symptome einer Depression. Diese Ausbildung hatte Timo dann gerade abgebrochen. Er hatte im Oktober sogar noch einen Platz an der FOS für das laufende Schuljahr bekommen. Alles schien wieder gut zu sein. Aber gleich nach dem ersten Schultag an der neuen Schule hat er sich das Leben genommen.

7§§Gespräche mit spannenden Persönlichkeiten, die mit ihrem Tun christliche Werte transportieren. Sie alle machen die Welt ein kleines bisschen besser. Auch Pam Metzler war zu Gast in der Sendung.

Nach Timos Tod hat ihr älterer Sohn seiner Mutter erzählt: „Mama, der Timo hat nicht zum ersten Mal auf den Gleisen gelegen.“ Aber Timo wollte auf keinen Fall, dass die Mutter davon erfährt. Der große Bruder war mit dem Jüngeren damals ins SPZ (Sozialpädiatrisches Zentrum) in Memmingen gegangen. Die Ärztin hatte die Mutter nach Abschluss einer mehrwöchigen Behandlung auch angerufen und erzählt, dass es einen Vorfall gab, sie sich aber keine Sorgen machen solle, der Timo habe den Sinn im Leben noch nicht gefunden. Das sei aber normal in dem Alter. Über den Vorfall dürfe sie aufgrund der Schweigepflicht allerdings nicht reden. Sie hat dann eine Notfallnummer dagelassen. Pam Metzeler war völlig fertig, hat aber aus ihren Söhnen nicht herausbekommen, was wirklich losgewesen war.

Eine Checkliste für Anzeichen, die auf einen geplanten Suizid hinweisen können

- Abkapseln von Freunden und Familie, Rückzug aus der Gemeinschaft, Freudlosigkeit, Stille
- starke Veränderungen von Ess- oder Schlafgewohnheiten (viel zu viel oder viel zu wenig)
- starke körperliche Veränderungen: Gewicht, Kleidung, Schmuck, Suchtverhalten
- große Hoffnungslosigkeit, Depression oder andere psychische Belastungen
- massive Verschlechterung der schulischen Leistungen
- vorangegangene Suizidversuche oder Suizidäußerungen, direkt oder versteckt, z.B. »Ich kann nicht mehr« oder »Mein Leben ist sinnlos«
- Abschiedsbriefe, entsprechende Gedichte, Zeichnungen
- psychosomatische Probleme
- aggressives oder autoaggressives Verhalten
(Die Checkliste stammt aus dem Buch „Dark Way. Die Geschichte eines Suizids“ von Pam Metzeler. Das Buch können Sie in der Buchhandlung Michaelsbund bestellen: Tel.: 089 / 23225 420/ Mail: buchhandlung@st-michaelsbund.de)

Pam Metzeler will mit ihrem Buch über die Krankheit Depression informieren.
Pam Metzeler will mit ihrem Buch über die Krankheit Depression informieren. © SMB

Die Mutter hat auch auf anderen Wegen versucht, Antworten zu finden: Sie ist in ein Internetforum gegangen, in dem sich Menschen austauschen, die einen Suizid planen, weil sie wissen wollte, wie die denken. Einmal hat sie mitbekommen, dass jemand etwas über Schilddrüsenwerte geschrieben hat. Auf ihre Nachfrage erklärte ihr ein Mitglied in diesem Forum, dass bei Jugendlichen eine leichte Unterfunktion, die aber noch über dem Grenzwert für Erwachsene liegt, dazu führt, dass weniger oder keine Glückshormone gebildet werden. Das kann eine Depression verstärken.

Heute weiß Pam Metzeler das alles. Hätte sie es früher gewusst, hätte sie Timo vielleicht helfen können. Deshalb will sie versuchen, viele andere Menschen über das Krankheitsbild zu informieren. Ihre Geschichte hat sie in einem Buch niedergeschrieben. „Dark Way. Die Geschichte eines Suizids“ heißt es. Darin geht es aber nicht nur um die Krankheit, sondern auch darum, wie sie mit ihrer Trauer leben gelernt hat. Sie beschreibt, wie sie abwechselnd leugnend, zornig oder depressiv war. Wie sie sich der Selbsthilfegruppe AGUS (Angehörige um Suizid) angeschlossen hat. Wie Psychotherapie ihr geholfen hat. Wie ihre Ehe gelitten hat. Wie eine Paartherapie weitergeholfen hat. Heute hat sie den Tod von Timo akzeptiert. Aber sie hofft, andere wachzurütteln, damit sie die Anzeichen der Krankheit nicht übersehen. Am 10. September ist Welltag der Suizidprävention. 2003 hat die Weltgesundheitsorganisation und die International Association for Suicide Prevention den Tag ausgerufen.

Hier finden Sie Hilfe

- Sind Sie momentan in einer schwierigen Situation? Sie wissen nicht weiter? Sie suchen einfach nur einen Gesprächspartner? Die TelefonSeelsorge des Erzbistums München und Freising ist rund um die Uhr für Sie erreichbar: 0800/111 0 222.
- U25 ist ein Mail-Beratung für suizidgefährdete Jugendliche bis 25 Jahre. Du wirst dort kostenlos und anonym von speziell ausgebildeten Peers zu den Themen Suizid und Depression beraten.
- TREES of MEMORY gibt Menschen, die einen Angehörigen durch Suizid verloren haben, eine neue Lebensperspektive.

Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de


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