Spiritualität lernen „Die geistlichen Muskeln trainieren“

18.11.2016

In fast jedem religiösen Gespräch kommt der Begriff „Spiritualität“ vor. In der Sendung „Einfach leben“ im Münchner Kirchenradio haben zwei erfahrene Glaubens-Coaches erzählt, was dieses Schlagwort bedeutet und wie man Spiritualität lernen und üben kann.

Spiritualität fällt auch, aber nicht nur vom Himmel, man kann sie auch lernen © lagom-Fotolia

München – Seinem Partner, dem Ehemann, der Ehefrau ein Kreuzzeichen auf die Stirn zeichnen, sanft mit dem Daumen, vielleicht auch noch mit den Worten „Gott segne Dich“. Die Vorstellung macht verlegen, die Situation könnte peinlich sein. Gabriela Grunden spricht da vom „Mut zu einer spirituellen Kultur“, den man sich erlauben sollte. Die Theologin, die in der „Glaubensorientierung“ der Erzdiözese München und Freising Erwachsene auf ihrem Weg zur Taufe begleitet und offene Exerzitien und Gespräche anbietet, hat täglich mit Menschen zu tun, die sich eine spirituelle Geste wünschen, aber sich nicht trauen. Genauso wie die Religionspädagogin Martina Groß; bemerkt sie an den vielen Anfragen, wie in einer zweckorientierten Welt immer mehr Menschen Halt suchen. „Ich stelle so die Tendenz fest, Religion nein danke; Spiritualität, losgelöst von Religion, ja“, sagt Groß, die im Bildungsressort des Erzbistums arbeitet. Beide sehen aber in dieser spirituellen Suche ein ermutigendes Signal. Gabriela Grunden erkennt sogar eine „Chance der Kirche“, Menschen hier Halt und Heimat zu bieten.

Übung macht den spirituellen Meister

„Die Kraft Gottes in mir spüren und Begabungen in mir finden“, so würde Martina Groß den Begriff Spirtualität umschreiben. Das lässt sich lernen und üben, davon sind beide „Glaubens-Coaches“ überzeugt. Das fängt damit an, aufmerksam für die eigenen Gedanken, Gefühle und Sehnsüchte zu sein und sie bewusst zu betrachten. Das kann in Gebeten und Ritualen münden, wie zum Beispiel nahestehenden Menschen ein Kreuzzeichen auf die Stirn zu zeichnen. „Die geistlichen Muskeln trainieren“, nennt Gabriela Grunden das. „Ohne Übung werde ich kein spirituelles Leben führen, dann blitzt es nur gelegentlich auf.“ Dabei sind auch geistliche Lehrer und Vorbilder eine Hilfe, die ein allmähliches, geistliches Wachsen begleiten. Das ist keine abgehobene Frömmigkeit, machen Grunden und Groß klar. Das hat Folgen, zum Beispiel, wie man mit- und übereinander spricht und seinen Alltag umgestaltet. Einen Ehekrach, einen Streit mit pubertierenden Kindern oder eine Auseinandersetzung am Arbeitsplatz führt man so vielleicht etwas anders. Jemanden freundlich und nicht gleichgültig anzusprechen, ist auch Übungssache. Dabei hilft natürlich immer ein Blick auf Jesus, dem selbstverständlichen Bezugspunkt christlicher Spiritualität.

Früh anfangen

Wachsamkeit für die eigenen Gefühle und die Sehnsucht nach dem Unendlichen lassen sich am besten in der Kindheit zu lernen. Beide Expertinnen ermutigen dazu, mit Kindern über Fragen zu sprechen, auf die man selbst keine endgültige Antworten weiß und gemeinsam immer wieder auf die Suche zu gehen. Schon ein einfaches Tischgebet erinnert daran jeden Tag. Mit Kindern eine Kirche zu besuchen, sie diesen besonderen Raum erleben zu lassen und dort miteinander eine Kerze anzuzünden, klingt unspektakulär, bildet aber ein Gespür aus, das nicht mehr verlorengeht. Gabriela Grunden begegnet häufig Menschen, die ohne solche spirituellen Berührungen aufgewachsen sind, danach hungern und sie oft mühsam nachholen. Es bleibt eine leere Stelle zurück, wenn man „Kindern den Himmel vorenthält“. Spiritualität ist ein unsichtbarer Schatz, der bleibt. Er hält die Beziehung zu Gott und den Menschen in Gang. „Meine 19jährige Tochter verlangt noch heute, dass ich ihr vor Prüfungen ein Kreuz auf die Stirn zeichne“, erzählt Martina Groß. Es ist die Geste, die sie als Kind gelernt hat und die ihr vor schwierigen Situationen Vertrauen ins Leben gibt. Alois Bierl/Gabie Hafner


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