Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende Die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft

23.01.2019

Die elfjährige Lilly Maier lernt einen gut sechzig Jahre älteren Mann namens Arthur kennen. Die beiden werden Freunde fürs Leben. Das ist die Geschichte von dem Mädchen und dem Holocaust-Überlebenden.

Lilly Maiers erstes Treffen mit Arthur und Trudie Kern am 30.März 2003 in Wien
Lilly Maiers erstes Treffen mit Arthur und Trudie Kern am 30.März 2003 in Wien © Sabine Maier

München – Kennengelernt haben die beiden sich, weil sie in der gleichen Wohnung in Wien gelebt haben. Er in den dreißiger Jahren, sie in den Neunzigern. Er - der Sohn einer jüdischen Unternehmerfamilie - musste 1938 Wien verlassen. Damals war er zehn Jahre alt. Mit einem Kindertransport gelangte er nach Frankreich. Als Rentner wollte er die Wohnung seiner Kindheit noch einmal sehen. Inzwischen lebte er mit seiner Familie in den USA. Als er in einem Urlaub ein Paar aus Wien kennenlernte, bat er sie, doch mal höflich bei den jetzigen Bewohnern der Wohnung nachzufragen, ob er einmal dorthin kommen dürfe. Das haben die beiden getan und Lillys Mutter hat sofort „Ja, natürlich!“ gesagt. Aber etwas Angst hatten Mutter und die damals elfjährige Tochter dann doch vor der Begegnung: Würde da ein gebrochener Mann vor ihnen stehen, würde er womöglich in Tränen ausbrechen und wie sollten sie damit umgehen? All diese Fragen stellten sie sich. Doch die waren völlig unbegründet, erinnert sich die inzwischen erwachsene Lilly Maier: „Arthur war wirklich der glücklichste Mensch, dem ich in meinem Leben begegnet bin. Er ist reingekommen mit einem Riesenstrahlen im Gesicht und hat gar nicht mehr aufgehört zu lächeln. Er ist in jeden Raum gegangen, hat angefangen, uns durch unsere eigene Wohnung zu führen und uns erzählt, wo damals der Kamin stand, wo das Bett und wo das Klavier. Und er sprach noch ziemlich gut Deutsch. Aber, wie er immer gesagt hat, das Deutsch eines Zehnjährigen.“

Letzter Gruß seiner Eltern

Bei dem einen Besuch ist es nicht geblieben. Lilly hat an einem Geschichtsprojekt teilgenommen, in dem sie das Leben von Arthurs Mutter vorgestellt hat. Eine Zeitung berichtete über die Geschichte und druckte auch ein Foto von Lilly. Auf diesem Foto hielt sie ein Foto von Arthurs Mutter in der Hand. Diesen Artikel las eine alte Dame und meldete sich bei der Zeitung. Denn sie hatte Arthurs Mutter erkannt und hatte ein Päckchen für Arthur, das sie seit dem Krieg aufbewahrt hatte: Darin waren Dokumente und Versicherungspolicen, die Arthurs Vater einem Freund zur Aufbewahrung gegeben hatte, bevor die Familie ins Ghetto deportiert wurde. Er hatte gehofft, nach dem Krieg mithilfe der Dokumente neu anfangen zu können. Für Arthur war das ein letzter Gruß seiner Eltern, der ihn mehr als 60 Jahre später erreichte. Er hat seine Familie nie wiedergesehen.

Kontakt brach nicht ab

Und Lilly wollte immer mehr wissen über die Zeit und über die Umstände. Mit dem Ergebnis, dass sie heute Historikerin ist und vor allem zu den Kindertransporten forscht. Sie hört mit ihrer Forschung aber nicht beim Kriegsende auf, sondern schaut, was aus diesen Kindern geworden ist.

Dazu muss man wissen, dass die Kinder, die nach Frankreich gebracht wurden, dort in Heimen lebten. Nach dem Krieg haben viele Kontakt zueinander gehalten und später auch nach anderen ehemaligen „Kindern“ – wie sie sich bis heute nennen - gesucht. Rund ein Dutzend Überlebender lebte in der Nähe von Arthur und seiner Frau Trudie in Los Angeles. Sie waren mehr als nur Freunde, sie sind sich zur Ersatzfamilie geworden, denn ihre leiblichen Verwandten lebten ja größtenteils nicht mehr. In den neunziger Jahren gab es dann ein großes Treffen mit rund 100 Überlebenden. Danach haben Arthur und seine Frau jedes Jahr zu einer Gartenparty eingeladen. „Die anderen haben Arthur immer den Historiker der Gruppe genannt,“ erzählt Lilly Maier, „weil er wusste, wer in welchem Heim gewesen ist. Wenn jemand neu zu den Gartenpartys dazu kam und erzählt hat, in welchem Heim er gewesen war, hat Arthur ihn anderen Überlebenden vorgestellt, die auch dort gewesen waren. So hat er manche alte Freundschaft neu geknüpft.“

Lilly Maier war zu Gast in der Talksendung Hauptsache Mensch im Münchner Kirchenradio. Hier finden Sie den Podcast.

Heute sagt Lilly, dass auch sie quasi zu Arthurs Familie dazugehört. Er hat sie auch gerne als seine österreichische Enkeltochter vorgestellt. Und auch seine eigenen Kinder und Enkel sehen Lilly als Familienmitglied. „Für ihn hat Verwandtschaft nicht unbedingt etwas mit Genen zu tun. Für ihn sind seine Freunde aus den Heimen seine Brüder und Schwestern, für seine Kinder sind es Onkel und Tanten.“ Und Lilly ist eben die nächste Generation von Menschen, die irgendwie dazugehören, weil das Schicksal es so wollte.

Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de


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