Inventar von St. Jakobus Neuperlach schmückt nun Kirche im Kosovo Die Glocken fehlen immer noch

10.09.2015

Groß war die Trauer in der Pfarrei St. Jakobus im Münchner Stadtteil Neuperlach, als bekannt wurde, dass die sowieso schon wegen Asbestbelastung und Mängeln bei der Statik gesperrte Kirche im Zuge der Zusammenlegung von fünf Pfarreien 2012/13 abgerissen werden sollte. Doch manchmal ist des einen Leid des anderen Freud.

Die Kirche im kosovarischen Janosh Gjakovë: Weil der endgültige Betonboden noch fehlt, konnte das komplette Inventar aus München noch nicht installiert werden, aber die Kirchenbänke stehen schon. (Foto: oh (2))

Und so bekam Agron Krasniqi, der 1990 mit seiner Familie aus dem Kosovo vor den damals dort noch herrschenden Serben flüchten musste, von den Plänen für das Aus des 1974 geweihten Kirchenbaus gerade noch rechtzeitig Wind. Er war zu dem Zeitpunkt nämlich auf der Suche nach Kirchenglocken. Ein Onkel von ihm, der wie die ganze Familie zur katholischen Minderheit in seiner überwiegend muslimischen Heimat gehört, hatte in Eigeninitiative mit der Dorfgemeinde den Neubau einer Kirche in dem ganz von Katholiken bewohnten Dorf Janosh Gjakovë begonnen.

Baumaterial war in dem jungen Staat, der zu einem der ärmsten in Europa zählt, zu bekommen. Aber bei der Beschaffung für die Inneneinrichtung herrschte großer Mangel – vor allem was ein paar ordentliche Glocken anging, um die Gläubigen zu den Gottesdiensten zusammenzurufen. Als der junge Familienvater Krasniqi dann erfuhr, dass die nicht mehr renovierungsfähige Kirche St. Jakobus gar keinen Glockenturm hatte, war er natürlich zuerst enttäuscht, ließ sich davon jedoch nicht entmutigen. Denn er stellte bald fest, dass viele Gegenstände aus dem abbruchreifen Gotteshaus in der Kirchengemeinde seiner Landsleute für große Freude sorgen würden. Aber wenig später kam auch schon der zweite Rückschlag: Aus Neuperlach erhielt er im Frühjahr 2012 die Rückmeldung, das Inventar stünde wohl nicht zur Verfügung. Nach einigen bangen Monaten des Wartens trudelte im Sommer dann wiederum unerwartet eine E-Mail ein, in der es hieß, dass zahlreiche Objekte für eine spätere Verwendung in München nicht mehr gebraucht würden. Bei einer Ortsbegehung wurde man sich schnell darüber „handelseinig“, was nach Janosh Gjakovë verschickt werden sollte – obwohl der Wermutstropfen der fehlenden Glocken blieb.

Krasniqi machte sich an die logistische Arbeit für die Überführung, ohne zu ahnen, auf welch abenteuerliche Komplikationen er sich eingelassen hatte. Während das Eintreffen der Abrissbirne in St. Jakobus Tag für Tag bedrohlich näherrückte, mussten schnell Helfer gefunden werden, um die Kirchenbänke, den Altartisch, den Tabernakel, den Opferstock, 14 Kreuzwegbildtafeln, Stühle und eine Muttergottesstatue herauszuschleppen sowie mit einer akrobatischen Glanzleistung ein Kreuz mit einer lebensgroße Christusfigur von der Verankerung an der Wand über der Haupttreppe herabzulassen – alles in allem zwei Lastwagenladungen voll. Das war aber noch die leichteste Übung, denn die ganze Familie versprach mit anzupacken. Parallel war ein Finanzier für den 3.000 Euro teuren Transport gefragt. Als Geldgeber konnte schließlich das katholische Hilfswerk „Renovabis“ für die Kirche in Ost- und Mitteleuropa gewonnen werden. Aber der entsprechende Referent verpasste vor dem Vertragsabschluss für die Kostenübernahme auf einer Dienstreise in Georgien erst einmal ein Flugzeug, ehe im letzten Moment dann doch noch das Okay für die Finanzierung kam. Kaum war dieses Hindernis aus dem Weg geräumt, türmte sich das nächste auf: Denn im fernen Kosovo führten administrative Unklarheiten dazu, dass neue Ungewissheit über dem privaten Projekt schwebte.

Also wurde die Ladung kurz vor dem – glücklicherweise verschobenen – Abrisstermin für St. Jakobus schließlich in die Lkws gehievt, ohne dass alle notwendigen Genehmigungen für die reibungslose Reise der außergewöhnlichen Ware eingeholt waren. Flugs blieb Krasniqi nichts anderes über, als ein Zwischenlager bei Freunden auf der Andechser Molkerei aufzutun, wo seine engagierte Familientruppe die komplette Fracht für unbestimmte Zeit wieder ausladen musste. Und damit ging der Ärger erst richtig los: Denn der kosovarische Fuhrunternehmer verfügte nur über einen intakten Lastwagen, womit sich die Abfahrt um Wochen verzögerte, bis sie doch noch gelang – allerdings mit dem fatalen Ergebnis, dass die heilige Sendung kurz vor ihren Ziel wegen Zollabfertigungsproblemen an der kosovarischen Grenze endete. Nachdem aber auch diese Klippe irgendwie umschifft werden konnte, kam alles endlich doch in Janosh Gjakovë an, so dass nun vor allem die grünlackierten Bänke das bisher noch sehr bescheiden ausgestattete Kirchlein der äußerst aktiven Gemeinde im Westen des Landes schmücken.

„Wir sind einfach überglücklich, dass wir uns in unserer kleinen Kirche jetzt richtig heimisch fühlen können“, freut sich Initiator Gjokë Geci vor Ort. Und auch in München ist man zufrieden: „Wer hätte gedacht, dass der bedauerliche Kirchenabriss bei uns, der für viele Gläubige aus St. Jakobus ein bleibender Schmerz ist, doch noch Freude an einem anderen Ende der Welt auslösen kann; dass der Abriss einer Kirche hier dem solidarischen Aufbau einer Kirche dort dient“, freut sich Pfarrer Bodo Windolf aus Neuperlach. Was immer noch fehlt, sind die Kirchenglocken, womit die Suche begonnen hatte. Krasniqi hat aber noch nicht aufgegeben: „Wenn ich nur ein Angebot erhielte, würde ich die organisatorischen Hürden im zweiten Anlauf mit großer Leichtigkeit nehmen“, ist er sich gewiss.

 

 


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