Menschen mit Behinderung Die Inklusion nicht vergessen

08.04.2021

Kardinal Reinhard Marx hat mit Einrichtungsleitern über Herausforderungen in Corona-Zeiten gesprochen. Man müsse verhindern, dass das Konzept der Inklusion jetzt aus dem Blick gerate, so der Münchner Erzbischof.

Ärztin und Mann mit Down-Syndrom begrüßen sich per Ellenbogen
Kardinal Marx würdigte die Arbeit jener, die „Menschen mit Behinderung nicht nur betreuen, sondern ihnen die Möglichkeit geben, wirklich mitzuleben“. © imago/Belga

München - Mit Blick auf den Jahrestag der Inkraftsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland hat Kardinal Reinhard Marx zu besonderer Achtsamkeit für Menschen mit Behinderung aufgerufen. „Wir dürfen während und auch nach Corona nicht nachlassen und müssen verhindern, dass das Konzept der Inklusion aus dem Blick gerät oder geschwächt wird“, sagte der Münchner Erzbischof. Bei einem Videogespräch mit Leiterinnen und Leitern von katholischen Einrichtungen im Erzbistum, die zur Teilhabe und Inklusion beitragen, dankte der Kardinal für den Einsatz aller, die für Menschen mit Behinderungen Dienst tun.

Kardinal Marx würdigte die Arbeit jener, die „Menschen mit Behinderung nicht nur betreuen, sondern ihnen die Möglichkeit geben, wirklich mitzuleben“. Die Maßnahmen zum Schutz vor Corona hätten mit der Beschränkung von Nähe auch „das Gegenteil von Inklusion“ bedeutet und gerade für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen eine große Belastung dargestellt. Umso wichtiger sei die Arbeit unterstützender Stellen, betonte der Kardinal. Auch die Problematik der in allen Bereichen steigenden finanziellen Belastungen sprach er an. Hier müssten alle Beteiligten um gute Lösungen zum Wohle der Menschen ringen.

Mit "Herz und Hirn"

Christoph Klingan, Generalvikar der Erzdiözese, lobte den kontinuierlichen Einsatz der Mitarbeitenden im Dienst an den Menschen mit Unterstützungsbedarf: „Man spürt, dass Sie für Ihre Arbeit brennen!“ Die Schilderungen aus der Praxis verdeutlichten in dieser schwierigen Phase der Pandemie, „dass Sie Herz und Hirn zusammenbringen“ und so zur bestmöglichen Situation für die zu Betreuenden beitrügen. Die Amtschefin im Erzbischöflichen Ordinariat, Stephanie Herrmann, dankte zudem für verantwortungsvolle Flexibilität angesichts der „immer neuen Verordnungen und Änderungen“ zum Infektionsschutz. „Obwohl es immer komplexer wird, lösen Sie diese Herausforderungen mit Optimismus und Kreativität. Damit machen Sie auch anderen Mut“, betonte Herrmann.

Robert Pippig, Leiter der Caritas-Werkstatt in Dachau, verdeutlichte exemplarisch die Situation der in seiner Einrichtung Betreuten, nachdem die Werkstatt im März 2020 pandemiebedingt schließen musste: „Sie waren verunsichert und traurig. Es ist Tagesstruktur weggebrochen. Sie konnten ihre Freunde nicht mehr treffen. Vieles von dem, was für sie wichtig ist, war von einem auf den anderen Tag weg“, bedauert Pippig. Die Belastung, die die Mehrheit der Bevölkerung infolge der Corona-Maßnahmen empfinde, treffe vor allem Menschen mit einer geistigen Behinderung teilweise vielfach härter.

Margit Rychly, Leiterin des Caritas-Hauses Schonstett, richtete den Blick auf die Situation der stationär betreuten Menschen mit geistigen und körperlichen Einschränkungen. Nachdem ab März 2020 vorerst niemand mehr das Haus verlassen konnte und Besuchsverbot galt, „war es schwer, eine neue Struktur zu schaffen und Sicherheit zu vermitteln“, beklagte Rychly. Bereichernd sei die schnelle Unterstützung aus umliegenden Pfarrgemeinden gewesen: „Der Frauenbund und die katholische Landjugend unterstützten uns, und wir bekamen innerhalb kürzester Zeit 500 hervorragend genähte Masken, als es auf dem Markt kaum welche gab.“

Wenige Gesichter gesehen

Esther Friedrich, Leiterin der Interdisziplinären Frühförderstelle in Rosenheim, schilderte die Situation von Kleinkindern, die in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind. Deren Lage sei durch Corona erheblich erschwert worden: „Während der Pandemie mit Maßnahmen und Masken sehen die Kinder wenige Gesichter und wenige Gleichaltrige. Dabei brauchen sie beides für die Entwicklung ihrer kommunikativen Fähigkeiten“, so Friedrich.

Fred Ranner, Leiter der Heilpädagogischen Tagesstätte Josefine Kramer in München, fügte hinzu, für Kinder seien Zugangsbeschränkungen, Abstand und Kontaktverbote zunächst schwer vermittelbar gewesen, jedoch sei auch deutlich geworden: „Je länger eine Phase mit gleich geltenden Regeln dauerte, desto besser konnten die Kinder damit umgehen.“

Josef Limbrunner, Leiter des Monsignore-Bleyer-Hauses im Münchner Stadtteil Pasing, wies auf die permanente Sorge hin, „in der Komplexität der Situation Fehler zu machen und vielleicht die Schuld an einer Infektion zu tragen“. Limbrunner beschrieb die Herausforderung, „die Anspannung auszuhalten und Maßnahmen einzuhalten, ohne dass die Stimmung kippt“, und die Bewohnerinnen und Bewohner positiv gestimmt zu halten.

"Enormes Spannungsfeld"

Pia Briesenick, Leiterin des Fachbereichs „Offene Hilfen“ der Münchner Caritas, sprach von einem „enormen Spannungsfeld“, in dem sich Führungskräfte etwa im Bereich der Schulbegleitung für Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedarfen bewegen mussten. „Wir haben digitale Begleitung angeboten, aber unser Prinzip ‚nah am Nächsten‘ kann das nicht ersetzen, vor allem nicht bei Kindern mit Behinderung“, erläuterte Briesenick. So seien zu einer Anpassung der Konzepte und Sorgen um die Gesundheit auch noch Fragen der Wirtschaftlichkeit der Angebote hinzugekommen.

Alle Einrichtungsleiterinnen und -leiter betonten das „tragende Miteinander“ zwischen Einrichtungsleitungen und Mitarbeitenden der Caritas sowie Familien und zu betreuenden Menschen, das zu einem besseren Umgang mit den vielen neuen und belastenden Situationen der vergangenen Monate beigetragen habe. (hs)


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