Corona-Krise Die Isolation der Senioren

27.03.2020

Durch die Corona-Pandemie wird die zunehmende Vereinsamung älterer Menschen mehr und mehr zum Problem. Vor allem für die, die schon vorher einsam waren.

Ingrid Zinßer lässt sich von der Corona-Pandemie nicht unterkriegen © SMB/Siemens

„Das Schöne hier ist die Natur, dass man raus kann, auf die Berge kann“, erzählte Ingrid Zinßer noch vor wenigen Monaten über ihre neue alte Heimat Garmisch-Partenkirchen. Damit ist nun erst mal Schluss. Gerade ältere Menschen müssen sich wegen der Corona-Pandemie isolieren. Der Landkreis am Fuße der Alpen ist dabei in besonderer Form betroffen: Hier leben überdurchschnittlich viele Senioren, darunter viele zugezogene.

Zugezogene Senioren: Außenseiter trotz aller Bemühungen

Eine von ihnen ist Ingrid Zinßer: Die 74-Jährige ist vor gut einem Jahr wieder nach Garmisch-Partenkirchen gezogen. Vor vielen Jahren hat sie schon einmal hier gelebt und Sprachen an der hiesigen Volkshochschule unterrichtet. Beziehungen zu früheren Freunden und Bekannten zu reaktivieren, hat nicht geklappt. „Im Gegensatz zu den meisten, bin ich nicht hier aufgewachsen, ich gehöre einfach nicht dazu“, erzählt sie, „hinzu kommen ein paar körperliche Beschwerden, durch die ich nicht mehr ganz so fit bin und mit anderen wandern gehen kann.“

Aus allen Ecken Deutschlands ziehen Menschen nach dem Ruhestand in die Alpenregion, um Ski zu fahren und zu wandern. „Dann verstirbt der Partner, meistens zuerst der Mann, und die Frauen vereinsamen zunehmend, weil man sich in der gemeinsamen Zeit nicht um neue soziale Kontakte gekümmert hat“, erklärt die Seniorenbeauftragte des Landkreises Daniela Bittner.

Wegen Corona pausiert das Sozialleben

Freizeitangebote für Senioren gibt es in Garmisch-Partenkirchen viele und werden auch gut angenommen, von zugezogenen und einheimischen. Auch Ingrid Zinßer nutzt sie gerne, wie zum Beispiel den Seniorentreff Marianne Aschenbrenner. Um sprachlich fit zu bleiben, besucht sie hier einmal pro Woche den Englischkurs. Doch der Seniorentreff musste seine Veranstaltungen bis auf weiteres absagen.

Die Corona-Pandemie verschärft die Vereinsamung der Senioren, auch die einheimischen mit vielen sozialen Kontakten sind davon betroffen. Die Einkäufe übernehmen nun andere, Medikamente werden geliefert. Ingrid Zinßer ging sonst mit einem Bekannten zum Einkaufen. „Man trifft spontan ja oft Leute, mit denen sich ein nettes Gespräch entwickelt. Das fällt jetzt natürlich weg.“ Auch ihre Söhne, die in München wohnen, dürfen sie in der aktuellen Situation nicht besuchen.

Mit dem Smartphone gegen die Einsamkeit

Insofern ist es umso besser, dass die ehemalige Übersetzerin und Dolmetscherin den Umgang mit neuer Technik beherrscht. Das Smartphone ist gerade wichtiger denn je, um ein paar Kontakte nach draußen zu haben. „Viele Senioren besitzen mittlerweile ein Smartphone und wissen, wie man Videotelefonie oder Facebook nutzen kann, um miteinander in Kontakt zu bleiben“, erzählt Iris Asenstorfer, eine der Leiterinnen des Seniorentreffs. Doch auch die anderen werden von ihr nicht vergessen: „Mit denjenigen, die das Internet nicht nutzen, bleiben wir telefonisch in Kontakt. Wir rufen sie regelmäßig an, um nach dem Rechten zu hören.“

Aber weder Internet noch Telefon ersetzen den echten spürbaren Kontakt zu anderen Menschen genauso wenig wie sie einen Spaziergang erlebbar machen. Aber für letzteres hat Ingrid Zinßer eine gute Lösung gefunden: „Ich kenne mich hier in der Gegend gut aus. Deshalb denke ich mich einfach an Orte und stelle mir vor, wie es jetzt wäre, dort spazieren zu gehen“, erzählt sie. „Die Krise ist irgendwann auch wieder vorbei.“

Die Autorin
Céline Kuklik
Volontärin
c.kuklik@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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