Serie: Auf eine Fastensuppe mit ... Die Jugend macht Mut

25.03.2019

Für die ehemalige Zweite Bürgermeisterin von München Gertraud Burkert ist Verzicht immer wieder nötig. Das Fasten ist für sie eine Vorbereitung auf Ostern.

Gertraud Burkert rührt den Zucker nicht an. In der Fastenzeit verzichtet sie auf Süßes. © Kiderle

Gertraud Burkert sitzt vor einem kleinen Cappuccino. Eigentlich wollten wir uns auf eine Fastensuppe treffen, aber es ist noch zu früh zum Mittagessen. Die ehemalige Zweite Bürgermeisterin Münchens (SPD) muss an diesem Vormittag noch auf ihre kranken Enkel aufpassen. Nichts Schlimmes, nur eine Erkältung. Die Sonne scheint durch die Fenster im ersten Stock vom Café Wörner am Marienplatz. Hier habe die gebürtige Münchnerin sich auch früher immer schon mit Journalisten getroffen, hat sie mir am Telefon erklärt. Den Keks, den es zum Cappuccino gibt, lässt sie liegen, und auch der Zucker, den sie sonst immer in ihren Kaffee rieseln lässt, bleibt unangetastet. „Ich verzichte jedes Jahr auf das, was mir am schwersten fällt: Süßigkeiten“, sagt sie mit einem Lächeln.

"Man kann nicht immer das volle Glück verlangen"

Gertraud Burkert lächelt viel. Erst etwas zurückhaltend und dann, je länger das Gespräch dauert, umso breiter. Sie fühlt sich sichtlich wohl hier – keine 20 Meter von ihrer alten Wirkungsstätte entfernt. Von 1990 an hat sie im Münchner Rathaus gearbeitet. Erst als Stadträtin und ab 1993 bis zu ihrem krankheitsbedingten Ruhestand 2005 als Zweite Bürgermeisterin. Wobei man das nicht Ruhestand nennen kann, denn ihr Engagement für die Stadt und besonders für die Bedürftigsten in München ist ungebrochen. Sie ist Kuratoriumsmitglied der Freunde der Benediktinerabtei St. Bonifaz, war noch lange im Vorstand des Katholikenrates der Region München und Mitglied im Diözesanrat. Die Liste an kirchlichem und karitativem Engagement Burkerts ist lang.
Jetzt in der Fastenzeit isst sie aber nicht generell weniger. Der Verzicht auf Süßes hätte den Vorteil, dass man sich „umso mehr freut, wieder richtig zulangen zu können“, erklärt die 78- Jährige und lächelt wieder. Aber ihre Motivation ist eigentlich religiöser Natur: „Es ist eine Vorbereitung auf Ostern. Es macht einem bewusst, dass es im Leben auch Zeiten gibt, die den Verzicht nötig machen. Man kann nicht immer das volle Glück verlangen.“

Nach dem Fasten eine größere Spende

Die gesundheitlichen Effekte des Fastens sind für sie nicht so wichtig. Es geht – ganz klassisch – um Reflexion. Jedes Mal, wenn sie einen der Schränke nach Süßigkeiten durchsuchen wolle – und es gibt mehrere Süßigkeitenverstecke –, dann halte sie inne und mache sich bewusst, wie viel wir eigentlich haben, dass viele Kinder wenig zu essen haben und „möglicherweise mitbeteiligt sind, dass wir preiswert Süßigkeiten kaufen können“.
Deswegen folge auf ihr Fasten auch immer eine größere Misereor-Spende. Der Verzicht sollte nicht nur persönlich positive Folgen haben, sondern auch anderen ein bisschen helfen, erklärt die Sozialdemokratin. Dabei hat sie eh keine besonders extravaganten Wünsche beim Essen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Foie gras und Kaviar besser schmecken als ein Schnittlauchbrot“, meint sie lachend. Mit dieser Haltung, man gönne sich das, weil man eben könne, kann sie sowieso nichts anfangen: „Wir können uns alles nur leisten, weil andere sich fast nichts leisten können.“
Die promovierte Germanistin rückt auch ihr eigenes Fasten in einen gesellschaftlichen Kontext. Dabei müsse man nicht gleich an die Dritte Welt denken. Durch ihre Arbeit als Sozialbürgermeisterin weiß sie um die Probleme in der Landeshauptstadt. Aber auch ohne Amt und Würden oder ehrenamtliches Engagement komme man nicht drumherum: In der ganzen Stadt seien Armut und Obdachlosigkeit sichtbar. In der Verantwortung sei hier nicht nur die Politik, sondern auch die Zivilgesellschaft. „Die Politik schafft es in München kaum mehr, die Entwicklungen, die auf die Stadt in den vergangenen zehn Jahren zugekommen sind – diesen Zuwachs, zu bewältigen. Im Augenblick geht alles viel schneller als früher.“ Da könne die Zivilgesellschaft viel besser reagieren, da sie nicht an bürokratische Prozesse gebunden sei. Aber dennoch sei es Sache der Politik, dass Menschen, die in München ihr ganzes Leben gewohnt und gearbeitet haben, weiter hier leben können müssten – auch mit Mindestlohn und Grundrente.

Andere Mentalität bei der jungen Generation

Im Café herrscht eine gemütliche Stimmung wie in einem Wiener Kaffeehaus. Die Gäste lesen Zeitung, der Kellner ist aufmerksam, aber zurückhaltend. Musik ist nicht zu hören, nur ab und zu ein klingelndes Handy. Der Kuchen in der Vitrine schaut zwar sehr verlockend nach einem zweiten Frühstück aus, aber Süßes gibt es für uns in der Fastenzeit eben nicht. Gertraud Burkert trinkt ihren Cappuccino langsam und genussvoll. Fasten solle einen gesamtgesellschaftlichen Sinn haben, sagt sie, während sie den verbliebenen Milchschaum aus ihrer Tasse löffelt. Wie zum Beispiel der letztjährige Aufruf des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) zum Wassersparen. Es müsse nicht immer der Verzicht auf Fleisch oder Alkohol sein. Gerade beim sogenannten Klima- oder Plastikfasten würde man nicht nur sich selbst etwas Gutes tun. Besonders junge Menschen würden sich da hervortun. „,Opa, mach’s Licht aus‘, rufen meine Enkel immer“, erzählt sie lachend. Das könne auch zu einer Form des Fastens führen. „Wir würden gut daran tun, die jungen Menschen zu ermutigen, die alten, insbesondere die Männer, zu ermahnen.“ Denn die Männer seien es meist, die mehr am Erhalt des Status quo interessiert seien. „Der Fortbestand der Menschheit ist ja eher Frauensache“, witzelt die dreifache Mutter.
Vielfach wurde Burkert als „städtische Übermutter“ betitelt. Eine Zuschreibung, die sie nicht stört: „Nein, das ist doch was Positives“, sagt Gertraud Burkert und schaut fast ein wenig überrascht ob der Frage. In der Politik sei etwas Mütterliches durchaus gut. Denn eine Mutter kümmere sich, sie plane weit im Voraus und denke weniger an sich, sondern an ihre Kinder.Die Jugend mache ihr persönlich genau in Sachen Vorausschauen Mut, weil die Jugendlichen sich selbst aktiv informierten. Beim Thema Klimawandel würde in den Schulen viel zu wenig gemacht und da zeigten die jungen Menschen Engagement und Einsatz. Sie stelle allgemein eine andere Mentalität bei der jungen Generation fest – und nicht unbedingt zum Schlechten. Zum Beispiel würden viele Jugendliche keinen Führerschein mehr machen. „Die verzichten auf das Statussymbol Auto.“ Die Münchner Ehrenbürgerin selbst fährt fast nicht mehr Auto. Das sei allerdings nicht dem Fasten geschuldet: Früher musste man nicht einparken können – freie Parkplätze gab es ja zur Genüge –, weshalb sie das nie gelernt habe, gesteht sie lachend. (Thomas Stöppler)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Fastenzeit

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