GemeinwohlAtlas Die Kirche hat mehr als ein Imageproblem

22.05.2019

Wer das desaströse Ergebnis der katholischen Kirche im GemeinwohlAtlas auf schlechte PR schiebt, hat das Problem nicht erkannt, meint Autor Thomas Stöppler.

Dass die Kirchen an Bedeutung verlieren, liegt nicht nur an ihrem Image.
Dass die Kirchen an Bedeutung verlieren, liegt nicht nur an ihrem Image. © Boggy - stock.adobe.com

Platz 102 zwischen Vodafone, einem Konzern, der Diktator Erdogan im Wahlkampf unterstützt, und dem DFB, einem korrupten Sport-Verband. Gute Gesellschaft sieht anders aus. Dort verortet der GemeinwohlAtlas die katholische Kirche. Ein Image Problem diagnostiziert manch ein Kommentar. Der Missbrauchsskandal und „der lange Schatten aus Rom“ seien schuld. Eine neue Öffentlichkeitsarbeit, die weniger altbacken daherkommt, mutiger und offensiver ist, müsse her, so ist zu lesen. Doch das kratzt allerhöchstens an der Oberfläche.

In den vier Kategorien schneidet die Kirche im Bereich „Moral“ am Schlechtesten ab. Da zeigen sich sicherlich Missbrauchsskandal und der Vatikan verantwortlich. Nur gibt es auch die vielen Finanzskandale in Deutschland von Limburg bis Eichstätt und die Intransparenz von kirchlichen Prozessen und Entscheidungen. Denn für Leute außerhalb der katholischen Blase gibt es immer noch zu wenig Einsicht, auch wenn sich da viel tut. Vor allem aber ist eine Institution, die sich selbst als moralische Instanz begreift, eigene Verfehlungen aber über Jahrzehnte vertuscht hat, statt sich zu ihnen zu bekennen, schlicht unglaubwürdig. Das ist kein Imageproblem sondern ein strukturelles und ideologisches.

Kirchen als soziale Zentren

Die Umfrage ist natürlich auch unfair, könnte man meinen, schließlich sind Caritas (Platz 14) und der Malteser Hilfsdienst (Platz 9) auch katholische Organisationen und ohne Kirche gar nicht denkbar. Aber die evangelische Kirche landet immerhin auf Platz 19 und die Diakonie ist ebenfalls ausgelagert. Die Protestanten sind nicht skandalfrei. Missbrauch ist schließlich nicht katholisch. Aber ihr Vorteil: Sie sind keine Weltkirche. Dadurch wirken auch etwa homophobe Aussagen wie Einzelfälle. Das hilft den evangelischen Kirchen nicht bei den sinkenden Mitgliederzahlen, aber macht sie deutlich beliebter.

Die deutschen Volkskirchen hatten immer soziale Funktionen weit über das Karitative hinaus. Die Kirchen waren soziale Zentren im alltäglichen Mikrokosmos der Menschen. Orte des Austauschs, des Tratschs und der gegenseitigen Hilfe. Das ist nicht mehr so und nicht erst seit gestern. Dabei gibt es diese Orte noch in der Kirche. Allerdings meist nur im Kleinen, in Gesprächskreisen oder bei Exerzitien. Und zugänglich sind diese Kreise meist nur für die, die sowieso tief in der Kirche verankert sind. Ein Hinweis auf der eigenen Homepage ist keine ernstzunehmende Öffentlichkeitsarbeit.

Der Kern ist der Mensch

Die Kirche muss sich öffnen. Sie darf nicht verurteilen, sondern muss auf Menschen wieder zugehen. Allerdings nicht mit der missionarischen Keule, sondern mit konkreten Hilfsangeboten zu seinem Wohlbefinden. Das ist keine neue Erkenntnis: Viele Orden tun das und sind eigens dafür gegründet worden wie zum Beispiel die Salesianer Don Boscos, aber die Kirche in ihrer Gesamtheit tut das schon länger nicht mehr. Zuviel ist und war sie in den letzten hundert Jahren mit sich selbst und ihrem Machterhalt beschäftigt. Zuviel ist über Wahrheiten und Ideologien gestritten worden und immer ist die Kirche elitärer und exklusiver geworden. Das funktioniert als Marketing-Strategie vielleicht bei Online-Partnerbörsen aber nicht bei einer Volkskirche. Das heißt nicht, dass man die Debatten um die Weihe von Frauen oder Klerikalismus nicht führen sollte – im Gegenteil – aber eine Besinnung auf das Kerngeschäft täte der Kirche gut. Dieser Kern ist nicht der Glauben, sondern der Mensch.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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