Renovabis-Expertin zur Lage in Belarus "Die Kirche konnte und wollte nicht schweigen"

11.01.2021

Papst Franziskus hat zu Jahresbeginn den Rücktritt des belarussischen Erzbischofs Tadeusz Kondrusiewicz angenommen. Ende August war Kondrusiewicz nach einem Besuch im benachbarten Polen von belarussischen Beamten an der Landesgrenze abgewiesen worden. Angelika Schmähling, Expertin beim Osteuropa-Hilfswerk Renovabis, äußert sich im Interview zu den Hintergründen.

Im Sommer 2020 demonstrierten Gläubige für den Minsker Erzbischofs Tadeusz Kondrusiewicz, dem damals die Einreise in sein Land untersagt wurde.
Im Sommer 2020 demonstrierten Gläubige für den Minsker Erzbischofs Tadeusz Kondrusiewicz, dem damals die Einreise in sein Land untersagt wurde. © imago images/ITAR-TASS

mk online: In vielen Fällen lässt der Papst Bischöfe auch über die vorgesehene Altersgrenze von 75 Jahren im Amt. Warum hat er diesen Rücktritt angenommen?

Angelika Schmähling: Erzbischof Kondrusiewicz war Ende August nach einer Auslandsreise die Einreise in sein Heimatland verweigert worden. Er lebte fast vier Monate in Polen im Exil. Vor Weihnachten kam dann ein Sondergesandter des Papstes nach Belarus und hat erreicht, dass Kondrusiewicz gerade noch pünktlich zu den Festtagen zurück in seine Heimat konnte. Die Annahme des Rücktrittsgesuchs war vermutlich ein Zugeständnis ans Regime. Ich würde das aber nicht überbewerten. Der Erzbischof hat ein arbeitsreiches Leben hinter sich, er hat ein schmerzhaftes Rückenleiden, daher hat er sich den Ruhestand verdient. Natürlich hoffe ich, dass er weiterhin sichtbar bleibt, denn er ist eine eindrucksvolle Persönlichkeit.

War der Erzbischof auch früher schon politisch - oder erst mit seinem nahenden Rücktritt?

Schmähling: Jüngere Bischöfe, die einiges zu verlieren haben, haben sich in den vergangenen Monaten ebenso mutig geäußert wie der Erzbischof. Tatsächlich waren die katholischen Bischöfe in Belarus bis zum letzten Sommer sehr zurückhaltend mit politischen Äußerungen und haben sich auf ethische und moralische Fragen beschränkt. Wir dürfen nicht vergessen, dass in Belarus über Jahre ein Klima der Angst und Bedrohung aufgebaut wurde, das hat auch die Kirche betroffen. Aber direkt nach der Präsidentschaftswahl am 9. August kam es zu einer so massiven Gewalt durch die Sicherheitsorgane - die Berichte von Misshandlungen und Folter in den Untersuchungsgefängnissen sind schwer erträglich -, da konnte und wollte die Kirche nicht schweigen.

Wie homogen, wie heterogen ist die katholische Kirche mit Blick auf die Kritik am Diktator?

Schmähling: Die Bischofskonferenz hat im November in einer gemeinsamen Stellungnahme Gewalt, Gesetzlosigkeit, Ungerechtigkeit und Unrecht verurteilt und zur friedlichen Lösung der gesellschaftlichen Konflikte durch Dialog aufgerufen. Dabei vermeidet sie übrigens direkte Kritik an Machthaber Lukaschenko. Die Gläubigen dürften so heterogen sein wie die übrige Gesellschaft, da gibt es Befürworter und Gegner des Regimes.

Inwiefern schränkt der Diktator die Religionsfreiheit ein?

Schmähling: Die Religionsfreiheit ist gegeben, aber die Tätigkeit der Kirche wird zum Teil eingeschränkt. Beispielsweise werden nur wenige ausländische Priester und Ordensleute ins Land gelassen. Und die Kirche kann jederzeit durch administrative Hürden in ihren Aktivitäten behindert werden.

Setzen die Belarussen eher auf Papst Franziskus als auf den Patriarchen?

Schmähling: Ich weiß nicht, ob man angesichts der Heterogenität der Gesellschaft von "den" Belarussen sprechen kann. Fakt ist, dass die katholische Kirche schon ihrem Namen nach eine weltumspannende Kirche ist, während die orthodoxen Kirchen enger an die jeweiligen Nationen gebunden sind. Diejenigen, die auf Papst Franziskus im belarussischen Konflikt setzen, erhoffen sich wohl einen unparteiischen Blick. Ganz aktuell hat aber auch der Moskauer Patriarch Kyrill, dem ja die orthodoxe Kirche in Belarus untersteht, zu einem gesamtgesellschaftlichen Dialog in Belarus aufgerufen, an dem auch die Religionsgemeinschaften teilnehmen sollen. Auch dies dürfte die Protestbewegung als Ermutigung sehen.

Kann Religion helfen, Brücken zu bauen - oder ist Religion Teil des Problems?

Schmähling: Lukaschenko sucht bei Bedarf die Nähe zur Religion, vor allem zur Orthodoxie. Seine Vorstellung ist, dass sich die Priester aus der Politik heraushalten und die Kirchen ausschließlich fürs Gebet da sein sollen. Nach dieser Vorstellung wäre Religion das berühmte Opium fürs Volk und eine Stütze des Regimes. Vertreter verschiedener Konfessionen haben aber gezeigt, dass sie diese Rollen nicht spielen wollen. Ich sehe die Aufgabe der Kirchen langfristig: Viele Menschen haben in diesem System Schuld auf sich geladen, sei es als prügelnder Polizist oder als Geheimdienstspitzel. Die Kirchen haben Worte, Bilder und Riten für Buße und Versöhnung, die das Land noch dringend brauchen wird. (Interview: Raphael Rauch/kna)


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