Moraltheologe im Interview Die kirchliche Sexuallehre braucht eine Reform

02.04.2019

Viele Gläubige haben große Schwierigkeiten mit der Sexualmoral der katholischen Kirche. Der Bonner Moraltheologe Jochen Sautermeister sieht im Bereich der kirchlichen Sexuallehre Reformbedarf.

Viele Gläubige haben Schwierigkeiten mit der Sexualmoral der katholischen Kirche.
Viele Gläubige haben Schwierigkeiten mit der Sexualmoral der katholischen Kirche. © zadorozhna - stock.adobe.com

mk online: Was ist der Schatz der kirchlichen Sexuallehre, warum ist ihr dieses Thema so wichtig?
Sautermeister: In der Sexualität können Menschen ganz lebendige, vitale Erfahrungen machen, die erfüllend sind und zugleich über sich hinaus auf anderes und Größeres verweisen. Sexualität kann intensiver und intimer leibseelischer Ausdruck von liebender Partnerschaft und Freude und Begehren aneinander sein. Sexualität kann wie eine Sprache der wechselseitigen Liebe und Hingabe zwischen Partnern sein. Sexualität kann auch zu neuem Leben führen und damit kreativ-schöpferisch partnerschaftliche Liebe auf einen Dritten hin öffnen. Insofern Sexualität wesentlich zum Menschen dazugehört, ist sie auch Thema der christlichen Lebensgestaltung und Orientierung. Da Sexualität immer auch gestaltet werden muss, können Menschen in ihrer Sehnsucht auch verletzt, gedemütigt, missbraucht werden. Daher bedarf es der ethischen Reflexion.

Das sagt der Katechismus über Sexualität

„Infolgedessen ist die Sexualität, in welcher sich Mann und Frau durch die den Eheleuten eigenen und vorbehaltenen Akte einander schenken, keineswegs etwas rein Biologisches, sondern betrifft den innersten Kern der menschlichen Person als solcher. Auf wahrhaft menschliche Weise wird sie nur vollzogen, wenn sie in jene Liebe integriert ist, mit der Mann und Frau sich bis zum Tod vorbehaltlos einander verpflichten.“ (KKK, Absatz 2361, Zitat aus „Familiaris consortio“ 11)

mk online: Warum haben viele Gläubige heute so große Schwierigkeiten mit der Sexualmoral der katholischen Kirche?
Sautermeister: Es lässt sich – schon länger – eine Diskrepanz zwischen den gelebten Überzeugungen eines Großteils unserer Gesellschaft wie auch der Gläubigen einerseits und den lehramtlichen Vorgaben und kirchenrechtlichen Normierungen in Fragen der Sexualmoral andererseits beobachten. Im Unterschied zu grundlegenden Sinneinsichten gelingender und verantwortlich gelebter Sexualität – etwa, dass sich darin Intimität, Nähe, Vitalität, Lust, Vertrauen und wechselseitige Anerkennung und Freude aneinander und miteinander zum Ausdruck bringen können, dass Sexualität und Zärtlichkeit als Kommunikation zwischen den Partnern verstanden werden kann – gibt es konkrete Normen, die von vielen nicht mehr wirklich nachvollziehbar sind und deren kirchliche Begründungsfiguren nicht überzeugen. Neben dem Verbot sogenannter künstlicher Empfängnisverhütung denken sehr viele etwa an erlebte Sexualität in verbindlichen nichtehelichen Partnerschaften, bei wiederverheiratet Geschiedenen oder bei Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Frauen und Männer. Der Anspruch auf nachvollziehbare Begründung und Ernstnehmen der Erfahrungen von Gläubigen spielt ebenso eine Rolle wie die Anerkennung der Menschenrechte auch im Bereich der Sexualität.

Jochen Sautermeister ist Professor für Moraltheologie in Bonn.
Jochen Sautermeister ist Professor für Moraltheologie in Bonn. © Kirchenbote Osnabrück

mk online: Was müsste die Kirche aus Ihrer Sicht jetzt unternehmen, um hier wieder näher bei den Gläubigen zu sein?
Sautermeister: Wichtig wäre es, die Erfahrungen der Gläubigen ernst zu nehmen und anzuerkennen, dass sich in ihren Erfahrungen von gelingender und erfüllter Sexualität, aber auch von krankmachenden, verletzenden oder demütigenden Praktiken moralisch relevante Erfahrungen äußern, die auch für eine religiöse Moral von Bedeutung sind. Hier können auch aus kirchlichen Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen sowie aus der kirchlichen Beziehungspastoral viele Erfahrungen zur Sprache kommen. Darüber hinaus wäre es wichtig, die Erkenntnisse der Humanwissenschaften zu Partnerschaft, Persönlichkeitsbildung und Sexualität wirklich ernst zu nehmen.

Und es wäre wichtig, dass eine selbstkritische Reflexion darüber beginnt, wo aufgrund mancher rigider Sexualnormen und Moralisierungen Menschen in Ängste, Zwänge, Verdrängungen oder Abspaltungen gebracht wurden, die krank machen oder eine Integration der Sexualität in die Persönlichkeit beeinträchtigen. Wenn eine solche realistische Reflexion der Kirche gelänge, dann wäre es auch möglich, die humanen Sinngehalte erfüllter Sexualität so zu artikulieren, dass sie für viele Gläubige Orientierung geben und dass destruktive Formen von Sexualität als solche benannt werden können. Dazu ist meines Erachtens ein Lernprozess in der Kirche nötig, an dem möglichst viele beteiligt sind, insbesondere die Gläubigen, die selbst aus gelebter Erfahrung sprechen können. Es geht darum, mit dem Paradigmenwechsel von der Sexualmoral zur Beziehungsethik ernst zu machen.

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Sexualität

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