Drei Klosterbrauereien im Porträt Die Klöster und das Bier

27.08.2021

Im frühen Mittelalter haben sich vor allem Mönche in der Kunst des Bierbrauens geübt. Heute gibt es in Deutschland nur noch wenige echte Klosterbrauereien. Jede hat ihren eigenen Reiz und ihre eigene Geschichte.

Braumeisterin Schwester Doris Engelhard vom Kloster Mallersdorf schiebt gestapelte Bierkästen.
Bei ihr sind Hopfen und Malz noch nicht verloren: Braumeisterin Schwester Doris Engelhard vom Kloster Mallersdorf. © Maria Irl/kna

KLOSTER MALLERSDORF

Schwester Doris Engelhard ist, ohne jede Übertreibung, ein Unikat, eine lebende Legende. Sie ist die weltweit einzige Klosterbraumeisterin. „Ich bin bekannt wie a roter Hund“, sagt die Ordensfrau mit dem kräftigen, rollenden R in ihrer fränkischen Mundart.
In der Region und in der Brauerszene kennt sie fast jeder. 2014 wurde die bierbrauende Nonne zur offiziellen Botschafterin Niederbayerns ernannt. Zudem ist Schwester Doris, „wenn kein Nachwuchs mehr kommt“, der letzte Ordensmensch in Deutschland, der noch eigenständig Bier braut. „Es gibt keinen männlichen Klosterbraumeister mehr“, sagt sie. In ihrer Stimme schwingt dabei Stolz und Wehmut zugleich mit.

"Den Begriff Saufen mag ich überhaupt nicht“

Geboren wurde Doris Engelhard 1949 in Mittelfranken. Als Dreizehnjährige kam sie ins Internat des Klosters Mallersdorf und machte dort 1966 ihren Realschulabschluss. 1967 begann sie ihre Ausbildung zum „Brauer und Mälzer“. 1969 wurde sie Gesellin. Eigentlich wollte sie lieber Landwirtin werden. Doch weil im Orden damals Nachwuchs für die Brauerei gesucht wurde, entschied sie sich anders. Gott sei Dank, könnte man sagen. Längst bezeichnet Schwester Doris ihren Beruf als die schönste Aufgabe im Kloster. Dabei mochte die heimatverbundene Bayerin den Biergeruch zunächst gar nicht. In ihrem Elternhaus trank man lieber Most oder Apfelwein. Ihr erstes Bier genehmigte sie sich erst 1974 im Rahmen ihrer Meisterschulung, die sie übrigens als Jahrgangsbeste abschloss. Seither aber liebt sie das Nationalgetränk der Deutschen, allerdings nur in Maßen. „Bier ist ein Kulturgut, das schüttet man nicht sinnlos in sich rein. Den Begriff Saufen mag ich überhaupt nicht“, sagt sie. Auch sonst spricht die Ordensfrau gerne Klartext: „Mit dem Begriff Kloster wird heute viel Schindluder getrieben. Das ist fast schon kriminell.“ Vor allem die Tatsache, dass noch immer viele Biere als Klosterbiere vermarktet oder mit Mönchen auf dem Etikett beworben werden, obwohl die Brauereien schon lange nicht mehr in Ordenshand sind, erzürnt die Braumeisterin. „Spätestens in den 60er Jahren, während der Apo-Generation, haben viele männliche Orden ihre Brauereien aufgegeben, weil man damals dachte, im Kloster braucht es kein Bier mehr. Heute wären viele froh, wenn sie wieder eine Brauerei hätten“, erklärt Schwester Doris. Doch zurückdrehen lässt sich das Rad der Geschichte nicht. Von den geschätzt rund 350 Klöstern in Deutschland, die früher ihren Gerstensaft selbst herstellten, haben bis auf sechs Ordenshäuser ihre Brauereien aufgegeben, verkauft oder verpachtet.

Altbewährtes statt Mischgetränke

Auch mit den heute gängigen Biervariationen oder modernen Mischgetränken kann die Franziskanerin, deren Konterfei das Klosterbräu Mallersdorf ziert, nichts anfangen. „Bevor ich alkoholfreies Bier trinke, trinke ich Wasser“, sagt sie und zitiert dann ihren Ausbilder in der Brauereischule damals: „Alkoholfreies ist wie eine geschlechtslose Geliebte.“ Und so setzt Schwester Doris vor allem auf Bewährtes.
In dem von ihr geführten Betrieb werden neben einem hellen, naturtrüben Vollbier mit 12 Prozent Stammwürze noch ein ungefiltertes Kellerbier, das „Zoigl“, sowie zwei, manchmal drei Bockbierspezialitäten gebraut. Knapp 3000 Hektoliter Bier sowie 800 Hektoliter hochwertige Limonaden werden pro Jahr in Mallersdorf hergestellt und abgefüllt. Auf die eigene Füllerei legt die Braumeisterin viel Wert. „Im Abfüllzentrum müssen die Biere pasteurisiert, also erhitzt werden, um sie so haltbarer zu machen. Aber danach schmeckt das Bier völlig anders“, sagt sie. Nach einer Pause fügt sie noch hinzu: „Also mir schmeckt’s dann nimma.“

Alles andere als ein Massenbier

Im Kloster Mallersdorf, knapp 40 Kilometer südlich von Regensburg, leben heute noch gut 400 Schwestern. Auch die Corona-Pandemie überstand der Betrieb von Schwester Doris fast schadlos, und dass, obwohl auch in Mallersdorf das klostereigene Braustüberl mit seinen 200 Sitzplätzen über Monate hinweg geschlossen werden musste. „Wir verkaufen seither mehr Flaschenbier“, berichtet die Ordensfrau. Anders als viele andere kleinere Brauereien, die mehr auf Fassbier sowie die Belieferung von Gaststätten setzen, vertreiben die Schwestern ihr Bier in den sogenannten Maurer- oder Bügelflaschen vor allem über ein paar Getränkemärkte in der näheren Umgebung. Zudem hat Schwester Doris beobachtet, dass viele Menschen in der Pandemie ihr Einkaufsverhalten veränderten. „Die Leute kaufen heute mehr regional und kaufen teurer“, sagt die Ordensfrau. Das passt. Mit rund 22 bis 28 Euro pro Kiste ist Klosterbräu Mallersdorf alles andere als ein Massen- oder Billigbier.


KLOSTER ANDECHS

Benediktiner, Bier, Bayern, Beten und Brotzeit. Für die Mönche der Münchner Abtei St. Bonifaz, zu der das Kloster Andechs als Wirtschaftsgut gehört, ist Gastlichkeit seit jeher oberstes Gebot. Der magische Ort auf dem Heiligen Berg direkt am Ammersee ist Bayerns ältes-
ter Wallfahrtsort und zieht seit Jahrhunderten Pilger aus aller Welt an. Allein im Bräustüberl im Klosterhof mit seiner großen Außengastronomie werden seit Jahren konstant, wenn nicht gerade Corona ist, mehr als eine Million Gäste pro Jahr bewirtet. Hier sitzen Akademiker neben Handwerkern, Touristen neben Einheimischen friedlich vereint.
„Bei uns kommen Dinge zusammen, die woanders längst auseinandergefallen sind“, sagt Martin Glaab, der Sprecher des Klosters. „Ruhe und Geselligkeit. Andechs ist ein Ort, an dem man beten und feiern kann.“ Vor allem aber ist Andechs die weltweit wohl bekannteste deutsche Klosterbrauerei, die noch heute konzernunabhängig von einer Ordensgemeinschaft geführt wird. Aktuell leben vier Mönche in Andechs und neun im Mutterhaus Bonifaz.

Eine moderne Brauerei mit Tradition

Gegründet wurde das Kloster 1445 und seitdem gibt es auch die Brauerei. Die Mönche hatten also bis heute fast 600 Jahre Zeit, ihre Braukunst immer weiter zu verfeinern. Doch anders als in den Gründertagen des Klosters gibt es heute in Andechs keine urigen Fässer und dunklen Keller mehr zu sehen. Seit 2003 hat der Orden rund 30 Millionen Euro in die Modernisierung seiner Brauerei investiert. Allein die 2019 eingeweihte Abfüllanlage, in der pro Stunde 24?000 Flaschen Bier befüllt werden können, ließen sich die Mönche rund zwölf Millionen Euro kosten. „Ohne Hightech, ohne Energieeffizienz könnten wir die Brautradition heute nicht mehr fortführen“, erklärt Glaab.
Trotz des mit 2000 Plätzen riesigen Braustüberls wird heute nur noch ein kleiner Teil des Klosterbiers auf dem Heiligen Berg selbst ausgeschenkt. Der Großteil der Produktion geht längst in den Export. Neben Getränkemärkten in ganz Deutschland werden auch Länder wie Russland, Finnland und Japan beliefert. Vor allem die Weizenbiere und das Weizenbock gehen sehr gut. Seit 2016 bietet die Brauerei auch ein alkoholfreies Bier an. Durch ein aufwendiges Umkehrosmoseverfahren bleibt der Geschmack dabei, anders als bei anderen Herstellungsmethoden, fast vollständig erhalten. „Wir beobachten Trends und Hypes sehr genau“, sagt Glaab. Doch im Gegensatz zur oft kurzlebigen weltlichen Konkurrenz denke man in Andechs „in Dekaden und nicht in Quartalen“.

Die weltweit größte Klosterbrauerei

Andechs gilt, nach den belgischen Trappistenbrauereien, als die größte Klosterbrauerei der Welt. „Unser Ausstoß ist mit rund 100?000 Hektolitern pro Jahr auch während der Corona-Krise konstant geblieben“, sagt Glaab. „Wir sind seit Jahren stark im Bereich Flaschenbiere aufgestellt. Deswegen sind wir auch glimpflich durch die Pandemie gekommen.“
Insgesamt zehn verschiedene Biere werden von den Benediktinern heute angeboten. Jüngste Kreation ist ein naturtrübes Radler. Und natürlich stehen heute auch in Andechs die Mönche zumeist nicht mehr selbst an den riesigen Braukesseln und Sudpfannen. Aus dem Kloster ist längst ein mittelständiges Unternehmen mit 220 Mitarbeitern geworden. 25 davon arbeiten in der Brauerei. Mit den Einnahmen sichern sich die Benediktiner aber nicht nur das Überleben ihrer Klöster, sondern machen auch soziale Projekte möglich. Andechs hat sich vor allem der Obdachlosenarbeit verpflichtet.

KLOSTER WELTENBURG

Die Benediktinerabtei Weltenburg mit Deutschlands ältester Klosterbrauerei ist ein ganz besonderes Fleckchen Erde. „Ein Kraftort, ein Ort der Ruhe und des Genusses“, wie Unternehmenssprecher Thomas Neiswirth sagt.
Auf einer Strecke von rund fünf Kilometern strömt hier die Donau zwischen den bis zu 70 Meter hoch aufragenden Felswänden hindurch. Gerade am Morgen, wenn der Nebel aufsteigt, spielt sich in Weltenburg ein fast atemberaubendes Naturschauspiel ab. Vor allem bei Wanderern ist die Abtei St. Georg als Ausflugsziel beliebt. Andere Besucher nähern sich dem Ort am Donaudurchbruch per Paddelboot oder Kanu.

In der Nähe des größten Hopfenanbaugebiets

Gegründet wurde das Kloster bereits im siebten Jahrhundert. Die dazugehörige Brauerei wurde erstmals 1050 urkundlich erwähnt und ist damit nur knapp zehn Jahre jünger als die bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan, die allerdings bereits 1803 säkularisiert wurde. Doch so ganz trifft der Begriff Klosterbrauerei auch auf Weltenburg heute nicht mehr zu. 1973 wurde Weltenburg an die Brauerei Bischofshof verpachtet. Doch auch Bischofshof ist kein gewöhnliches, weltliches Unternehmen. Die Brauerei gehört dem Bistum Regensburg und kann ebenfalls auf eine inzwischen recht stattliche Bierbrautradition zurückblicken. Gegründet wurde Bischofshof 1649 im Schatten des Regensburger Doms „zur Versorgung der Dombauhütte“, wie Neiswirth sagt.
Und wie einige andere bayerische Brauereien profitiert auch Weltenburg von einem wichtigen Standortvorteil. Das Kloster liegt in unmittelbarer Nähe zur Hallertau, dem mit 2400 Quadratkilometern größten Hopfenanbaugebiet der Welt. Hier werden rund 86 Prozent des deutschen und rund 34 Prozent des weltweit verarbeiteten Hopfens produziert.

Das prämierte „Weltenburger Kloster Barock Dunkel“

Berühmt ist die Brauerei mit einer Jahresproduktion von knapp 30.000 Hektolitern vor allem für seine kraftvollen und dunklen Biere. Das „Weltenburger Kloster Barock Dunkel“ wurde inzwischen mit etlichen internationalen Preisen prämiert. Allein beim World Beer Cup in den USA wurde es bereits dreimal als bestes Dunkelbier der Welt ausgezeichnet und setzte sich dabei gegen rund 8000 andere Biere aus mehr als 60 Ländern durch.
Anders als Andechs oder Mallersdorf hat die Pandemie das katholische Unternehmen allerdings vor einige Probleme gestellt. Da die Brauerei rund 30 Prozent ihres Absatzes mit Fässern erzielt, die an Gastronomie und Veranstaltungen geliefert werden, war Corona für Bischofshof „eine recht große Herausforderung“, so Neiswirth. Etliche Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit geschickt werden. Doch nun ist wieder Land in Sicht. (Andreas Kaiser, Redakteur bei der Verlagsgruppe Bistumspresse)

Kurze Geschichte der Klosterbier-Braukunst

Das Bier ist eines der ältesten alkoholischen Getränke. Entdeckt wurde es durch Zufall, als die Menschen in Mesopotamien und China vor mehr als 6000 Jahren etwa zeitgleich begannen, Getreide zu sammeln und dann feststellten, dass der daraus gewonnene Brei nach ein paar Tagen zu gären begann. Im frühen Mittelalter übten sich vor allem Mönche in der Kunst des Bierbrauens, um mit dem Getreidesaft über die langen Fastenwochen hinwegzukommen. Noch heute besagt ein altes bayerisches Sprichwort: „Was flüssig ist, bricht Fasten nicht“. Erst später entdeckten auch die Kaufleute, vor allem in den Hansestädten, die Brauwirtschaft für sich. Obwohl der Bierkonsum hierzulande seit 1980 von 145 Liter pro Kopf und Jahr auf zuletzt 95 Liter zurückgegangen ist, gibt es in Deutschland heute noch rund 1300 Brauereien. Darunter befinden sich mit Andechs, Ettal, Scheyern, Mallersdorf, Kreuzberg in Unterfranken sowie Ursberg immerhin noch sechs echte Klosterbrauereien, die allesamt in Bayern beheimatet sind. Als Braumeister haben sich vor allem Franziskaner und Benediktiner hervorgetan. Die Klosterbrauereien sind eng verbunden und verstehen sich weniger als Wettbewerber, mehr als Gemeinschaft für das Gute und Bewährte im Kampf gegen die zunehmende Dominanz von global agierenden Großbrauereien. Anders als bei den weltlichen Brauereien fließen die Gewinne nicht in die Taschen der Unternehmer, sondern dienen vornehmlich dem Unterhalt der Klöster.Vor der Säkularisation im Jahr 1803 soll es allein in Bayern 350 Klosterbrauereien gegeben haben. Inzwischen haben jedoch die meisten Orden ihre Brauereien aufgegeben, verpachtet oder verkauft; oft auch inklusive aller Namensrechte.


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