Leitungsexperiment Die Kompetenz der ganz normalen Katholiken

05.08.2019

Im niederbayerischen Geisenhausen sind Ehrenamtliche an der Leitung des Pfarrverbandes beteiligt. Die ersten 100 Tage zeigen, dass sich der Versuch lohnt.

Das Leitungsteam aus haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern in Geisenhausen (v.l.): Gemeindereferentin Rosemarie Bär-Betz, Josef Degenbeck, Sabine Fries, Inge Neudecker, P. Altus Jebada SVD. © Kiderle

Nein, Versuchskaninchen sind sie nicht, aber Teil eines wagemutigen Experiments. In der niederbayerischen Marktgemeinde Geisenhausen wird der Pfarrverband von einem fünfköpfigen Team geleitet. Mit drei ehrenamtlichen und zwei hauptamtlichen Mitgliedern. Alle haben gleiches Stimmrecht, bei strittigen Fragen wird demokratisch entschieden, auch wenn das bisher noch nicht nötig war.

Die ersten 100 Tage sind vorbei und vielleicht wird aus dem Experiment sogar ein Modell für das Erzbistum München und Freising. Denn die ersten Erfahrungen der Beteiligten sind gut, wenn auch nicht überschwänglich. Denn sehr bald haben die ehrenamtlichen Leiter entdeckt, wie stark sie gefordert sind, wie groß ihre Verantwortung ist. Plötzlich müssen sie bei Veranstaltungen die Kirche am Ort repräsentieren, die Seelsorge für die nächsten Jahre planen, Verwaltungsaufgaben übernehmen oder delegieren, was manchmal genauso schwierig ist. Das kostet viel Zeit.

„Wenn die Pfarrei anruft, hast Du immer Zeit“, bekommt einer der ehrenamtlichen Helfer gelegentlich und vorwurfsvoll von seiner Familie zu hören. Und wenn sie die Pfarrei bei offiziellen Terminen vertreten, etwa bei Vereinen oder der Feuerwehr, kommt es vor, dass einige Anwesende enttäuscht sind, dass keiner der hauptamtlichen Leiter kommt. Da muss auch die ganze Gemeinde noch lernen, die ehrenamtlichen Leiter als vollwertige Repräsentanten anzuerkennen. Andererseits haben gerade sie eine besondere Nähe zu den Menschen am Ort, an dem sie Jahrzehnten leben.

Beteiligung für die "normalen" Gläubigen

Ihnen gegenüber trauen sich Gläubige auch einmal Kritik an Entscheidungen zu üben, andere Gottesdienstzeiten anzuregen oder Organisationsvorschläge zu machen. Und in der wenige Kilometer von Landshut entfernten Gemeinde sind haupt- und ehrenamtliche Leiter klug genug, solche Anregungen aufzugreifen. Das Geisenhausener Modell schafft neue Beteiligung für ganz normale Katholiken und hilft den Hauptamtlichen, nicht in einem Elfenbeinturm zu landen. Das ist gut so!

Gleichzeitig wird die Erzdiözese überlegen müssen, wie sie insbesondere die Ehrenamtlichen begleitet und schult, damit sie die Balance halten können, ihrem Ehrenamt, ihren Familien und ihrer Arbeit gegenüber – zwei der drei Ehrenamtlichen sind berufstätig. Für ihre Leitungstätigkeit haben alle bewusst auf eine Aufwandsentschädigung verzichtet, weil ihnen die Entwicklung der Pfarrei am Herzen liegt. Wenn aber jeder Amateur-Fußballtrainer eine kleine finanzielle Anerkennung bekommt, wird das auch bei ehrenamtlichen Pfarrleitern überlegt werden müssen.

Den Schatz pflegen

Aber das Experiment hat ja gerade einmal seine ersten hundert Tage hinter sich. In etwa zwei Jahren soll eine Evaluation, also eine fachliche Bewertung vorgenommen werden. Doch schon jetzt macht das Experiment in Geisenhausen klar, dass es Menschen gibt, die ehrenamtlich volle Verantwortung, wirkliche Leitungsämter für ihre Kirche am Ort übernehmen wollen. Und das ist ein unglaublicher Schatz, den alle Hauptamtlichen und die Verwaltungsspitze im Erzbistum München und Freising pflegen sollten. Allein dass ein solches Experiment gestartet worden ist, zeigt, dass es dafür einen guten Willen gibt.

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Zum Nachhören

Kommentar im Münchner Kirchenradio zum Leitungsmodell in Geisenhausen.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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