Ist (An-)Nehmen schwieriger als Geben? Die Kunst sich beschenken zu lassen

26.12.2019

Haben Sie es erlebt unterm Weihnachtsbaum: Eine tiefe Freude über ein Geschenk, eine liebevolle ausgesuchte Gabe? Oder haben Sie eine kleine Enttäuschung niedergekämpft? Nicht umsonst gibt es ja auch Menschen, die sich ihre Geschenke am liebsten selber kaufen.

Geschenke unter dem Weihnachtsbaum: Freude oder Enttäuschung?
Geschenke unter dem Weihnachtsbaum: Freude oder Enttäuschung? © fotolia/ronstik

Geschenke sind Beziehungstaten. Im besten Fall treffen sich die Erwartungen des Gebenden und des Beschenkten, beide freuen sich. Aber das gelingt längst nicht immer, das weiß auch die Therapeutin und Theologin Sibylle Loew, Leiterin der Beratungsstelle Münchner Insel „Manche haben das vielleicht nicht gelernt. Es gibt ja Familien, da wird die Freude ganz ausführlich zelebriert und andere sagen vielleicht nur knapp Danke und freuen sich still.“

Es gibt Menschen, die schon im Vorfeld alles abblocken und klarstellen: Ich will nichts geschenkt bekommen. Das hat seine Gründe. Man will dadurch nicht in eine Abhängigkeit geraten, oder in Zugzwang. Das ist schwer, für den, der was schenken möchte, findet Sibylle Loew: „Wenn ich es hart sagen würde, könnte ich sagen, da wird in gewisser Weise auch Beziehung verweigert.“ Und sie rät dazu, herauszufinden, welche Geschichte dahinter der Geschenkeverweigerung steckt.

Es ist legitim sich selbst Geschenke zu machen

Die Therapeutin findet es durchaus legitim, sich selber ein Geschenk zu machen. „Es gibt ja Menschen, die keinen haben, der sie beschenkt und da finde ich es sehr schön, wenn Menschen sich selber eine Freude machen können“. Das sei deutlich positiver als vorwurfsvoll durch die Gegend zu laufen und zu denken: wie böse ist die Welt, kein Mensch beschenkt mich.

Durch Hilfsgesten entsteht Nähe

In Alltagssituationen fällt es oft schwer eine kleine Geste der Unterstützung anzunehmen, einen Sitzplatz in der S-Bahn zum Beispiel. Da wird oft verdruckst abgewunken: „Brauchts nicht, stieg gleich aus“ – eine kleine Zurückweisung für das Gegenüber. Sibylle Loew reagiert anders: „Ich nehme das dann gerne an“, berichtet sie „da hat sich ja jemand Gedanken gemacht.“ Auch in einer solchen Anbieten- Annehmen Situation entstehe eine kleine Beziehung, das bedeute allerdings für manche schon fast zu viel Nähe. Manchmal ist man innerlich gerade woanders und will darauf nicht reagieren müssen.

Mit einer Haltung, in der man offen ist für solche hilfreichen Gesten kann man auch eine grundsätzlichere Freude erleben, betont die Therapeutin: „Es ist etwas sehr Schönes, unser Leben als Geschenk zu erleben und Beziehungen als Geschenk zu erfahren.“

(Der Artikel wurde am 25.12.2017 veröffentlicht)

Die Autorin
Gabriele Hafner
Radio-Redaktion
g.hafner@st-michaelsbund.de


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