Glaube im Alltag Die Last tragen helfen

17.03.2017

Niemand kann einem die ganze Last des Lebens abnehmen, das meiste muss ich selbst tragen. Aber für einen kurzen Moment kann einer dem anderen die Last tragen helfen, findet Schwester Cosima Kiesner. Wann sie das erfahren hat, erläutert die Ordensfrau hier.

Zum Beispiel durch das Spenden von Trost kann einer dem anderen die Last des Lebens tragen helfen. © Fotolia/JackF

Was für ein turbulenter Morgen! Als ich nach dem Frühstück aus dem Tiefkühlfach das Hackfleisch herausnehmen wollte, stellte ich fest, dass das Fach nicht richtig verschlossen war. Alles war vereist. Sofort eilte mir meine Mitschwester zu Hilfe. Das Fach wurde ausgeräumt, die Packungen kontrolliert, entschieden, was sofort noch verarbeitet und am besten heute gegessen werden musste. Natürlich bröselten dabei Eiskristalle auf den Fußboden und auf der Anrichte sammelten sich Wassertropfen und bildeten kleine Lachen. Gerade wollten wir gemeinsam die Küche putzen, da klingelte mein Telefon. Schon als ich den Namen des Anrufers las, wusste ich, dass ich einen Termin übersehen hatte. Ich musste sofort los. „Komm, ich mach das“, war ihr einziger Kommentar. Meine Mitschwester blieb mit dem Chaos allein. Als ich heimkam, war alles aufgeräumt.

So etwas passiert mir immer wieder. Da klappt etwas nicht, da fällt mir etwas schwer, da komme ich nicht klar – und dann ist da jemand, der zupackt, der hilft, der mir etwas abnimmt. Jemand, der gerade dann da ist und meine Notlage sieht. Jemand, der spürt, dass ich gerade kämpfe. Jemand, der merkt, dass ich gerade schwer gefordert, ja vielleicht überfordert bin. Es sind ganz unterschiedliche Hilfestellungen, die ich erhalte. Mal wird mir ein Dienst abgenommen, mal lädt mich jemand nachdrücklich zu einer wohltuenden Pause ein. Mal baut mich jemand mit wohltuenden Worten auf, mal geht jemand einen schweren Weg mit mir. Mal hört mir jemand aufmerksam zu, mal erträgt jemand geduldig meine Tränen. Manchmal ist es wirklich ein großer Einsatz, den dieser Jemand für mich leistet, manchmal eine kleine Aufmerksamkeit, von der ich profitiere. Aber eines tritt immer ein: Ich spüre Entlastung.

Schwester Cosima Kiesner ist Ordensfrau in der Congregatio Jesu. Die Theologin und Germanistin leitet des "Zentrum Maria Ward" in Augsburg und begleitet Menschen bei Exerzitien. © privat

Entlastung als Geschenk

Das ist doch normal, denken Sie jetzt vielleicht. Aber ist es das wirklich? Es ist ein Geschenk, wenn in der Familie und unter Freunden solche Entlastungen geleistet werden. Und wie oft werden sie nicht geschenkt? Die zehn Minuten, die es kosten würde, wenn jemand beim Aufräumen der Küche hilft. Oder die 500 Meter Fußweg, die der Umweg kostet, wenn auf dem Weg zum Sport noch der Briefkasten angesteuert würde. Oder die Stunde, die der Besuch bei einem kranken Bekannten dauern würde. Manchmal sind es ja Fremde, die plötzlich Hilfe geben und Entlastung schenken. Fremde, die gerade die Kraft und die Freiheit haben, einen anderen Menschen zu unterstützen.

Niemand kann einem die ganze Last abnehmen, die das eigene Leben bereithält. Das meiste muss ich selbst tragen. Aber für einen kurzen Moment, für eine bestimmte Wegstrecke kann einer dem anderen die Last tragen helfen. Wo erfahre ich das? Wo kann ich es anderen tun? Auch das ist ein Fasten in den Augen Gottes. (Cosima Kiesner CJ)


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