Buchmalerei-Ausstellung Die Lebenden blicken ins Jenseits

08.09.2016

Wie stellten sich die Menschen vor sechshundert Jahren den Tod vor? Welche Schrecken erwarteten sie als Sünder? Und wo suchten sie Hilfe und Beistand im Ringen um die Gnade Gottes? Antworten auf diese Fragen bietet eine Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Der Teufel Belial bringt das Protokoll in die Höllenversammlung, Speyer 1461 (Bild: Bayerische Staatsbibliothek) © Bayerische Staatsbibliothek

Der Titel „Ewiges und Irdisches“ verweist auf die Themen der Miniaturmalerei auf Buchseiten: In leuchtenden Farben, phantasievoll und erzählerisch wird vor Augen gestellt, worum es im Leben und im Tod eigentlich geht. Zum Beispiel um die Todsünde des Neides, dargestellt als Ritter auf einem feuerspeienden grünen Drachen. Sein Wappenschild zeigt die Fledermaus, die das Licht nicht ohne Schaden sehen kann, so wie die Neider das Glück der anderen nicht ertragen. Die Schlange auf dem Gewand verweist auf böse Ratgeber. Und auf dem Haupt balanciert der Reiter einen Bienenkorb – diese Tiere symbolisieren jene Menschen, die ihren Zeitgenossen Honig um den Mund schmieren, aber sie hinterrücks verleumden. Es summt und brummt um den Kopf des Neiders, er reitet letztlich seinem eigenen Unglück entgegen. Der Text aber weiß Auswege: Allen sieben Todsünden werden Tugenden gegenübergestellt und diese werden mittels Zitaten aus der Bibel und aus Werken der Kirchenlehrer erläutert. Der aufgeschlossene Leser kann sich also aus den Schlingen der Sünde befreien.

Groß war die Angst der Menschen vor einem jähen Tod, vor tödlichen Unfällen und jammervollen Sterbestunden. Als Beschützerin vor solcher Unbill wurde die heilige Barbara angerufen – eine Märtyrerin, die Ende des dritten Jahrhunderts im Gebiet der heutigen Türkei und des Libanon gelebt haben soll. Gegen den Willen des Vaters, der sie in einen Turm eingesperrt hatte, ließ sie sich taufen. Ihre Schönheit wird nicht nur in Legenden gerühmt, sondern auch in einem kleinen Gebetbuch aus Nürnberg dargestellt. Nur elf auf acht Zentimeter klein ist die Pergamentseite, die auf goldenem Grund eine schöne Frau zeigt, die in der einen Hand Kelch und Hostie hält, mit der anderen Hand segnet. Kleidung, Gesicht, weiße Lilien als Zeichen der Jungfräulichkeit und eine gläserne Vase mit Maiglöckchen zeigen die Kunstfertigkeit und Bildung des Malers Michael Wolgemut. Zugleich entwirft er ein Gegenbild zum theologischen Regelwerk, indem nicht ein Priester, sondern eine Frau Kelch und Hostie präsentiert und so das Sterbesakrament denjenigen darbietet, die als Gläubige danach verlangen. Als Andachtsbüchlein, in nordbairischer Sprache verfasst, war diese kleine Handschrift Privatbesitz eines Nürnberger Patriziers.

Teufel „wie aus dem Bilderbuch“

Ein viel gelesenes juristisches Werk des Mittelalters war dagegen der „Belial“ des Jakob von Theramo. Es geht darin um die Frage, ob auch jene Menschen durch Christi Kreuzestod gerettet werden können, die schon vor Jesus Christus auf der Welt waren, oder ob auf diese „Altväter“ der Teufel ein Anrecht hat. In einem Prozess nach allen Regeln des Kirchenrechts wird schließlich das Urteil gesprochen: Nur jene Menschen, die beim Jüngsten Gericht durch das Urteil des Gottessohnes verdammt werden, landen in der Hölle. Pfälzische Maler aus der Umgebung von Speyer haben um 1460 diese Geschichte um den rechtskundigen Teufel Belial, der persönlich das Verhandlungs-Protokoll der Höllenversammlung übergibt, in Bilder umgesetzt. Die Künstler malten Teufel „wie aus dem Bilderbuch“, mit Glubschaugen, Hörnern und buntem Fell, mit Fratzen auf dem Unterleib und Fledermausflügeln. Der kostbare goldene Rahmen dieser Miniatur-Malereien, die leuchtenden Farben aus Pigmenten, die zum Teil aus geriebenen Halbedelsteinen hergestellt wurden, wirken so frisch, als sei dieses Buch gerade erst fertiggestellt worden.

Maria als Fürsprecherin für die sündigen Menschen, Nürnberg um 1520 (Bild: Bayerische Staatsbibliothek) © Bayerische Staatsbibliothek

Welche Zuflucht aber bietet sich den Menschen, die um ihre Sünden wissen? Wie können sie der göttlichen Strafe und der ewigen Verdammnis entkommen? Das verbildlicht eine Buchmalerei im Gebetbuch für Anna und Jakob Sattler, entstanden um 1520 in Nürnberg: In einer dunklen Wolke erscheint Gottvater, der voller Wut seine Pfeile auf die ungehorsamen Menschen abschießt – die aber haben eine mächtige Schutzmacht. Denn Maria stellt sich mit entblößter Brust vor ihren Sohn, um Fürsprache zu halten. So wie sie einst Christus an ihrer Brust genährt hat, so zeigt sie sich als Mutter aller Menschen und bittet darum, dass seine Wunden alle reuigen Sünder erlösen mögen.

Die ausgewählten Beispiele zeigen, dass mit solchen Bilderwelten in Büchern letztlich gepredigt und geistliche Erkenntnis vermittelt wird. In einer Zeit, als mehr und mehr die persönliche Andacht in den Vordergrund rückt, und als es im Gebet des Einzelnen um Versenkung, Verinnerlichung und Verständnis geht, da helfen die Bilder den Gläubigen, Angst zu überwinden und komplizierte Glaubensinhalte zu verstehen. Mitteleuropa erlebte damals eine „Explosion von Bildern“, wie Ausstellungs-Kuratorin Claudia Fabian betont. Als Leiterin der Abteilung „Handschriften und Alte Drucke“ in der Bayerischen Staatsbibliothek zeigt sie Bücher, die den Vergleich mit der bekannteren französischen Buchmalerei nicht scheuen müssen.

Eine „Explosion von Bildern“

Zudem ist in diesen Gebetbüchern, Psaltern und Andachtsbüchern zwischen Mittelalter und Neuzeit eine große Sprachenvielfalt zu erkennen: Neben dem klassischen Latein behaupten sich Bairisch und Schwäbisch als Lokalsprachen. Besonders eindrucksvoll zeigt das Gebetbuch des kaiserlichen Rates Johannes Jung die Weltläufigkeit seines Besitzers, denn hier sind die Texte in lateinischer, deutscher, griechischer, hebräischer und syrischer Sprache verfasst.

Ergänzend zu den religiösen Werken umfasst die Ausstellung auch illustrierte Bücher zu Fechtkämpfen, Ritterturnieren und Kriegskunst – sie waren wohl damals so etwas wie Bilderbücher für Männer, die sich großer Beliebtheit erfreuten. In einer Zeit, als in Europa Papier hergestellt wurde, der Buchdruck erfunden wurde und Holzschnitte eine preiswerte Vervielfältigung von Bildern ermöglichten, erlebten die Menschen einen neuartigen Bilderreichtum und einen entscheidenden Medienwandel – und daher, so Fabian, war diese Welt zwischen 1400 und 1540 unserer Zeit nicht unähnlich, wo Internet und Smartphone für eine „Explosion von Bildern“ sorgen.

„Der Doten dantz mit figuren“, Mainz um 1492 (Bild: Bayerische Staatsbibliothek) © Bayerische Staatsbibliothek

Im Unterschied zu heute war jedoch im Mittelalter die Gesellschaft streng gegliedert in Stände. Der persönliche Anteil, den ein Mensch an gesellschaftlichem Einfluss und politischer Macht hatte, wurde ihm quasi in die Wiege gelegt – sei er nun klein oder groß. Nur am Ende des Lebens waren alle gleich – der Tod erwartete Päpste und Könige, Mönche und Ritter, Bürger und Räuber, Jungfrauen und Kinder. Diese Gleichheit im Tod verdeutlicht der sogenannte „Totentanz“, der in manchen Kirchen als Fresko auf die Wände gemalt wurde, der aber auch als gedrucktes Werk kursierte. Vor allem in jenen Zeiten, als die Pest in den Städten die Menschen dahinraffte, erinnerte der „Totentanz“ jeden daran, dass er sterben muss. Doch so ernst dieses Thema anmutet – die kolorierten Holzschnitte offenbaren einen skurrilen Humor: Den Skeletten ringeln sich Würmer aus Nase und Ohren, eine Ratte frisst sich in die Brust hinein, während mit Knochen die Trommel geschlagen wird. Auf einem anderen Bild spielen die Knochenmänner als Blaskapelle zum Tanz auf. Der beigefügte Text lädt alle ein: „Wohlan, wohlan, ihr Herren und Knecht, springt herbei, egal welches Geschlecht, ob jung oder alt, ob schön oder hässlich – ihr alle müsst mittanzen!“ (Annette Krauß)

Die Ausstellung „Ewiges und Irdisches“ kann bis Sonntag, 6. November, montags bis mittwochs und freitags von 10 bis 17 Uhr sowie donnerstags von 10 bis 20 Uhr kostenfrei in der Bayerischen Staatsbibliothek München (Ludwigstraße 16) besichtigt werden, ebenso am Sonntag, 2. Oktober und 6. November, von 13 bis 17 Uhr. Kostenlose Führungen werden don- nerstags um 16.30 Uhr und an den oben genannten Sonntagen um 14 Uhr angeboten. Mehr erfahren Sie hier.


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