Glaube im Alltag Die Liebe Gottes ist ausgegossen

27.05.2017

Vorsichtig balancierte Pfarrer Stephan Fischbacher einen randvoll mit Tomatensoße gefüllten Teller über den Flur. Es kam, wie es kommen musste: Die Soße ergoss sich über die Fliesen. Was dieses Missgeschick mit Pfingsten zu tun hat, erläutert der Geistliche hier.

Verschüttete Tomatensoße machte Pfarrer Stephan Fischbacher klar: Gott sendet seine Liebe zum Menschen mit einer unglaublichen Wucht, die sich durch nichts aufhalten lässt. © Fotolia/EcoPim-studio

Wenn im Neuen Testament vom Heiligen Geist die Rede ist, spricht die Bibel mehrfach von ausgießen. Zum Beispiel schreibt Paulus: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). Wenn man das im Gottesdienst vorgelesen bekommt, tun sich Bilder in der eigenen Vorstellung auf. Unweigerlich muss ich an die Firmung denken, schließlich wird da der Heilige Geist den Gläubigen im Sakrament geschenkt. Was passiert da? Nach der Handauflegung taucht der Firmspender seinen Daumen in ein kleines Gefäß und nimmt etwas Öl auf. Dieses streicht er dem Firmling hauchdünn in Form eines Kreuzchens auf die Stirn. Wäre das Öl ein Symbol für den Heiligen Geist, dann würde er den Gläubigen nur sehr sparsam verliehen, aus Angst, etwas von dem kostbaren Öl könnte verloren gehen. So kann und will ich mir das dann doch nicht vorstellen, was das heißt: Die Liebe Gottes ist ausgegossen. Als inneres Bild, durch das sich mir das Schriftwort erschließt, ist das nicht angemessen. Ich suche weiter nach einer passenden Vorstellung.

Eines Tages passierte Folgendes: Vorsichtig hielt ich einen Teller in der Hand und balancierte ihn über den Flur. Er war randvoll mit einer Tomatensoße gefüllt, die ich auf gar keinen Fall verschütten wollte. Es kam, wie es kommen musste: Weil ich mich wohl zu sehr auf den Teller mit der Soße konzentriert hatte, achtete ich zu wenig auf meine Füße und den Boden. Mit Wucht stolperte ich über eine Treppenstufe. Es gab kein Halten mehr. Der Teller flog im hohen Bogen durch die Luft und die Soße ergoss sich reichlich über die Fliesen. Zum Glück war mein Ärger schnell verraucht und der Boden bald wieder geputzt. Da wurde mir eines klar: Wenn Gott die Liebe durch den Heiligen Geist ausgießt, dann so, wie sich die Tomatensoße im hohen Bogen auf den Boden ergoss: Es gibt kein Halten mehr. Gott sendet seine Liebe zum Menschen mit einer unglaublichen Wucht, die sich durch nichts aufhalten lässt.

Pfarrer Stephan Fischbacher leitet den Pfarrverband Waakirchen © privat

Erfüllt vom Heiligen Geist

Auch die Apostel ließen sich nicht mehr aufhalten, als sie vom Heiligen Geist erfüllt waren. „Der Geist des Herrn durchweht die Welt, gewaltig und unbändig“, heißt es im Gotteslob-Lied Nr. 347. Und Gott gießt den Geist reichlich, ja überreichlich aus. Das Neue Testament beschreibt es so: „Ihn [den Heiligen Geist] hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter“ (Tit 3,6).

Wir Menschen sind wie leere Gefäße, die gefüllt werden. Gott, seine Liebe, der Heilige Geist: Das gibt uns diese Füllung und ist selbst die Füllung unseres Lebens. Wovon ich mich und mein Leben erfüllen lasse, dafür bin ich selbst verantwortlich. Menschen, die von Ungeist erfüllt sind und sich von Egoismus, Hass oder Ängsten leiten lassen, werden sich schwer tun, den Heiligen Geist mit seiner unberechenbaren Gewalt im eigenen Leben zu spüren. Gott zwingt nicht. Aber wenn er seine Liebe, seinen Heiligen Geist ausgießt, dann ist es für uns ein Angebot, sich ganz davon erfüllen zu lassen. Und ganz sicher: Wovon ein Mensch erfüllt ist, davon gibt er weiter. (Stephan Fischbacher)


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