Obdachlosenhilfe Die Menschen nicht aufgeben

08.05.2019

Systemwanderer sind Obdachlose, die Angebote des Hilfesystems nur bedingt annehmen. Oft haben sie psychische Probleme und sind suchtkrank. Mit einem besonderen Angebot will das Netzwerk Wohnungslosenhilfe ihnen effektiver helfen.

Das Netzwerk Wohnungslosenhilfe will Obdachlosen effektiver helfen.
Das Netzwerk Wohnungslosenhilfe will Obdachlosen effektiver helfen. © imago

München – Unter den Obdachlosen in München gibt es „die bunten Hunde, die jeder kennt“. Das sagt Christina Krahe. Und sie muss es wissen: Die Sozialpädagogin arbeitet im Haus an der Pilgersheimer Straße, einer Hilfeeinrichtung des Katholischen Männerfürsorgevereins (KMFV) für Obdachlose. Die „bunten Hunde“ leben oft seit 10, 20 oder gar 30 Jahren auf der Straße. Doch obwohl sie in der Szene bestens bekannt sind, greifen die üblichen Hilfemaßnahmen bei ihnen meistens nicht. „Systemwanderer“ nennt das Münchner Netzwerk für Wohnungslosenhilfe diese Menschen. Sie wandern im Münchner Hilfesystem, unkoordiniert und ohne festen Ansprechpartner.

Psychische Probleme

Die Biographien dieser Menschen sind oft von Brüchen geprägt. Sie halten sich selten längere Zeit in einer Einrichtung und bekommen oft Hausverbote erteilt. Wenn sie in die nächste Hilfestation kommen, beginnen die Sozialarbeiter dort wieder von vorne. Ein Teufelskreis. Frank Kumpfmüller ist Sozialarbeiter in der Teestube „komm“, einer Einrichtung des evangelischen Hilfswerks München. Er kennt viele Systemwanderer. Besonders ein Fall beschäftigt ihn: Ein Paar, das zusammen seit 20 Jahren auf der Straße lebt. Er ist alkoholkrank und hat in der Teestube Hausverbot. Kumpfmüller: „Die beiden können sich nur schwer an Regeln halten. Das ist keine Seltenheit bei dieser Klientel.“ Auch psychische Krankheiten und Suchtprobleme seien typisch.

Doch die Menschen aufzugeben, das kommt für Kumpfmüller und das Netzwerk Wohnungslosenhilfe nicht in Frage. Da das bisherige Hilfesystem aber an seine Grenzen gekommen war, musste eine Lösung her. Die gab es dann 2011, als das so genannte „Case Management“ eingeführt wurde. Meint übersetzt so viel wie Einzelfallhilfe. KMFV und Evangelisches Hilfswerk tragen dieses Projekt gemeinsam. Die Idee: Ein Obdachloser bekommt einen festen Ansprechpartner. Selbst bei einem Einrichtungswechsel bleibt das so. Das ist sehr personalintensiv, aber notwendig, um die Menschen zu erreichen.

Zeitlich unbegrenzt

Seit 2011 hat die Stadt München das Projekt immer befristet finanziert, jetzt wurde es in die Regelförderung überführt. „Damit ist das Case Management ein fester Bestandteil der Obdachlosenhilfe in München“, freut sich Claudia Eisele, Fachreferentin Wohnungslosenhilfe beim KMFV. Und auch für die Sozialpädagogin Christina Krahe ist das Case Management ein wichtiger Baustein. „Dadurch, dass wir zeitlich unbegrenzt mit den Menschen arbeiten können, ist es einfacher ein Vertrauensverhältnis herzustellen.“

Das Netzwerk Wohnungslosenhilfe stellt das Case Management vor. Ganz rechts: Schirmherrin Petra Reiter.
Das Netzwerk Wohnungslosenhilfe stellt das Case Management vor. Ganz rechts: Schirmherrin Petra Reiter. © KMFV/Horschmann

Krahe hilft ihren Klienten bei der Schuldenregulierung, bei Anträgen und anderen Angelegenheiten. Doch das sei nur der Türöffner. „Im Gespräch erfahre ich oft die tieferliegenden Probleme, wie es den Menschen wirklich geht.“ Wenn sie das herausfinde, könne sie gezielt helfen und begleite dann auch mal zu einem Arztbesuch. „Ich habe es nicht mit Multi-Problemlagen zu tun, sondern mit Menschen, die Multi-Problemlagen haben.“ Den Obdachlosen als Menschen mit Bedürfnissen wahrnehmen, das ist ihr wichtig.

Große Erfolge

Wie erfolgreich das Case Management sein kann, zeigt das Paar, von dem Frank Kumpfmüller von der Teestube „komm“ erzählt hat und das er nun seit zwei Jahren begleitet. „Die Kollegen waren am Ende dessen was möglich war. Durch das Case Management haben wir dann aber ein Vertrauensverhältnis hinbekommen. Darauf bin ich stolz.“ Das Paar lebt nun in einer Pension und der Mann kommt wesentlich weniger alkoholisiert in die Beratung zu Frank Kumpfmüller. „Das ist ein riesiger Erfolg, weil es undenkbar war über die Jahrzehnte.“

In der Sendung "Total Sozial" stellt das Münchner Kirchenradio jede Woche einen der vielen sozialen Verbände und Vereine im Erzbistum München und Freising vor. Hier finden Sie die Podcasts.

Gordon Bürk, Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerks, freut sich ebenfalls über den Erfolg des ökumenischen Projekts. Insgesamt sei München in der Obdachlosenhilfe gut aufgestellt. „Hier wird mehr getan als in vielen anderen Städten.“ Doch angesichts steigender Obdachlosenzahlen und der schwierigen Lage auf dem Wohnungsmarkt dürfe man sich darauf nicht ausruhen. „Die Stadtgesellschaft als Ganzes muss an einem Strang ziehen“, fordert Bürk, „Kommune und Kirchen, aber auch die Unternehmen.“ Konkret sieht er zusätzlichen Bedarf an so genannten „Lebensplätzen“ für Männer. Für Frauen, die schwer in Einrichtungen der Wohnungslosehilfe zu vermitteln seien, gebe es in München bereits ein solches Angebot, das sehr große Erfolge verzeichne und den betreuten Frauen dort langfristige Wohnperspektiven ermögliche.

Netzwerk Wohnungslosenhilfe

Im Münchner Netzwerk Wohnungslosenhilfe haben sich eine Reihe von sozialen Trägern, unter anderem der Katholische Männerfürsorgeverein München und das evangelische Hilfswerk München, zusammengeschlossen. Sie wollen Ressourcen bündeln und den Anliegen wohnungsloser Frauen, Männer und Familien in der Öffentlichkeit mehr Gehör verschaffen. Die Schirmherrschaft hat die Frau des Oberbürgermeisters, Petra Reiter, übernommen. „Als ich gefragt wurde, ob ich die Schirmherrschaft übernehme, habe ich nicht gezögert. Das Netzwerk leistet eine tolle Arbeit, um den Ärmsten der Armen in der Stadt zu helfen. Das kann ein Vorbild für ganz Deutschland sein.“

Der Autor
Lukas Schöne
Radio-Redaktion
l.schoene@st-michaelsbund.de


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