Proteste in der Türkei Die Menschen nicht frustrieren

02.07.2013

Im Istanbuler Gezi-Park ging es zu Beginn um ein paar Bäume, die nicht vor einem Immobilienprojekt weichen sollten. Schnell war aber hinter den wenigen Bäumen der Wald zu sehen, um den es den Protestierenden in der Türkei eigentlich geht:

Susanne Holzapfel ist Chefin vom Dienst bei der Münchner Kirchenzeitung. (Bild: Münchner Kirchenzeitung)

Sie sind unzufrieden mit dem Regime in Ankara. Neoislamismus ist nicht das, was sie sich für die Zukunft erhoffen, sondern – im Gegenteil – mehr Demokratie, eine weitere Öffnung nach Westen, einen Staat, in dem säkulare in die Zukunft gerichtete Regeln gelten und nicht nach rückwärts gewandte Religionsrepressalien.

Der Modernisierungsprozess, der Wunsch dazuzugehören zu einer fortschrittsorientierten Welt, hat sich hier auf dem Taksim-Platz und andernorts Bahn gebrochen. Über Bäume spricht längst schon niemand mehr. Die Regierung unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan freilich zeigt sich wei- terhin unerbittlich und versucht die Proteste niederzuknüppeln, hoffend, dass er so ein Strohfeuer austreten kann, bevor es zum Flächenbrand mutiert. Just in diesem Moment beginnen die Europäer einen neuen, in Wahr- heit aber uralten Streit über die potenzielle Beiitrittsfähigkeit der Türkei zur EU zu entfachen. Die Massenproteste samt Tränengaseinsätze, die täglich via Bildschirm in die europäischen Wohnzimmer geschwemmt werden, bestätigen die ewigen Kritiker. Die hatten lange vor den aktuellen Ereignissen davor gewarnt, dass die Türkei keinesfalls EU-kompatibel sei.

Dabei wird allerdings gern Ursache und Wirkung verwechselt. Gerade weil die Bevölkerung zu großen Teilen demokratiebereit, ja geradezu demokratieversessen ist, versucht sie mit Macht, der eigenen Regierung und aller Welt zu zeigen, dass ein EU-Beitritt gewünscht und dringend überfällig ist. Die Drohung, die Verhandlungen Europas mit der Türkei auszusetzen, trifft die falschen Menschen zum falschen Zeitpunkt. Statt sich den Schwung zunutze zu machen, der die türkische Bevölkerung beflügelt, wird eine ablehnende Haltung Europas zu Frustrationen füh- ren, die einen weitaus größeren Schatten werfen als ein paar Bäume in einem Stadtpark.

Susanne Holzapfel ist Chefin vom Dienst bei der Münchner Kirchenzeitung.

Kategorie: Meinung
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