Manfred Lütz im Interview „Die Menschen wollen beten“

28.02.2019

Für Manfred Lütz sind spirituelle Fragen entscheidend. Ein Interview mit dem Psychiater, Theologen und Bestsellerautor.

Manfred Lütz schätzt Angebote wie die Anbetungsnacht „Nightfever“.
Manfred Lütz schätzt Angebote wie die Anbetungsnacht „Nightfever“. © Hartung/Archiv

mk online: Religion und Spiritualität sind Megathemen. Wieso können die katholische Kirche und das Christentum insgesamt nicht davon profitieren?
Lütz: Im Moment ist da natürlich vor allem der Missbrauchsskandal. Die Menschen sind einfach entsetzt, was da passiert ist. Vor diesem Hintergrund kann man über viele andere Dinge kaum reden. Aber es ist auch häufig so, dass die Christen zu wenig von ihrem Christentum wissen. Es fehlt nicht nur Glaubenswissen, sondern auch geschichtliches Wissen. Christen schämen sich „sicherheitshalber“ ihrer eigenen Geschichte, ohne sie zu kennen. Der bekannte Kirchenhistoriker Arnold Angenendt hat ein beeindruckendes Buch mit dem Titel „Toleranz und Gewalt: Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ geschrieben. Darin standen Dinge, die ich selbst gar nicht wusste, obwohl ich intensiv Kirchengeschichte studiert habe. Damit das eine breitere Öffentlichkeit erreicht, habe ich jetzt mit Angenendt zusammen eine Kurzfassung geschrieben, die 2018 zu meiner Freude zum meistverkauften theologischen Buch des Jahres wurde. Denn ich finde, jeder Christ und auch jeder Atheist muss die christlichen Grundlagen dieser Gesellschaft kennen und nicht nur die Horrormärchen, die die Hitlers und die Honeckers über das Christentum in die Welt gesetzt haben. Dass die Sklavenbefreiung nicht auf die Aufklärung, sondern aufs Christentum zurückgeht, dass Toleranz sprachgeschichtlich eine christliche Erfindung ist, das alles sagt nicht der Vatikan, das sagt die Wissenschaft.

mk online: Die katholische Kirche steht im Ruf, sie sei frauenfeindlich und von vorgestern. Was entgegnen Sie solchen Vorurteilen?
Lütz: Also von vorgestern ist sie schon, denn sie ist 2.000 Jahre alt. Das ist aber nicht unbedingt etwas Negatives. Die Kirche wird als frauenfeindlich wahrgenommen, weil in der Tat Frauen noch immer viel zu wenig Macht in der Kirche haben. Aber wir haben über Jahrzehnte nur über die Ämterfrage debattiert, statt nach dem realen Einfluss von Frauen in der Kirche zu fragen. Diese Frage ist dringlich. Schon vor 30 Jahren habe ich dafür plädiert, dass die Hälfte der Hauptabteilungsleiter an Ordinariaten Frauen sein sollten. In München und in Köln ist das jetzt endlich geschehen, in anderen Bistümern arbeitet man daran.

mk online: Allerdings gehen in der Erzdiözese München und Freising deshalb auch nicht mehr Menschen in die Kirche …
Lütz: Entscheidend sind aus meiner Sicht die spirituellen Fragen. Wo es zum Beispiel Angebote wie „Nightfever“ gibt, die Anbetungsnacht für junge Menschen mit Gebeten und Musik, da kommen die Menschen in Massen. Die Menschen wollen beten, weil sie Anliegen haben: Das Kind ist gestorben, sie haben eine Krebsdiagnose, die Ehe ist kaputtgegangen … Sie wollen beten! Wir bieten in der Kirche viel zu wenig solcher Möglichkeiten an und führen stattdessen innerkirchliche Debatten. Aber damit berühren wir die Menschen nicht.

mk online: Das bedeutet, weniger Strukturdebatten und dafür mehr gelebter Glaube?
Lütz: Strukturdebatten sind wichtig, das will ich gar nicht bestreiten, aber die Proportion muss stimmen. Debatten, wo eine Lösung gar nicht absehbar ist, wo man auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertröstet, frustrieren die Menschen nur.

Manfred Lütz ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und und römisch-katholischer Theologe.
Manfred Lütz ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und und römisch-katholischer Theologe. © Media21.TV

mk online: Warum haben Sie ihr aktuelles Buch geschrieben?
Lütz: Weil ich das für eine entscheidende Frage halte. Wenn das Christentum in 2.000 Jahren nur Mist gemacht hat, dann ist es diskreditiert. Deswegen muss jeder Christ zum Beispiel wissen, dass Internationalität eine christliche Erfindung und dass deswegen Fremdenfeindlichkeit unchristlich ist. Auch Mitleid ist eine christliche Erfindung. Die Heiden hatten kein Mitleid. Ein Behinderter wurde einfach ausgesetzt, verbannt. Er galt als von den Göttern geschlagen und mit ihm beschäftigte man sich besser nicht, sonst würde man womöglich auch von den Göttern geschlagen. Die Christen haben genau das Gegenteil gemacht und diese Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Deswegen sind auch Krankenhäuser christliche Erfindungen. Darauf könnten Christen eigentlich stolz sein, aber die wissen das meist gar nicht.

Natürlich gab es auch wirkliche Skandale in der Christentumsgeschichte, und die werden klar benannt, denn Schönfärberei hilft überhaupt nicht. Aber man muss dann auch den Stand der Forschung zu Kreuzzügen, Inquisition und Hexenverfolgung wirklich kennen, um als Christ an Debatten über das Christentum teilnehmen zu können. (Interview: Gabriele Riffert)


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