Schulstart in Bayern Die Schwachen müssen mit ins Boot

07.09.2020

Gerade in Corona-Zeiten hat sich gezeigt: Kinder aus sozial schwachen Familien sind die doppelten Verlierer. Das muss sich ändern. Ein Kommentar von Tanja Bergold.

Schulstart mit Mund-Nasen-Maske
Schulstart mit Mund-Nasen-Maske © imago images/MiS

Es ist ein riskanter Plan: Trotz Corona sollen alle Kinder wieder in die Schule gehen. Und dieser Plan ist gut gemeint. Auf der einen Seite besteht zwar die Gefahr einer Ansteckung, auf der anderen Seite haben auch die Kinder eine Chance, die Zuhause weder einen Laptop noch Eltern haben, die sich als Ersatzlehrer um Mathe, Deutsch óder Chemie kümmern.

Was passiert, wenn die Infektionszahlen wieder ansteigen?

Denn in den letzten Monaten ist eins deutlich geworden: Die Schulen hinken beim Thema Digitalisierung kräftig hinterher, und das dürfte sich über die Sommerferien kaum geändert haben. Zwar haben Ministerpräsident Markus Söder und Kultusminister Michael Piazolo einiges angekündigt: Leihgeräte für Schüler, Dienstgeräte für Lehrer, Fortbildungen und vieles mehr. Allerdings erst in ein paar Jahren. Kinder, die bis Juli keinen PC zu Hause hatten, an dem sie täglich über mehrere Stunden arbeiten konnten, haben heute auch noch keinen. Was aber passiert, wenn die Infektionszahlen steigen und Schule wieder daheim stattfindet?

Woher kommen Geld, Zeit und Nerven?

Tatsache ist: Im Deutschen Schulsystem wird den Eltern einiges abverlangt. Am allerersten Schultag, wenn aufgeregte Kinder mit ihren selbstgebastelten Schultüten zum ersten Mal im Klassenzimmer sitzen, sind noch alle gleich. Es gibt keine Noten, keine Rollenverteilung wie Klassenkasper, Zahlenverdreher oder der Sportversager, der keinen Ball fangen kann. Das ändert sich schnell. Ich bin überzeugt, dass engagierte Lehrerinnen und Lehrer viel tun, um auch die Schwächsten mit ins Boot zu holen. Aber in der Sprechstunde heißt es dann doch oft: „Üben Sie zu Hause mit ihrem Kind.“ Wie soll das die alleinerziehende Mutter, der Vollzeit arbeitende Vater, die Eltern mit geringer Bildung oder schlechten Deutschkenntnissen schaffen? Woher kommt das Geld, um zwei bis drei Kindern jeweils ein entsprechendes Endgerät wie Laptop oder Tablet zu kaufen? Woher die Zeit, woher die Nerven? Denn eins ist klar: Homeschooling ist anstrengend!

Ein erneuter Lockdown birgt mehrere Gefahren: Verärgerte Eltern, überforderte Lehrer, Schüler, die komplett den Anschluss verlieren. Eine erste Hilfe wäre die schnelle, technische Ausstattung. Lehrer, die zeitlich entlastet und sich so verstärkt um die schwächeren Kinder kümmern können. Unterstützung für Eltern, die alleine nicht mehr weiterwissen. Die Politik muss handeln! Jetzt, und nicht erst bis 2024.

Die Autorin
Tanja Bergold
Leiterin Programmentwicklung im Münchner Kirchenradio
t.bergold@st-michaelsbund.de


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