Bilanz der Online-Konferenz Die Wurzel des Synodalen Weges ist der Missbrauch

05.02.2021

Zwei Tage hat sich die Synodalversammlung digital getroffen. Neben dem Vorstellen und dem Austausch über die Arbeitspapiere wurde der Ursprungsgedanke des Reformdialogs in den Blick genommen.

Unterlagen vom Synodalen Weg
Vor einem Jahr ist der Synodale Weg gestartet. Ziel ist es, nach der Missbrauchskrise Vertrauen zurückzugewinnen. © Synodaler Weg/Malzkorn

Bonn – Nach und nach öffnen sich am Donnerstagnachmittag immer mehr kleine Fenster auf dem Bildschirm. Aus ganz Deutschland loggen sich die Synodalteilnehmer ein. Von den 229 Synodalen hatten sich 221 zu dem coronabedingt gewählten Format angemeldet. Außerdem sind Beobachter aus anderen Ländern der Konferenz zugeschaltet und Medienvertreter. Der Blick in die verschiedenen Räumlichkeiten ist spannend. Es sind Bücherwände zu sehen, Logos von kirchlichen Verbänden, verschiedene Arten von Kreuzen und bei einer Teilnehmerin brennt gut sichtbar eine Kerze im Hintergrund. Durch die offenen Kameras bleibt auch nicht verborgen, welcher Bischof zu Beginn noch technische Unterstützung benötigt. Doch pünktlich um 16.30 Uhr waren alle startklar und die Sitzung konnte wie geplant beginnen.

Der Beginn der Konferenz war geprägt von der Debatte um die Aufarbeitung von Missbrauch im Erzbistum Köln. Das Synodal-Präsidium hat in einem Schreiben mit dem Titel „Transparenz und Verantwortung“ das Vorgehen in der Domstadt deutlich kritisiert. Die Vorgänge in Köln hätten zu einem großen Vertrauensverlust beigetragen, heißt es da. Diese habe „Viele am Willen kirchlicher Autoritäten zu vorbehaltloser Aufklärung zweifeln“ lassen. Verantwortliche dürften sich den Konsequenzen nicht entziehen: „Dabei kann auch ein Rücktritt kein Tabu sein.“

„Am Anfang war die Missbrauchskrise“

Das Präsidium hat sich für die Mitarbeit von Missbrauchsopfern auf dem Synodalen Weg ausgesprochen. In Zukunft werden Vertreter des Betroffenenbeirats der Deutschen Bischofskonferenz sich aktiv in den Prozess einbringen können und ihn so mitgestalten. Johanna Beck, Johannes Norpoth und Kai Christian Moritz setzen sich mit ihrer Teilnahme am Synodalen Weg freiwillig einer Täterstruktur aus. Mit eindringlichen Worten haben sie sich an die Synodalversammlung gewandt. So erinnerte Johanna Beck daran, wie es zu dem Synodalen Weg kam: "Am Anfang war die Missbrauchskrise. Die Missbrauchskrise war in der Kirche. Und die Kirche war in der Krise. Dieses war der Anfang des Synodalen Weges." In der Einbindung von Betroffenen sieht sie eine Schließung der „Leerstelle“ des Synodalen Weges.

Auftrag für den Synodalen Weg

An die Menschen, die immer wieder mehr Evangelisierung fordern, richtet Beck sich besonders: Sexualisierte Gewalt stelle eine unfassbare Pervertierung des Evangeliums dar. Alles daran zu setzen, dass diese Pervertierung beendet wird, sei Evangelisierung. Die Synodale Gudrun Lux aus dem Erzbistum München und Freising haben die Worte von Johanna Beck sehr bewegt. Solche Menschen wie sie seien Teil der Antwort, warum sie noch in der Kirche sei, sagte Lux, die auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist. Sie sieht darin für sich persönlich und auch für den gesamten Synodalen Weg einen Auftrag, „dass Kirche wieder der Raum ist, in dem Evangelium gelebt wird.“ Der Delegierte des Berufsverbandes der PastoralreferentInnen, Konstantin Bischoff, ist froh über die Beteiligung der Betroffenen. Der Pastoralreferent und Pfarrbeauftragter von Herz Jesu in München sieht darin den Synodalen Weg immer an seine Wurzel erinnert.

Sprache ist Macht

Der Freitag stand ganz im Zeichen der vier Foren. Sie beschäftigen sich mit den Themen: Macht, priesterliche Lebensform, Sexualmoral und Rolle der Frauen. Es wurde der aktuelle Stand vorgestellt. Und in sogenannten Hearings gab es die Möglichkeit, Rückmeldung zu vorgelegten Papieren zu geben und sich auszutauschen. Das Frauen-Forum, das Forum zu Sexualmoral und auch zur priesterlichen Lebensform konnten keine fertigen Papiere präsentieren. Das Forum Macht hingegen hat ein 41-seitiges Grundlagenpapier und drei Handlungstexte mit konkreten Beschluss-Vorlagen vorbereitet. Dabei geht es um Diözesanfinanzen, eine Predigtordnung und eine Kontaktstelle zur Prävention und Aufbereitung von Machtmissbrauch. Im Hearing war ein Schwerpunkt die Sprache des Textes. Teilnehmer nannten sie zu „kirchisch“ und es wurde in den Raum gestellt, zu klären, an wen die Texte letztlich gerichtet sind. Finja Miriam Weber gehört zu den jüngsten Mitgliedern der Synodalversammlung. Sie spricht der Sprache einen hohen Stellenwert zu: „Denn auch Sprache kann eine Form von Machtausübung sein“. Ihr ist es wichtig, dass auch Nicht-Mitglieder der Synodalversammlung die Texte verstehen können: „Es soll deutlich werden, dass die Texte für alle da sein sollen.“

Alle Arbeitspapiere der vier Foren sind auf der Homepage des Synodalen Weges veröffentlicht und so für jeden Interessierten einsehbar.

Im Forum, das sich mit dem Thema Sexualmoral beschäftigt, gibt es viel Uneinigkeit. So kursieren aktuell verschiedene Vorlagen, bei denen es schwerfällt, Gemeinsamkeiten zu entdecken. Strittige Themen sind zum Beispiel Umgang mit homosexuellen wie auch mit trans-, intersexuellen und queeren Menschen in der Kirche, Empfängnisverhütung, Paarbeziehungen oder auch Selbstliebe und Masturbation. Insbesondere über diese Themen wurde in den Hearings gesprochen. Im Austausch wurde der Eindruck vermittelt, dass sich die Mehrheit der Teilnehmer eine liberale Haltung der Kirche zu den Themen wünscht. Eine junge Synodale brachte auf den Punkt, was viele junge Teilnehmer denken: „Die Kirche rast an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen vorbei.“

Die Frage nach der Zulassung von Frauen in kirchlichen Weiheämtern ist für viele eine der Kernfragen des Reformprozesses. Aus diesem Grund sind die Erwartungen an das Frauen-Forum hoch. Die Ansichten dazu sind aber sehr unterschiedlich. Es bleibt abzuwarten, auf welche Beschlussvorlage sich das Forum letztlich einigen kann.

„Sprachlosigkeit“ und „Ohnmacht“

Wie sollen Priester zukünftig leben? Wie sieht ihre Ausbildung aus? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Forum zur priesterlichen Existenz. Für den Münchner Weihbischof Wolfgang Bischof muss dabei eins im Blick behalten werden: „Ohne eine Version der Zukunft wie Gemeinde, wie kirchliches Leben ausschaut, wird es auch keine zukünftige Form der priesterlichen Existenz geben.“ Dies müsse bei den Überlegungen mitberücksichtigt werden. Er habe den Eindruck, es wird oft nur von einer Seite aus betrachtet.  

Pastoralreferent Konstantin Bischoff war überrascht, als er hörte, dass die Teilnehmer des Forums erst nach drei Sitzungen das Thema „Zölibat“ angesprochen haben. Er habe den Eindruck, dass in dem Forum Themen vermieden werden und sei darüber sehr erschrocken. Er könnte sich vorstellen, dass das Nicht-Ansprechen darin begründet sei, dass in dem Forum viele zölibatär lebende Menschen vertreten sind. Er schlägt vor, dass das Forum Berater - zum Beispiel aus der Synodalversammlung – hinzuzieht. So könnte ein anderer Blick ermöglicht werden, um aus dieser „Ohnmacht“ und „Sprachlosigkeit“ herauszukommen.

Synodaler Weg - was ist das?

Der Begriff "Synodaler Weg" verweist auf das griechische Wort Synode. Es bedeutet wörtlich "Weggemeinschaft"; im kirchlichen Sprachgebrauch bezeichnet Synode eine Versammlung von Bischöfen oder von Geistlichen und Laien. In ihrem Reformdialog auf dem Synodalen Weg wollen die deutschen katholischen Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland beraten. Ein Ziel ist, nach dem Missbrauchsskandal verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Oberstes Organ des Synodalen Wegs ist die Synodalversammlung. Sie zählt 230 Mitglieder, die für eine möglichst große Bandbreite kirchlichen Lebens stehen sollen. Die Initiative, die es in dieser Form in der katholischen Kirche noch nie gab, war ursprünglich auf zwei Jahre angelegt. Wegen der Corona-Pandemie wird der Synodale Weg allerdings nach derzeitigem Planungsstand nicht im Oktober 2021 enden, sondern bis 2022 dauern. Die nächste Synodalversammlung soll im Herbst 2021 stattfinden. (kna)

Vor einem Jahr tagte die Synodalversammlung zum ersten Mal. Pandemiebedingt trafen sich die Mitglieder im Sommer letzten Jahres zu Regionalkonferenzen. Das digitale Treffen sei wichtig gewesen, da der Synodale Weg ins Stocken geraten sei, so der Münchner Diözesanratsvorsitzende Hans Tremmel. Er führt das nicht nur auf die Pandemie zurück. Er sieht die Räte in den Synodalforen zu wenig vertreten. Sie stellen die Rückbindung zu den Pfarreien und Verbänden in den Diözesen dar: „Wenn diese Rückbindung fehlt, dann ist natürlich auch der Synodale Weg als Weggemeinschaft in Deutschland schwierig.“. Dies sei von Beginn an ein „Webfehler“ gewesen. Er würde sich wünschen, dass die Texte schneller vorliegen, sodass die Diözesanräte sie aufbereiten können. Grundsätzlich sei er aber „zufrieden“ mit den zwei Tagen. Der Münchner Weihbischof Wolfgang Bischof zieht nach der Online-Konferenz ein positives Fazit: „Es war spannend, anstrengend, sehr konzentriert und es war nach vorne gerichtet“. Im Oktober soll sich die Synodalversamlung das nächste Mal zusammenfinden. Dort sind dann auch die erste Beschlüsse zu erwarten. Das Präsidium hat bereits angedeutet, dass es auch wieder digital sein könnte. Die Veranstaltung in den vergangenen Tagen könnte also nur ein Testlauf gewesen sein.

Die Autorin
Katharina Sichla
Teamleiterin mk online
k.sichla@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Synodaler Weg Kirche und Missbrauch

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