Papst Franziskus auf den Philippinen "Diese Ungleichheit ist skandalös"

16.01.2015

21 Mal dröhnten am Freitag die Kanonenschüsse zur Ehrenbezeugung für Papst Franziskus über den Rasen vor dem Präsidentenpalast in Manila. Kurz darauf folgte ein Donnerschlag anderer Art: Die Rede des Papstes vor den in der Residenz versammelten Politikern und Diplomaten.

Papst Franziskus (Archivbild: Imago)

Manila - Die Ansprache von Papst war eine laute Anklage der sozialen Verhältnisse auf den Philippinen und ein empörter Ruf an die Mächtigen im Land, sich für Verelendete verantwortlich zu fühlen, statt sich selbst weiter zu bereichern. Eine "skandalöse gesellschaftliche Ungleichheit" prangerte Franziskus vor der versammelten Staatsspitze um Präsident Benigno Aquino an. Mehr denn je brauche das 100-Millionen-Einwohner-Land politische Führer, "die für Ehrlichkeit, Integrität und den Einsatz für das Gemeinwohl stehen".

Die Ungerechtigkeit sei tief verwurzelt, sagte Franziskus und sprach damit eine der zentralen Ursachen für die katastrophalen Missstände an. Vielleicht 40 Familien teilen sich auf den Philippinen die Macht, den Boden und das Geld. Ihre Namen finden sich auf den Straßenschildern Manilas, in den Bänken von Parlament und Regierung und in den Generalsrängen der übermächtigen Armee. Seit der Unabhängigkeit haben Clans das Land im Griff, machen die Gesetze, manipulieren Wahlen und bringen Kritiker zum Schweigen. Gegen ihren krakenhaften Einfluss scheint es kein Mittel zu geben. Nötig sei ein Wandel des Herzens und der Mentalität, forderte der Papst.

Nur ein Beispiel: Seit Jahrzehnten tritt der Streit um eine Landreform auf der Stelle. Präsidentin Cory Aquino, die Mutter des jetzigen Staatschefs, hatte nach dem Ende der Marcos-Diktatur 1986 die Bodenfrage angestoßen und schnell auf Granit gebissen. Immer wieder werden Aktivisten, die für eine gerechtere Landverteilung kämpfen, getötet oder verschwinden wegen "Aufruf zur Rebellion" jahrelang in den Gefängnissen. Selbst kirchliche NGOs sind im katholischsten Staat Asiens davon betroffen. Menschenrechtler werfen der Armee eine Verstrickung in die Morde vor. Grundübel ist die allgegenwärtige Korruption. Laut Transparency International sind die Philippinen eines der korruptesten Länder der Welt. Dieses System entziehe den Armen alle Ressourcen und schließe sie von jeder Teilhabe aus, warf der Papst den Eliten vor.

Auch Kirche muss mehr tun

Im Kampf gegen die Armut muss für ihn auch die Kirche mehr leisten. Bischöfe und Priester müssten die Ersten sein, die gegen die Verfestigung ungerechter Strukturen neue Solidarität im Zeichen des Evangeliums einforderten, sagte er anschließend bei einer Messe mit Geistlichen in der Kathedrale von Manila. Hier gebe es "Verfehlungen und Sünde". Niemals dürfe sich die Kirche mit den Verhältnissen abfinden. Einerseits tut die Kirche auf den Philippinen eine Menge, um das Elend notdürftig zu lindern. Andererseits ist auch sie nicht frei von Korruptionsskandalen, lassen sich manche Priester etwa für die Segnung von Gräbern bezahlen. Neben sozial stark engagierten Bischöfen vermeiden andere - auch aus Angst vor befreiungstheologischen Experimenten - deutliche Worte gegen die Selbstbedienung der Oligarchie. Viele wünschen sich wieder eine politischere Kirche wie zu Zeiten der "Rosenkranzrevolution" gegen die Diktatur.

Zugleich ist die philippinische Kirche selbst eine der reichsten Institutionen im Land. Die Priester mahnte Franziskus zu einer bescheidenen Lebensführung. "Nur wenn wir selber arm werden, wenn wir unsere Selbstgefälligkeit ablegen, werden wir fähig sein, uns mit dem Geringsten unserer Brüder und Schwestern zu identifizieren", so der Papst. Manilas Kardinal Luis Tagle bedankte sich für Franziskus' Besuch mit den Worten, der Papst bringe ein reinigendes Feuer und Waffen, die nicht töteten, sondern Gewissheit brächten.

Nach der Messe traf Franziskus die größten Verlierer der Slumkultur: In einer benachbarten Hilfseinrichtung begegnete er rund 200 Straßenkindern und ehemaligen Prostituierten. 20 Minuten lang ließ er sich deren Lebensgeschichten erzählen und segnete sie. (Christoph Schmidt/KNA)


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