Kirche und Digitalisierung Digitale Messen: Fluch oder Segen?

24.05.2020

Corona hat die Kirchen gezwungen Gottesdienste in die virtuelle Welt zu verlegen. Prälat Josef Obermaier und Pfarrer Stephan Fischbacher diskutieren, Sinn und Unsinn davon und was uns erhalten bleiben sollte.

Prälat Josef Obermaier und Pfarrer Stephan Fischbacher
Prälat Josef Obermaier und Pfarrer Stephan Fischbacher sehen beide Vor- und Nachteile, kommen aber zu unterschiedlichen Ergebnissen. © Münchner Kirchenzeitung/ privat

Pro:

Leider Gottes scheinen sich die Stimmen zu mehren, die unserer Kirche vorhalten, obrigkeitshörig auf die jetzige Corona-Krise zu reagieren. Mir war als denkender katholischer Priester und verantwortungsvoller Mensch von vornherein klar, dass wir diese Pandemie als katholische, weltumfassende Kirche mit großer Solidarität mit bekämpfen müssen. Die Schnelligkeit und die Dynamik des neuen Coronavirus zwingt staatliche und kirchliche Verantwortliche zu schnellen und einschneidenden Schutzmaßnahmen. Ich war froh, dass unsere Kirche auch durch unseren Papst und unsere Bischöfe klare und verantwortungsbewusste Signale der Solidarität mit all denen gesandt haben, die sich an der Bekämpfung dieser katastrophalen Pandemie beteiligen. Dies müssen wir auch tun angesichts der vielen kirchlichen Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, Schulen und Kindergärten, die in katholischer Trägerschaft arbeiten.

Unser Papst Franziskus hat sich in Solidarität mit den vielen Leidenden und Sterbenden verbunden und stand alleine auf dem leeren Petersplatz. Für mich ein eindrucksvolles Bild: wie ein leidender Christus, der zu uns steht.

Ein Segen wenigstens virtuell verbunden zu sein

Auch unsere Pfarrgemeinden haben schmerzlich erleben müssen, dass sie in unseren Kirchen nicht in gewohnter Weise in Gemeinschaft Gottesdienste feiern können. Viele haben stattdessen Gottesdienste im Fernsehen und im Internet mitgefeiert.

Die Übertragung von Gottesdiensten über die Medien ist für uns nicht neu. Schon seit vielen Jahren erreichen wir mit Gottesdiensten, die über Medien ausgestrahlt werden, viele Menschen, die aus verschiedensten Gründen nicht zur Kirche kommen können. Für sie und besonders unsere Kranken ist diese Möglichkeit, Gottesdienste mitfeiern zu können, ein Segen. In der jetzigen Krise war es für uns alle ein Segen, wenigstens über Fernsehen und Internet miteinander als Kirche verbunden zu sein.

Wir haben mit Recht nicht gezögert, die Entscheidungen unserer für das öffentliche Wohl verantwortlichen Politiker mitzutragen. Dabei haben wir aber nie vergessen, dass dieses schmerzliche Opfer ein Ziel haben muss: dass wir unsere Gottesdienste nicht mehr nur über Fernsehen und Internet mitfeiern können, sondern wieder in unseren Heimatkirchen.

"Ins Gebet nehmen"

Trotz aller Einschränkungen ist dieses Ziel jetzt schon teilweise erreicht. Noch mehr freuen wir uns, wenn wir wieder ohne Mund-Nase-Schutz und Platzbeschränkungen in vollen Kirchen zusammen mit unseren Seelsorgern, mit unseren Ministranten und unserer Kirchenmusik strahlende Feste des Glaubens feiern können.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir auch weiterhin unsere politisch Verantwortlichen in Kirche und Staat solidarisch mit „ins Gebet nehmen“. (Prälat Josef Obermaier Domkapitular i. R., ehemaliger Seel- sorgereferent der Erzdiözese)


Contra:

Ganz bewusst habe ich mich dagegen entschieden, aus den Kirchen meines Pfarrverbandes Waakirchen-Schaftlach digitale Gottesdienste anzubieten. Ich mag die Technik, ich mag das „Neuland“ Internet und seine Möglichkeiten sehr und bin persönlich viel digital unterwegs. Gottesdienste, vor allem eine Messfeier, wollte ich aber bewusst nicht digital übertragen. Warum? Es sprachen für mich praktische Gründe dagegen: Es fehlte am Internetanschluss, an geeignetem Equipment, an der richtigen Tontechnik. Das ließe sich sicher lösen. Das andere sind ästhetische Gründe, denn „gut gemeint“ reicht auf Youtube nicht aus, ganz im Gegenteil: Schlechte Bild- und Tonqualität wirken sogar abstoßend.

Aber ausschlaggebend waren für mich theologische und pastorale Gründe: Zum Gottesdienst gehört eine Versammlung von konkreten Menschen an einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit. Er ist reale Begegnung mit dem Auferstandenen, der in die Mitte der feiernden Gemeinde tritt. Gottesdienste mit nur einer Person kann es aus meiner Sicht zwar notgedrungen geben (ist beim Stundengebet sogar weitgehend Standard), sind aber nur als ein Behelf anzusehen, wenn die Normalform einer gemeinschaftlichen Feier nicht möglich ist. Gerade wenn im Kern der Feier das Teilen von Brot und Wein steht, ist eine digitale Feier kein Ersatz.

Ohne innere Teilnahme nicht sinnvoll

Aus pastoraler Sicht habe ich mich eindeutig dafür entschieden, die Hauskirche zu stärken. Weitgehend haben wir das Gefühl verloren, dass religiöses Leben auch zu Hause stattfinden kann. Das Wort Gottes wird nicht nur in den Kirchenmauern verkündet, sondern auch daheim. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass es viele Familien und Hausgemeinschaften daheim ausprobiert haben, Kirche zu sein. Sie haben selber die Palmbuschen, eine Osterkerze und die Speisen im Osterkörberl gesegnet. Dahinter steckt der Gedanke: Hinter dem Segen eines Getauften, gleich welchen Standes, steht Christus. Er selbst ist es, der segnet. Manche haben gar ein Osterfeuer im Garten entzündet. Diese Menschen haben sich selber als Liturginnen und Liturgen erfahren, als Trägerinnen und Träger des Gottesdienstes. Das macht sie zu mündigen Christinnen und Christen. Gottesdienste via Fernsehen, Radio oder Internet können das unterstützen, wenn sie zum persönlichen Beten anregen und die Feier zu Hause – ob alleine oder in Gemeinschaft – unterstützen. ZDF, BR und der Sankt Michaelsbund leisten hier super Arbeit. Ein bloßes Anschauen ohne innere Anteilnahme oder gar ein Berieselnlassen sind in keinem Falle sinnvoll – weder digital noch analog. (Pfarrer Stephan Fischbacher Dekan-Stellvertreter des Dekanats Miesbach und Pfarrer des Pfarrverbands Waakirchen-Schaftlach)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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