Impuls von Pater Cornelius Bohl Du bist mir nicht egal

16.12.2018

An Weihnachten lässt uns Gott spüren: Ich weiß, dass du da bist. Du bist mir nicht egal. Wie wir diese Erfahrung jeden Tag machen können, verrät Pater Cornelius Bohl hier.

Was ist mit den Flüchtlingen, die im Mittelmeer ertrinken? Weiß denn jemand, dass sie da waren?, fragt Pater Cornelius Bohl.
Was ist mit den Flüchtlingen, die im Mittelmeer ertrinken? Weiß denn jemand, dass sie da waren?, fragt Pater Cornelius Bohl. © imago/Rene Traut

Der Leiter eines Kinderkrankenhauses in Managua hat bis spät am Abend gearbeitet. Er will nach Hause, daheim erwartet ihn seine Familie. Er macht einen letzten Kontrollgang. Da hört er hinter sich Schritte. Im Halbdunkel erkennt er einen der kleinen Patienten, ein Kind ohne Angehörige, sein Gesicht ist schon vom Tod gezeichnet. Als er auf den Buben zugeht, ergreift dieser seine Hand. „Sag doch irgendjemandem“ – flüstert er – „sag doch bitte irgendjemandem, dass ich hier bin.“

Ein spanischer Mitbruder hat mir einmal diese Geschichte erzählt. Was für ein Bild: Der Mensch, vom Tod gezeichnet, denn er läuft mit jedem Tag auf sein Ende zu, irrt verloren durch das Halbdunkel seines Lebens, streckt die Hand ins Leere und ruft: Weiß denn jemand, dass ich hier bin?

Es muss jemanden geben, der weiß, dass ich hier bin!

Mir kommt diese Geschichte in diesen Tagen wieder in den Sinn. Das ist Advent, diese stumme Sehnsucht, manchmal vielleicht auch ein Schrei voller Angst oder eine leise geflüsterte Hoffnung: Es muss doch jemanden geben, der weiß, dass ich hier bin!

Zum Glück gibt es Menschen, die wissen, dass ich da bin, und denen das nicht egal ist. Ich habe Mitbrüder, eine Familie, Freunde und Bekannte. Aber was ist mit den Flüchtlingen, die, für mich ohne Gesicht, im Mittelmeer ertrinken? Mit den Kindern, die im Sudan verhungern? Mit den namenlosen Opfern der Konzentrationslager und Gulags, der Genozide und Pogrome, die in den Geschichtsbüchern als gerundete Zahlen auftauchen, wobei es oft auf ein paar tausend mehr oder weniger scheinbar nicht ankommt? Weiß denn jemand, dass sie da waren?

Pater Cornelius Bohl ist Provinizialminister der Deutschen Franziskanerprovinz.
Pater Cornelius Bohl ist Provinizialminister der Deutschen Franziskanerprovinz. © privat

Ich weiß, dass du da bist

In einer guten Woche ist Heiligabend. Da kann das Adventsbild zum Weihnachtsbild werden. In seiner Menschwerdung ergreift Gott die Hand, die wir ihm entgegenstrecken, und lässt uns spüren: Ich weiß, dass du da bist. Du bist mir nicht egal.

Es ist gut, Advent und Weihnachten zu feiern, jedes Jahr. Aber vor allem kann ich Advent und Weihnachten leben, jeden Tag. Wenn ich jetzt in den Adventstagen wirklich versuche, ab und zu einmal still zu werden, dann höre ich diesen Schrei vieler Menschen: Es muss doch irgendjemanden geben, der weiß, dass ich hier bin. Und es wird jedes Mal Weihnachten, wenn mir jemand in mein Dunkel hinein die Hand reicht und mir sagt: Ich weiß, dass du da bist. Oder wo ich einem anderen meine Hände entgegenstrecke und ihn erfahren lasse: Du bist mir nicht egal.


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