Das christliche Gottesbild Du sollst dir kein eindeutiges Bild von mir machen können!

13.03.2020

Wer oder was ist eigentlich Gott? Mit dieser Frage schlagen sich die Menschen seit Jahrtausenden herum. Je nach den historischen Umständen und der gesellschaftlichen Situation haben sie ganz unterschiedliche Antworten gefunden.

Michelangelos "Die Erschaffung des Adam" zeigt, wie sich der Künstler im 16. Jahrhundert Gott vorstellte.
Michelangelos "Die Erschaffung des Adam" zeigt, wie sich der Künstler im 16. Jahrhundert Gott vorstellte. © imago images / StockTrek Images

Gott ist ein älterer Herr mit langem weißen Bart. Zumindest Michelangelo schien sich da sicher zu sein, als er seine Fresken in der Sixtinischen Kapelle malte. Wer kennt nicht das Bild von der Erschaffung des Adam – auf dem Gott mit wehendem Bart dem ersten Menschen seinen Arm entgegenstreckt? Es ist eine Darstellung des Alten Testaments, die in der Renaisance entstand. Mit dem Gottesbild des Alten Testamente hat es aber wenig zu tun. Michelangelo stellt sich Gott nämlich ganz anders vor, als das frühe Judentum, erklärt Hermann Stipp, emeritierter Professor für alttestamentliche Exegese an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität: „Im Alten Testament ist eben JHWH eine ziemlich dynamische Figur, aber ein alter Mann ist das nicht gewesen."

Glaube hat sich entwickelt

Doch nicht nur von frühjüdischen Gottesbildern unterscheidet sich Michelangelos Darstellung vor gut 500 Jahren. Auch heute stellen sich die wenigsten Menschen Gott als alten Mann vor. Daran sieht man, wie sich Gottesbilder wandeln, sagt Stipp: „Unser Glaube ist nicht einfach vom Himmel gefallen, sondern hat sich entwickelt." Eine Entwicklung, die davon abhängig gewesen sei, unter welchen Bedingungen die Menschen leben mussten, welche Bedürfnisse sie hatten und welche Hoffnungen sie dann an Gott gerichtet haben.

"Er musste zunächst anreisen"

Heute stellen sich die meisten Christen Gott als ein liebendes und fürsorgliches Wesen im Verborgenen vor. Als übermächtige Kreatur, die auf der Erde auftritt und dort ihre göttlichen Kräfte zeigt, stellt sich Gott aber kaum jemand vor. Während der Anfänge der jüdisch-christlichen Religion war das noch ganz anders. „Wir können unsere Tradition über einen Zeitraum von bis zu annähernd 3000 Jahren zurückverfolgen,“ sagt Exeget Hermann Stipp. In dieser Frühzeit sei der israelische Gott JHWH als Kriegs- und Wettergott verehrt werden. Eine damals in der der Levante, dem nahen und mittleren Osten, verbreitete Gottesvorstellung. „Dazu gehört eben auch, dass dieser Gott einen festen Wohnort hat, der aber nicht in Israel sondern irgendwo im nordwestarabischen Raum vermutet wurde.“ sagt Stipp. Wenn dieser Gott zum Beispiel in einer Schlacht benötigt wurde, „dann musste er zunächst anreisen.“

Begleitet wurde sein Auftreten dann von Erdbeben, Blitzen und Donner, hinter denen die Menschen ihren Gott vermuteten. Solche Theophanien – Gotteserscheinungen, wie Bibelwissenschaftler das nennen – wirken heute ziemlich archaisch und das sind sie ja auch. Das Bild, das Menschen sich von Gott machen, entstehe nämlich immer auch in einem anthropologischen Kontext, sagt der Theologe Stipp: „Das hat einfach den Grund, dass Gottesbilder aus Erfahrungen erwachsen: Menschen machen Lebenserfahrungen, glauben, darin Gott zu entdecken, seinen Beistand und sein Wirken zu erkennen und formen daraus ihre jeweils Aspekt bezogenen – also immer auch begrenzten – Gottesbilder.“

300 Jahre bis aus Jesus Gott wurde

Gott ist für Menschen also immer anthropomorph: Der Mensch vermenschlicht ihn in seiner Vorstellung. Dieses Vorgehen ist in allen Religionen zu finden, im Christentum ist es aber besonders kompliziert. Hier wird Gott nicht nur vermenschlicht, Gott wird selbst Mensch in Jesus von Nazareth. Aber auch diese Gottesvorstellung hat schon eine Geschichte durchlaufen, sagt Gerd Häfner, Professor für neutestamentliche Exegese an der LMU. Ob Jesus in Neuen Testament schon mit Gott beschrieben werden kann, sei nämlich hoch umstritten. Im Matthäus-Evangelium wird Jüngern der Auftrag erteilt, dass sie zu allen Völkern gehen und sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen sollen. „Aber wie diese drei Größen zusammenhängen, das wird noch nicht spekulativ durchdrungen“, sagt Häfner.

Gott - ein strenger Richter?

Bis sich die Christenheit einig wird, dass auch Jesus als Gott bezeichnet werden kann, dauert es fast 300 Jahre bis zum Konzil von Nizäa. Das Ergebnis ist in weiten Teilen das Glaubensbekenntnis, das auch heute noch in der Kirche gebetet wird. Das Bild, das Menschen sich von Gott machen, ist also keineswegs statisch. Es verändert sich ständig, auch in der heutigen Zeit. Da wird Gott vor allem als liebender und nachsichtiger Gott gedacht, mit der Vorstellung von Gott als strengem Richter tun sich viele Gläubige hingegen aber schwer. Diese Entwicklung sieht Hermann Stipp kritisch: „Da sehe ich die Gefahr, dass das Gottesbild in einer Weise vereinfacht wird. Unsere ganze jüdisch-christliche Tradition sagt uns zwar, dass Gott sein Volk auf der einen Seite liebt, aber die ist nicht kritiklos oder grenzenlos nachsichtig.“ Dieser Gott des Alten Testaments habe viel mehr den Anspruch, dass sein Volk etwas leiste, sagt Stipp. „Er will von seinem Volk, dass es wichtige ethische Standards einhält.“ Wenn er dann als strafender Gott auftrete, dann vor allem deshalb weil das Volk diesem Anspruch zuvor nicht gerecht geworden sei.

Veränderung gehört dazu

Zu diesem kompliziertem Verhältnisses des jüdischen Gottes zu seinem Volk gehörte aber auch immer dazu, dass die Gläubigen nicht immer genau wussten, was Gott von Ihnen will, und auch nicht immer wussten, wofür sie bestraft werden. Das alttestamentliche Buch Ijob, über einen herausragenden frommen Mann, der dennoch von Gott mit einem schweren Schicksal gestraft wurde, behandelt diese Thematik. Die ständige Suche nach dem Willen Gottes gehört zum Glauben also grundsätzlich dazu und sorgt auch dafür, dass sich das Gottesbild ständig ändert, sagt Neutestamentler Gerd Häfner: „Ich glaube, dass Gott immer in der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Gegenwart gedacht wird. Und insofern gehört da immer auch ein Moment der Aktualisierung dazu und damit auch der Veränderung.“ Gott neu zu denken, ist also nicht nur erlaubt – es gehört fundamental zum Glauben dazu.

Der Autor
Korbinian Bauer
Radioredakteur
k.bauer@st-michaelsbund.de


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